An die sieben Himmel von Gregor Laschen, 2001, Wunderhorn

An die sieben Himmel.
Lyriker und Erzähler besuchen sieben Landschaften von Gregor Laschen (2002, Verlag Das Wunderhorn).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 23.11.2002:

Forellenstimmen
Anmutsschwellen: Gregor Laschen schickte für seine Anthologie sieben Dichter durch sieben Landschaften

Von der Anmut der Orte und Landschaften, die sie aufsuchen, schreiben sie nicht. Dennoch gilt für jeden der von Gregor Laschen in diesem Band versammelten Autoren, dass sie einer Anmut verfallen sind, die es ihnen schwer macht, die Gegenden, die ihnen manchmal auch Heimsuchungen sind, wieder zu verlassen. Mindestens die imaginären, die kindersehnsuchtsvollen Bande setzen sich da durch. Die landschaftliche Anmutsschwelle, von der im 13. Jahrhundert bereits Thomas von Aquin wusste, haben sie ganz und gar verinnerlicht. Was sie festhält, fassen sie in Worte, die sich aus der Kulisse des Erwartbaren zu wagen versuchen und noch damit die kulturellen und symbolischen Konventionen bedienen, denen die Wahrnehmung, das Gedächtnis und der Entwurf von Landschaft in der Gegenwart unterliegen.

Um diese tatsächliche Niederlage fassen zu können, wird sie zwischen autobiografische, soziale oder geistige Furniere geleimt. Metastasengleich hat sich Zivilisationskritik in die Eingeweide verlagert, in das fotoalbenhafte Synapsentraining geistesgegenwärtiger Wortemacher. Die Himmel, die sich über die Landschaften des deutschen Südwestens wölben, zeigen vor allem Schriftbilder: Natur ist das, was entziffert oder - gleich einem kulturhistorischen Formular - beschriftet werden muss. In seiner herausgeberischen Aufgabenstellung lässt Laschen die Tradition der natürlichen Begriffsverwirrung kurz Revue passieren, an deren Ende immer noch auf gut romantisch fraglich sein soll, ob nur die Natur beschrieben wird oder auch wir von ihr geschrieben werden. Die Dichtung soll eine Instanz der Verwandlung sein. Ein Kriterium für den Zustand des Verhältnisses von Dichtung und Natur in der deutschen Gegenwartsliteratur könnte demnach sein, was verwandelt wird: Überführt der Autor, was er sieht und vor allem erinnert, in seine Seelenlandschaft, dehnt er sich aus, verleibt er sich ein, was er nicht schon mitgebracht hat - oder wird der Text, die Buchstabentopographie zum Ort der Verwandlung?

Christoph Peters, der mit seinem niederrheinischen Heimatslandschaftsroman Stadt Land Fluß von 1999 der rheinland-pfälzischen Unternehmung Gregor Laschens das Motto gegeben hat, unternimmt eine Expedition in die Vulkaneifel, brockhausgefüttert und - das charakterisiert seinen Beitrag mehr als alles andere - unterwegs mit dem Taxi. Die Landeszentrale für Umweltaufklärung in Mainz hat sich den letztjährigen Kultursommer offensichtlich etwas kosten lassen. Das Opfer der Konversation, die Peters seinem Lexikon abgezapft hat, ist hier der Leser. Den Menschen, den er bei den Maaren begegnet ist, den vielleicht tatsächlich Eingeborenen gegenüber trumpft der Schriftsteller als Nachschlage-Ethnograph auf. Auf seine Art ist dieser distanzierte Beobachter maßlos. Er bilanziert Verluste in der strukturschwachen Region, die einst Urlaubsziel seiner Kindheit war. Was er erinnert, könnte auch erfunden sein, so sagt er, und es könnte vor allem die Erinnerung an eine fortwirkende Betäubung sein. Das sind Todesgeschichten, und sie hallen nach aus der Zeit, als beim Familienabendbrot keiner wusste, was er sagen soll, als der Knabe nichts wusste und nun feststellt, dass die Welt des Lexikons ihm immer noch fern und die Maare in der Eifel immer noch fremd sind.

Die fadenscheinige Neugier des beobachtenden Sympathisanten in der seligen Tradition einer Literatur der Arbeitswelt trieb Katja Lange-Müller nach Ludwigshafen zu BASF und ans Grab von Hannelore Kohl. Erwartbare Anekdoten hellen den üblichen schwefelgelben Himmel hier nicht auf. Und Uwe Kolbe war auf Hölderlins Spuren unterwegs, immer ein wenig, als würde er sich wundern, dass nun auch er einen solch schmalen und dabei doch so merkwürdig ausgetretenen Pfad begeht.

Heimischer sind zweifellos die Gedichte Hans Thills, nur kommen sie kaum aus dieser Fremde heraus. Sie probieren eine Art Naivität sehenden Auges, das schöne Dilemma verschriftend, dass in dieser gründlich auseinandergenommenen Landschaft unterwegs oder gar zuhause zu sein, keine Lösung verträgt. Der Naturrest, beschädigt oder verblendet, bleibt für ihn bestehen.

Wie anders geht da Michael Donhauser, nun durch Rheinhessen. Er geht, wie er schreibt, durch eine Textlandschaft; und wir lesen mit ihm eine glücklich mit der Geliebten durchlebte Ortlosigkeit. Donhauser erwandert sich, was es gibt, enthält sich, anders als es beispielsweise Handke in früheren Texten getan hat, weiterreichender Folgerungen. Ihm ist die Landschaft, wie er schreibt, "in Zeilen angelegt". Wer hier einen Himmel finden will, muss lesen können, in der wunderbar matt-melancholischen, in der verführerischen Sprache Michael Donhausers.

Norbert Hummelts Melodien über den Hunsrück stammen ebenfalls aus der Jugendzeit. Sie transponieren die Stimmen von stummen Wesen, von Forellen und gar von Apfelsaft in Verse und in Prosastücke. Eichendorff ist bisweilen sein Begleiter, dessen Verse, schreibt Hummelt über diese glückliche Allianz, haben ihn noch nie betrogen. Ähnlich dem Vorsatz bei Michael Donhauser ist alles aufgrund seiner Zeichenhaftigkeit gegenwärtig, kann alles Schrift sein. Die Natur von Hummelts Autorschaft kennt Rhythmen, Schwingungen und Laute. In dieser Resonanz treten wir in einen Kindheitsgarten, in dem die Allmacht großer Nähe herrscht, Nähe zu den Fliegen und den Steinen, zu Blicken, Schreien und Erinnerungen, um die es heute auch hier geht: "ich weiß nicht ob ich jung bin oder alt", unter diesem Himmel, der das ganze kleine Buch zu tragen imstande ist, in diesen Gedichten herrscht die Macht der Gleichzeitigkeit, die alles sieht, durchaus mit einem Zittern, und nichts vergisst.

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