Andernorts.
Roman von Doron Rabinovici, (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Caro Wiesauer aus Kurier, Wien vom
27.08.2010:
Rabinovici-Roman: Über(s) Leben
Mit
seinem Roman "Andernorts" hat sich Doron Rabinovici eine Nominierung für den
Deutschen Buchpreis 2010 erschrieben.
Ob "Lichtertanz", "Lichterkette" oder
"Lichtermeer": Geht es um soziale Ungerechtigkeiten oder rassistische
Untergriffigkeiten, ist Doron Rabinovici stets unter den Ersten, die dagegen
aufstehen.
Mit seinem neuen Roman "Andernorts" erinnert der Historiker daran, dass er auch
literarischer Schriftsteller ist. Und was für einer.
Dass die Jury zum Deutschen Buchpreis den Roman nominiert und somit unter die
zwanzig Besten 2010 gereiht hat, spricht für sie.
Vielleicht ist diese Geschichte nicht die am feinsten Gedrechselte oder am
edelsten Geschriebene des Jahres.
Dafür ist sie im Aufbau eine Wucht, im Erzählerischen umwerfend und in ihren
Pointen und Wendungen so hinreißend, dass man dem Autor Sprachspielereien
ohnehin übel nehmen würde.
Für selbstverliebte Mätzchen ist in "Andernorts" kein Platz. Für
autobiografische Details durchaus. Der Roman spielt in Österreich und Israel und
umfasst zwei Generationen von Menschen, die da wie dort und nirgends zu Hause
sind. Die Suche nach Identität, Heimat und Zugehörigkeit erfährt in deren Tun
und Denken lebhafte Konturen und passiert in ihrem Leben selbstverständlich und
selbstkritisch zugleich.
Der Protagonist Ethan Rosen ist Kulturwissenschaftler an der Uni Wien und sitzt
im Flugzeug, auf der Rückreise von einem Begräbnis. Da liest er den Nachruf auf
seinen eben gestorbenen, väterlichen Freund - ein Text, den zu verfassen er
abgelehnt hatte. Der Autor des Artikels, Rudi Klausinger, bezieht sich darin auf
einen Aufsatz Rosens , den dieser einmal in anderem Zusammenhang publiziert
hatte. Es geht um die Frage, ob man Jugendliche direkt mit Auschwitz
konfrontieren soll.
Ein Duell beginnt. Ethan schreibt eine öffentliche
Antwort. Er kommt dahinter, dass Klausinger sich um die Stelle beworben hat, die
er schon in seiner Tasche glaubte. Und dann erlebt er am Krankenbett seines
Vaters, wie sich der vermeintliche Feind auch noch den Rang als Bruder erkämpfen
will.
Dazwischen gibt es viel Leben in Tel Aviv und Wien, eine komisch beginnende
Liebesgeschichte - und eine Pointe um einen fundamentalistischen Rabbi, der den
Messias im Reagenzglas erschaffen möchte.
Dass Rabinovici die neue Rechtschreibung verweigert, ist gewöhnungsbedürftig.
Dass er jüdische Ausdrücke nicht erläutert, macht nichts: Man erfährt viel, ohne
sich dabei belehrt zu fühlen.
KURIER-Wertung: ***** von *****
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