An der schönen blauen Donau von Ludwig Bemelmans, 2007, InselAn der schönen blauen Donau.
Roman von Ludwig Bemelmans (2007, Insel Verlag - Übertragung Floria Sendtner).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.09.2007:

Ein Amerikaner aus Regensburg
Vom Hotelfach in die Literatur: Ludwig Bemelmans wird wiederentdeckt

Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Carl Zuckmayer, Thomas Mann – die ehemals in die USA Emigrierten sind unverzichtbarer Teil der deutschen Literatur. Einer der letzten Weltseller, die auf ihre Heimkehr warten, ist ein Amerikaner aus Regensburg: Ludwig Bemelmans. Er war ein unangepasster Querkopf, der in der Neuen Welt sein Glück suchte.

Ludwig Bemelmans, 1898 in Meran geboren, in einem Regensburger Biergarten groß geworden, Sohn eines niederländischen Malers und mütterlicherseits von der Brauereifamilie Fischer-Emslander umsorgt, ist an allen Schulen gescheitert, bis er nach Meran geschickt wurde, um im Hotelfach die Schule des Lebens zu lernen. Als es zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit einem der Hotelchefs kam, stellte man ihn vor die Wahl, entweder in eine Besserungsanstalt oder in die USA zu gehen.

1914, 16 Jahre jung, wanderte Bemelmans nach New York aus. Über seinen dortigen Aufstieg schrieb er den autobiografischen Roman «Hotel Splendid», voll satirischer Überzeichnung der Klatschspalten-Gesellschaft. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs trat er in die US-Army ein und leistete Sanitätsdienst. Im Hospital führte er Tagebuch-Aufzeichnungen, aus denen 1937 die Publikation «My war with the United States» hervorging. Den größeren Erfolg hatte Bemelmans jedoch erst als Zeichner und Maler. Den Durchbruch als Literat erlebte er 1939 mit dem Kinderbuch «Madeline», das zunächst in fünf Bänden erschien und seinen Autor in Millionenauflagen weltberühmt machte.

Viele Nazigrößen

Viele Reisen führten ihn in seine Heimatstadt zurück. 1945 erschien bei Viking Press «The blue Danube», eine Huldigung an Regensburg und die wenigen Aufrechten, die dem Nationalsozialismus Paroli geboten haben, zugleich eine gnadenlose Abrechnung mit den Nazigrößen, dem Gauleiter Stolz, dem Gestapo-Mann Schuft, dem feinen SS-Offizier Trost von Dachau, der jede Woche ein Dutzend Menschen ins Konzentrationslager schickt und dem Finanzinspektor Unruh, der das Observieren als Lebensinhalt begreift: Ein Querschnitt der übelsten Elemente der Bevölkerung, die mit zackigem Parteigruß und bösartigen Schikanen die Bevölkerung terrorisieren, ein auf Bierdeckelgröße in der Donaustadt geschrumpftes grässliches Nazi-Imperium. Der Gauleiter, «das Tier mit der menschlichen Stimme», «war 1,70 Meter groß und wog zweieinviertel Zentner. Am höchsten entwickelt waren die Muskeln, die seine Arschbacken zusammenpressten, wenn er vor einem Vorgesetzten strammstand.»

Schauplatz ist der Biergarten «Zur blauen Donau», von wo man eine kleine namenlose Schwemminsel mit Ufergras und Weiden beobachten kann. Dort lebt der alte Anton Fischer mit zwei Schwestern und der Nichte Leni und baut auf sandigem Boden Rettich an, den er vor dem Biergarten verkauft. Seine Existenz soll vernichtet werden. In einer unbedachten Äußerung hat er Deutschland und dem Führer einen großen schwarzen Trauerrand gewünscht, wie übrigens auf einer seiner Reisen auch Bemelmans, der von der Gestapo verhaftet wurde und erst nach internationaler Intervention wieder frei kam.

Alt und sentimental

Der alte Fischer wird nach Dachau geschafft. Der Roman endet mit dem Luftangriff auf die Messerschmittwerke und dem wahren Satz: «Es war klar, wenn in der langen Nacht, in der sie lebten, von irgendwoher ein Licht kommen sollte, dass es von außen kommen musste – denn diejenigen innerhalb der Mauer, die Mut und Witz hatten, waren zu wenig, zu alt, und viel zu sentimental.»

Am 1. Oktober 1962 ist Ludwig Bemelmans in New York gestorben. Kurz zuvor hatte er noch einmal seine alte Heimat besucht und Freunde getroffen. Beerdigt ist er – als Veteran des Ersten Weltkriegs – auf dem Heldenfriedhof in Arlington.

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