An einem Tag wie diesem von Peter Stamm, S. Fischer, 2006An einem Tag wie diesem.
Roman von Peter Stamm (2006, S. Fischer).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 26.08.2006:

Fluchtbewegungen
Peter Stamms neuer Roman "An einem Tag wie diesem" bleibt an der Oberfläche

Andreas liebte die Leere des Morgens", so beginnt Peter Stamm seinen Roman An einem Tag wie diesem. Ungebundene Figuren, die ihrer Umwelt und bisweilen sich selbst scheinbar gleichgültig gegenüberstehen, sind das Grundpersonal des 1963 geborenen Schweizers. In einem adäquaten, nüchternen Stil, in gekonnten Erzählbögen gelingt es ihm - besonders in seinem letzten Roman Ungefähre Landschaft -, die Kälte oder auch die existenzielle Kargheit einer Lebensoberfläche zu schildern und zugleich eine mitschwingende Merkwürdigkeit erahnen zu lassen. Im neuen Werk schafft er dies kaum.

Jugendliebe

Andreas hat sein Schweizer Dorf verlassen und lebt in Paris. In einem Vorortgymnasium unterrichtet er Deutsch, alle zwei Wochen schläft er mit Nadja, mittwochs mit Sylvie. Beide bleiben ihm fremd; wie die anderen Nebenrollen wirken sie blass. Die Ordnung in seinem, mit wenig Inhalt versehenen Rahmen gibt Andreas Halt. Dazu kommen gelegentliche Vorstellungen von anderen Möglichkeiten und ein paar Erinnerungen, an die verstorbenen Eltern, vor allem an die unerfüllte Jugendliebe zu Fabienne, die nun mit seinem früheren Freund verheiratet ist.

"Die Leere war sein Leben"

Kierkegaard erklärte, das wahre Glück liege in der Wiederholung. Über Andreas schreibt Stamm: "Er mochte die Leere der Wiederholung. Er genoss das Gefühl, dass Nadja mit ihren Gedanken anderswo war, dass sie ihm ihren Körper nur zur Verfügung stellte." Und weiter: "Die Leere war sein Leben, waren die achtzehn Jahre, die er in dieser Stadt verbracht hatte, ohne dass sich etwas verändert hatte."

Am Schulschluss redet Andreas mit der jungen Kollegin Delphine über die Desillusion im Beruf, schläft mit ihr, erleidet einen Lungeneingriff zur Gewebeentnahme. Delphine umsorgt ihn in seiner kleinen Wohnung, im Spiegel sieht er in seinem "abweisendes Gesicht" einen "Ausdruck gleichgültiger Freundlichkeit."

Als er den Arztbefund hören soll, befürchtet er das Schlimmste, läuft zuvor aus dem Wartezimmer weg und beschließt, ein neues Leben zu beginnen. Niemand, bildet er sich phrasenhaft ein, dürfe von seiner Krankheit wissen (von der er selbst nichts Genaues weiß), das sei - was das auch bedeuten soll - seine "einzige Chance." "Du bist allein, egal mit wem du zusammen bist", sagt Nadja zum Abschied.

Erinnerungen

Andreas kündigt den Schuldienst, bietet die Wohnung zum Verkauf an, fährt in die Bretagne zu einem Kollegen, bei dessen Frau er sich kurz anlehnt. Nach Paris zurückgekehrt, wirft er einen Großteil seiner Habe weg. Ernüchternd bilanziert er, sein Leben erscheine ihm als eine "Abfolge von Schulstunden, von Zigaretten und Mahlzeiten, Kinobesuchen, Treffen mit Geliebten und Freunden, die ihm im Grunde nichts bedeuten."

Er kauft einen alten 2CV und fährt in die Schweiz, Delphine nimmt er mit. Im Dorf kommt ihm einiges fremd, anderes noch bekannt vor; die Erinnerungen sind kaum mehr als Klischees. Andreas trifft Fabienne wieder, lässt Delphine abreisen, schläft mit Fabienne, weiß aber nicht, was er von ihr will, besucht seinen Bruder und dessen Familie im Elternhaus, fährt ab, an den Atlantik.

Paris

Die wenig originelle Geschichte erzählt Peter Stamm aus der personalen Perspektive seiner Hauptfigur, entsprechend in einem Duktus der Belanglosigkeit, der an der Oberfläche der Beobachtungen und Gedanken bleibt. Paris ließe zwar einen Hauch differenzierter Fremdheit vermuten, liefert jedoch nur topographische Namen, ein paar unspezifische Momente und die simple Charakterisierung, die Stadt sei schön, "von jenem silbernen Glanz überzogen."

Von einem, der so lange hier lebt, könnte man weniger Plakatives erwarten. Dies gilt auch für die "Pariserin, wie Andreas sie sich vorstellte": "Sie war kulturell interessiert, las viel und ging zu Ausstellungen und in klassische Konzerte."

Wendung seines Lebens

Stamm schreibt seinem Protagonisten keine andere Entwicklung zu als die Fluchtbewegung. Außer dass ihn nichts wirklich berührt, verhält und äußert er sich nicht konsequent. Die Widersprüche referiert der Erzähler: Der Entschluss zum Neubeginn "beflügelte ihn", und nur ein paar Tage danach will er den Gedanken an irgendeine Wendung seines Lebens "längst aufgegeben" haben. Einmal heißt es, dass sich Andreas "nie als einen kalten Menschen betrachtet hatte", meist jedoch gilt der Satz "Im Grunde war es einerlei." Als eine kleine Reihe der Belanglosigkeiten erscheinen denn auch sein Tun und seine Wahrnehmungen, alles im einfachen Ton.

Auf die Dauer werden der additive Satzbau - und, und, und -, die vielen "war" langweilig: "Das Gewitter war nicht losgebrochen. Die Wolken waren vorbeigezogen, nur im Osten war der Himmel noch dunkel (...) Es war fünf, als Andreas zurück ins Hotel kam. Delphine war nicht da."

Zementplatten

Manche Passage wirkt ungelenk in ihrer Kargheit, wenig empfindsam das Wiedersehen mit der Jugendliebe: "Der Tisch war gedeckt. Fabienne sagte, sie habe einen Kuchen gebacken und Eistee gemacht. Der Kuchen sei noch ein wenig warm. Andreas sagte, das wäre nicht nötig gewesen. Sie sagte, er solle schon hinausgehen, sie komme gleich."

Die Präzision, die ihn auszeichnet, hat Stamm nicht immer walten lassen. Ein Beispiel: Die Zementplatten im Hof habe man "vor Jahren ersetzt aus irgendeinem Grund" - irgendeinen Grund hat es sicher gegeben, der Ausdruck allerdings bleibt so, ohne Information, bedeutungslos.

Eine einfache Geschichte, recht vorhersehbar. Von Literatur aber möchte man - auch - überrascht werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © Der Standard/K.Z.