Angeklagt von Mariella Mehr, 2002, Nagel & Kimche1.) - 2.)

Angeklagt.
Roman von Mariella Mehr (2002, Nagel & Kimche).
Besprechung von Fredi Lerch aus der Wochenzeitung, Zürich, 8.5.2002:

Aus Verletzungen entsteht der Wille, sich gewalttätig Luft zu verschaffen. Kein Thema für psychologische oder soziologische Untersuchungen, sondern Ausgangspunkt für Literatur, die diesen Namen verdient.

«Ja, jetzt geht dir endlich das Herz auf», sagt Kari Selb. Und: «Schluss mit dem Scherbengericht.» Mit Scherbengerichten haben die alten Griechen Mitbürger aus ihrer Gemeinschaft verbannt, indem sie ihre Namen auf eine Scherbe schrieben. Kari Selb mit der blutigen Scherbe in der Hand, mit der sie jenen Menschen aus dem Leben verbannt hat, der sie aus der sozialen Welt verbannen sollte. Das ist das Schlussbild des neuen Romans «Angeklagt» und damit der Trilogie, deren erste beiden Teile die Romane «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998) von Mariella Mehr bilden.

Rote Schuhe bedeuten Tod
Nahtlos verschränkt ist dieses Schlussbild mit dem Anfang des Romans: «Ich bin im Zustand der Gnade. Ich töte. Ich bin. Auf diese kurze Formel gebracht, betrachte ich mein Leben als gelungen.» So setzt der Monolog ein, mit dem die 26-jährige Kari Selb der Gerichtspsychologin ihr Leben erzählt. Der Raum ist von ausgesuchter Kargheit: «Kein Tisch, wäre zu einfach. Nur zwei Stühle. Weiss. Vier Wände. Weiss. Eine Tür. Weiss. Eine Decke über uns. Weiss. Ein Fensterrahmen. Weiss. Ein aufklappbares Abstellbrett. Weiss. Und vier mal sechs Meter grünes Linoleum. Grün wie die Klingelschnur. Still-Leben.» Zugewiesen worden ist die Redende vom Untersuchungsrichter, der sich aufgrund seiner Ergebnisse fragen musste, ob jemand zurechnungsfähig sein könne, der Hunde vergiftet und junge Katzen zerdrückt, gewohnheitsmässig Brände legt und ohne nachvollziehbares Motiv Morde begeht. Darum findet dieses psychologische Scherbengericht statt: Die Angeklagte kämpft gegen ihre lebenslängliche Verbannung in die Unzurechnungsfähigkeit.
Über ihr Elternhaus sagt sie: «Ich litt nicht darunter. Ich wartete.» Ihr Vater, Architekt in einem zur Agglomeration verkommenen Dorf, «trank und verhurte sein Geld». Die Mutter war schwere Alkoholikerin. Vom Grossvater, im Krieg «Hundestaffelführer», der es «mit Kindern trieb», weiss sie nur vom Hörensagen. Im «Gästezimmer», einer Mansarde unter dem Dach, feiern die Eltern zusammen mit der Schwester der Mutter wüste Feste, wobei der Vater ab und zu «Abstecher» macht ins Kinderzimmer: «Ist das erst ein Spass so was Enges Widerspenstiges aber was solls sind alle zu stopfen.» Später verlässt er seine Frau und zieht zur Schwägerin.
Bis zum zwölften Lebensjahr sei sie «ein ausgesprochen artiges Kind» gewesen, erzählt Kari Selb. Dann taucht plötzlich Malik auf: «Sie lachte über meine Verblüffung, hakte sich bei mir ein und blieb.» An ihrem dreizehnten Geburtstag steckt Selb in Maliks Begleitung eine Telefonzelle an, dann das Haus an der Löwengasse «in der Stadt meines abtrünnigen Vaters», der Bauernhof von Franz Huber ist dann schon der fünfte Brand in fünf Wochen, später brennt im Hafen das Schiff des Mädchenhändlers Kohli.
Als «Dritter im Bunde» kommt Seraphim dazu. Von jetzt an sind Kari, Malik und Seraphim oft gemeinsam unterwegs. Sie tragen abwechslungsweise die roten Schuhe, die Kari vom Vater zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, und zwar obschon der «Hohn» ihres leuchtenden Rots in ihr von Anfang an eine «unbändige Wut» auslöst. Die Frauen, die sie später ermordet, tragen alle «zur falschen Zeit am falschen Ort die falschen Schuhe», nämlich rote.

Phasen der Identitätszerstörung
Mariella Mehr arbeitet mit bekannten Topoi. Waren nicht auch Max Frischs Ludwig Anatol Stiller (1954), Jörg Steiners Rudolf Benninger («Strafarbeit», 1962), Walter Matthias Diggelmanns Harry Wind (1962) oder Siegfried Lenz’ Siggi Jepsen («Deutschstunde», 1968) Internierte, die genötigt wurden, ihr Leben zu erzählen? Hat nicht auch Otto F. Walter in «Die verlorene Geschichte» (1993) eine Sprache gesucht für den sprachlosen Eisenleger Polo Ferro? Zeigten nicht auch Filme wie Jonathan Demmes «Silence of the Lambs» (1991), Bruce Robinsons «Jennifer Eight» (1992) oder David Finchers «Seven» (1995) so genannte «serial killers», die nach irgendwelchen hirnrissigen Kriterien
Menschen töteten?
Die Originalität der drei Romane Mariella Mehrs – scheint mir – ist in der raffinierten Behandlung der jeweiligen Erzählposition zu suchen, die die drei Bücher logisch zur Trilogie verbinden: Mit diesem genuin literarischen Mittel wird im ersten Roman die Brechung einer Identität gezeigt, im zweiten das paralysierte Leben mit zerbrochener Identität und im dritten nun die beängstigende Neuformierung von Identitätsbruchstücken. Konkret:
• «Daskind spricht nicht, hat nie gesprochen. Schweigt düster»: Dieser Erzählposition ordnete Mehr im ersten Roman eine
impulsive Sprache voller syntaktischer Umkehrungen und Verkürzungen zu. So wurde die Zerstörung des Pflegekindes durch Inzucht, Bigotterie und Gewalt eingeschrieben in die Sprachgestalt des Texts.
• In «Brandzauber» spiegelt sich Annas schwankende Identität in der häufig von Abschnitt zu Abschnitt hin- und herspringenden Perspektive zwischen Innensicht (Ich-Anna) und Aussensicht (Sie-Anna). Einerseits erzählt die Autorin über ihre Protagonistin, eine Heiltherapeutin mit jenischen Wurzeln, andererseits scheint sie sie selber zu sein: Ich sind zwei.
• Kari Selb nun sagt von sich zwar: «Ich gehe auf dem Niemandsstreifen zwischen Traum und Wirklichkeit», erzählt aber ihre Geschichte mit starkem Ich. Merkwürdig freilich sind Malik und Seraphim, die sich immer mehr als abgespaltene Teile dieses Ichs, als innerpsychische Stimmen entpuppen, die an einer Stelle «synchron» flüstern: «Vergiss es, nichts gibt dich dir zurück.» Ich sind drei. Kari Selb hat zwar eine Identität zurückgewonnen, aber um den Preis, dass sie sich selber unwiederbringlich verloren hat.
Das Motto, das sich über alle drei Romane setzen liesse, findet sich in «Brandzauber»: «Wird man erst für verrückt gehalten, bleiben nur wenige Möglichkeiten, sich verständlich zu machen.» Sich verständlich zu machen, versuchen alle drei Protagonistinnen, nicht zuletzt, indem sie sich aus der wahnsinnigen Welt, die sie zerstört, zu befreien versuchen, indem sie zu töten beginnen.
Die zentrale Frage, die Mehr in ihrer Trilogie behandelt, lautet: Wie werden Verletzungen in einem Opfer zum Willen, sich gewalttätig Luft zu verschaffen? Von Buch zu Buch spitzt sie die Antwort formal weiter zu: Während sie in «Daskind» noch den sozialen Kosmos eines ganzen Dorfes und in «Brandzauber» eine Privatklinik und ein Treibhaus entwirft, in dem nicht nur die Fleisch fressenden Pflanzen, sondern auch die Metaphern üppig blühen, ist nun in «Angeklagt» Kulisse, Metaphorik und Sprache reduziert auf das unausweichliche Es-ist-wie-es-ist: Die wahnsinnige Welt ist der verdrängte Schmerz ist die Gegengewalt.
So gesehen ist Mariella Mehrs neuer Text von einer gnadenlosen formalen und inhaltlichen Konsequenz: in seiner zweifelsfreien Amoralität schwer erträglich, aber Literatur, die diesen Namen verdient. «Angeklagt» ist radikaler als das meiste, was als radikal gilt. Wo andere den Wahnsinn der Normalität zu zeigen versuchen würden, zeigt Mariella Mehr die Normalität des Wahnsinns. Wer sich diesem Text aussetzt, wird sich dem Sog seiner Logik nur schwer entziehen können. Sie steckt in allen.

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Angeklagt von Mariella Mehr, 2002, Nagel & Kimche2.)

Angeklagt.
Roman von Mariella Mehr (2002, Nagel & Kimche).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Zürcher Zeitung vom 6.06.2002:

Die Logik des Tötens
Mariella Mehrs neuer Roman «Angeklagt»

Manchmal holen Fakten die Fiktion ein - und bestätigen damit lediglich den Reiz der Literatur: Sie birgt als Panoptikum des Denkens und Imaginierens die ganze menschliche Kombinatorik von Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Mit dem so eingängigen wie simplen «Ich stelle mir vor» sprach die Erzählstimme in Max Frischs «Mein Name sei Gantenbein» aus, was die literarische Narration in Gang hält.

Holt aber Realität die Fiktion von Mariella Mehr ein, dann wird der Reiz zu einer Reizung, die das Schmerzhafte der Imagination ganz unerbittlich zwischen den Zeilen hervorzwingt: So genau, wie die Autorin an den gesellschaftlichen Rändern die Nervenstränge blosslegt, so genau hätte man's eigentlich nicht wissen wollen. Und ist dennoch lesend Zeuge einer literarischen Vivisektion, die mit Mariella Mehrs neustem Roman «Angeklagt» in ihre dritte und finale Versuchsanordnung übergegangen ist.

Wie wird aus dem Opfer eine Täterin? So lautet die vermeintliche Grundfrage, auf die Mariella Mehr mit ihren drei jüngsten, zu einer Trilogie des Verletzens zusammengefassten Romanen antwortet. In allen drei holt das Opfer aus und schlägt zu; das Opfer quält, tötet. Dennoch begeht es im Grunde keine Untat, sondern verschafft sich lediglich seine Art der Genugtuung. Und wird so wiederum zum Opfer einer Gesellschaft, die Taten nicht nur als Taten zu erkennen, sondern auch zu ahnden weiss.

«Daskind» hiess, demütigend unbestimmt, die Protagonistin im gleichnamigen Roman von 1995. Im falschen dörflichen Idyll war das Kind ein Findling der andern Art: Sprach-, namen- und vermeintlich widerstandslos stolperte es durch eine trübe Kindheit, während sich die Dorfgesellschaft an dessen Leib und Seele verging. Doch es träumte vom Zurückschlagen. Und fand in der bedrohlichen Gegenwelt hier und dort auch die empfindlichen Stellen, an denen sein eigener Schmerz zu dem eines andern wurde.

Kunstvoll und irritierend war die Sprache, krude und poetisch zugleich, mit der Mariella Mehr in «Daskind» dessen verstörte Innenwelt ausleuchtete. Satz um Satz war die kindliche Verwirrung elaboriert, Hiebe und Missbrauch wurden sprachlich eingemeisselt. Im Kinderblick spiegelte sich zwar das gnadenlose Kesseltreiben der Dorfgesellschaft, aber eine ebenso schonungslose Erzählinstanz kolportierte es an die Leserschaft, die sich somit dem Grausamen in der gesellschaftlichen Randzone ausgeliefert sah.

In «Brandzauber» (1998) trieb Mariella Mehr die verwirrende Ästhetik von Schmerz und Gewalt weiter, indem sie ihrer weiblichen Opferfigur ein ebenso randständiges Gegenüber gab. Deren gemeinsame Suche nach lebensechten Empfindungen mündete in sadomasochistische Exzesse - auf die wiederum ihr Umfeld mit Überwachen und Strafen antwortete. Der Schmerz als «schönste Form des Glücks»: Die Autorin hatte nach einem erbarmungslos einfachen und klaren Ausdruck für das Schmerzensmass ihrer Protagonistinnen gesucht. Sie fand ihn nicht nur im Wechsel von Innen- und Aussenperspektive, sondern auch in einem ganzen Motivarsenal, mit dem sie den Erzählgang geradezu obsessiv bearbeitete.

Kreuz und Kreuzigung, Zunder und Feuer, Qual und Tieropfer: In «Daskind» und in «Brandzauber» hat Mariella Mehr die notwendige Auslegeordnung ihrer Leit- und Leidmotive vorgenommen, um sie nun in ihrem neusten Roman mit einer heftigen Schreibbewegung vom Tisch zu fegen. War in den Augen der angeprangerten Gesellschaft «Daskind» ein «Bastard», in «Brandzauber» das eine Mädchen die «Zigeunerschlampe» und das andere eine «Judenhure», so ist in «Angeklagt» - als Kulmination der Trilogie - der Rand in die Mitte gewandert. Mittelständisch ist die Herkunft der weiblichen Hauptfigur. Was sie aber mitnichten davor feit, dass das elterliche Einfamilienhaus über einen Abgrund aus Alkohol, Missbrauch und Vernachlässigung gebaut ist.

Kari Selb, so heisst die junge Frau, die in «Angeklagt» mit einem beschleunigenden Monolog aus ihrem Leben berichtet, entwächst einer schwierigen Kindheit und wird als Adoleszente in einer eigenwilligen Lust heimisch: Sie zerstört mit Hingabe. Erst brandstiftend, dann mordend. Hinter ihren Taten steckt weder ein greifbares Motiv, noch kennt ihre Zerstörungslust ein Ziel. Im Zerstören ist Kari Selb aber endlich nicht mehr allein. Malik heisst das weibliche Alter Ego, der schützende Racheengel, der ihr zur Seite steht, wenn wieder einmal Hand angelegt wird.

Eine Phantasmagorie als Freundin - mit Malik wählt Mariella Mehr eine ausdrucksstarke Chiffre für Einsamkeit und Wahnsinn zugleich, um ihre Protagonistin ganz der Dynamik der Destruktion zu überlassen. Umso konsequenter ist die Erzählanordnung im Monolog: Kari Selb, ihrer Taten angeklagt, hält ihn vor der Gerichtspsychologin, die sie mit der Brandrede von ihrer Zurechnungsfähigkeit überzeugen will. Zwangsläufig ist dies ein so paradoxer wie sinnloser Kampf um Respekt für eine Person, die sich ausserhalb der gesellschaftlichen Normen eine Strategie fürs Überleben zurechtgelegt hat......Fortsetzung

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