Anderswo, nicht hier.
Gedichte von Klaus Martens (
2015, Pop Verlag, mit 15 Grafiken von Eva Wieting).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Oktober 2015:

Hebt auf euer Hörvermögen/ für die verhaltenen Stimmen
Der neue Gedichtband von Klaus Martens, der1944 in Kirchdorf geboren, in Saarbrücken und Urshult (Schweden) lebt und seit Jahrzenten als Lyriker, literarischer Übersetzer und Literaturwissenschaftler arbeitet, macht auf mich als geneigten Leser den Eindruck eines literarischen Vermächtnisses.

Beim Lesen seiner unter dem Titel „Anderswo, nicht hier“ im POP Verlag erschienenen Gedichte kann man sich der Sogwirkung, die deren unglaublich Vielfalt und Gedanken auslösen, nicht entziehen. „Sie sind“, bekennt der Dichter, „viele kleine Romane, ich/ schreibe sie in kürzesten Kapiteln.“

Das Themenspektrum dieser Gedichte ist groß und vielfältig, ihr Ton intensiv, leise und beeindruckend unaufdringlich, musikalisch. Manchmal haftet ihnen etwas geheimnisvoll Rätselhaftes an „als Kammerton im Traum“. Der Dichter scheut in seinen oft fragenden, hintersinnigen Gedichten, weder Reim noch „Wortgeklaube“, weder Sentimentalität noch Ironie: „Seitdem stehe ich fest/ auf dem Boden der Gravitation./ Was mir fehlt an Gewicht, / hab ich an Leichtigkeit.“

Natürlich beschäftigen ihn auch „Die großen Themen“, Geburt, Liebe und Tod, die er in den  Zusammenhang mit der Fragwürdigkeit unserer menschlichen Existenz stellt, „ein Molekül, ein Gedanke/ an ferne Sonnen, zerronnen.“ Aber er befasst sich auch mit allem dazwischen mit Natur, Sehnsucht, Jugend, Alter, Ansichten, Meinungen, Binsenwahrheiten und Sprüchen.

„Am  Geländer des Täglichen“ nimmt uns der Dichter, der weit Gereiste, mit der Frage an die Hand seiner Erinnerungen: „Gibt es einen alten Reim/ der’s Unabänderliche unvergessen macht?“

„Hier aber bin ich/“, konstatiert er, „immer dort geblieben, im Kopf, / wo mein Fernweh ewig ist.“

Oder: „Hier ist es ganz anders, ich bin/ woanders, hier ist es lebensecht.“

„Lebensecht“ sind die Gedichte des Dichters Klaus Martens allemal, authentisch, am eigenen Ich gespürt und erlebt: „645// Eine Jüngere/ an diesem Tag war/ Waisenkind/ Hana Fuchs/ geb./ 3. Juni 1936, / tot-/ brauner Koffer/ mit der Nummer 645.//

Auf meinem Kopfbild/ hat sie rote Haare, / Sommersprossen/ und ein verwehendes Lächeln.“

Der Dichter ist ein scharfsinniger Beobachter, einer, der um die Ecke denkt. „Um die Ecke denken“, schreibt er, „heißt auch: ins Unsichtbare/ denken.“

„Über das Ende gedacht“ formuliert er: „Ich denke, die Ohren hören noch, / bevor der Kern des Wesens entflieht/ und die Lebenden in Sicherheit wiegt.“

Der Dichter kennt die Menschen und es hat etwas von Lakonie, wie er sie durchschaut: „Es ist nicht/ immer die Seite der Sieger, die ihre/ Behauptungen als Wahrheit deklarierten.“

Oder: „So ist das Leben, steht im Almanach/ der Seufzer, es stimmt aber nicht, / wenn du nicht daran glaubst. So ist Literatur.“

Der Dichter benennt die Dinge, wie sie sind, ohne Larmoyanz und Selbstmitleid: „Das Marienbildnis beim Altar:/ ein Nischenprodukt für alte Leute/ wie Erwachsenenwindeln und Zwieback.“

„Menschsein – ein verzweifelt Ding“, weiß er, aber bittet: „Mach mir Widerstand/ mit ungewisser Lösung - / halt mich am Leben.“ Sein Fazit: „Wir sind alle Artisten, / gehen auf rollender Kugel.“

Großartig und variabel weiß der Dichter mit Sprache umzugehen. Er komponiert sie zu einer eigenen, unverkennbaren Martens‘ schen Musik nach dem Motto: „Hört, das Verebben/ der Atempauke/ im ziehenden Leben, / tom-tom, tom-tom.“ Mehr will und kann bedeutende und gute Lyrik vielleicht nicht sein: „…in dem Kahn am Ufer könnte/ ich gut sitzen, unter den alten/ Weiden, während du/ am Brückengeländer stehst/ und schweigend schaust/ in das grüne Wetter, den Fluss/ und den hellen Tag – wohl/ Nachmittag, und ich stehe auch/ bei den Weiden, unsichtbar, und sehe./ Ich schreibe dir ein grünes Bild/ mit einer roten Mütze.“

Dieses Liebesgedicht erinnert mich daran, dass auch die 15 Grafiken von Eva Wieting, der Ehefrau des Dichters, keinesfalls unerwähnt bleiben dürfen, die dieses treffliche Gedichtbuch auch optisch zu einem unabdingbaren Gesamtkunstwerk machen und unterstützen.

Wer sich auf die Gedichte von Klaus Martens einlässt, den werden sie über den Tag hinaus nicht loslassen. Der wird das Leben aus dem Blickwinkel des Dichters womöglich noch einmal neu und überraschend anders kennen und verstehen lernen, ohne dem Sarkasmus des Dichters recht geben zu müssen: „Du hast dir sprunghaft Gedanken/ erlaubt, meistens auf Papier - / wie lang das hält, weiß man ja.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 1015 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke