anatolien blues von Dincer Gücyeter, 2012. Elifanatolien blues.
Gedichte von Dincer Gücyeter (
2012, Elif Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Mai 2014:

„Geschichten habe ich wie indische Gewürze/ Gesichter wie gerissene Erde und Lügen/ wie die Wahrheit des Lebens/ und Träume wie die Pfoten eines ausgesetzten Köters“.
Noch vor der Lektüre seiner Texte hatte ich eine Begegnung mit dem Dichter Dincer Gücyeter in Form folgender Selbstauskunft: „Dincer Gücyeter// 0-33 jahre alt/ verehrt die möwen/ fällt immer wieder/ auf die schnauze/ schreibt, spielt, verlegt/ ein alberner narr“.

Inhalt und Kürze haben mir gefallen und mich neugierig auf die Gedichte des Dichters gemacht und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil, es wurde mehr als nur ein Leseerlebnis, in diese besondere Welt zwischen Orient und Okzident einzutauchen und von unglaublichen Metaphern und fantastischen Sprachbildern empfangen und gefangen genommen zu werden, von Ideen und Gedanken, so fremdartig und dennoch bekannt, dass sie wie selbstverständlich zu einer Dichtung zusammen gewachsen sind, wie sie origineller und unverwechselbarer nicht sein  kann, eine Dichtung märchenhafter Wirklichkeit und wirklicher Märchen“.

Und obwohl der Vergleich hinken mag, kommt mir der Dichter Dincer Gücyeter vor wie ein Seher und Erzähler aus Tausendundeiner Nacht, der durch die Jahrhunderte reist, ein Weltreisender zwischen den Welten, zwischen Aufbruch und Tradition, zwischen Anarchie und Weltordnung, ein entwurzelt Verwurzelter, ein Fremdling, ein Gast, ein Anatole, der nicht in Anatolien geboren wurde, aber Sehnsucht nach dorthin hat, der seine Vergangenheit in der Zukunft sucht und Lebenslust im Vergänglichen, ein Kind von 0-33 Jahren.

„Die nächste Reise wartet vor der Tür“, lesen wir da, „im Beutel werde ich eure Augen tragen, Kinder/ eure Träume/ die wie Kirchenglocken hundert Köpfe über euch hängen/ den Staub eurer Gesichter“.

Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Dichtung von Dincer Gücyeter, die Sicht auf die Welt mit Kinderaugen bewahren zu wollen, das kindliche Sehen, das auch ein Sehen mit kindlichem Herzen ist, ein unschuldiges und unverkrampftes: „Ein Kindgebliebener Vater wird versuchen,/ seine zerstückelte Lunge wie Legosteine aufeinander zu stapeln.“

Und so betrachtet der Dichter die Dinge und Ereignisse unvoreingenommen, neugierig und staunend, um seinen eigenen, ureigenen Standpunkt zu gewinnen. Er umrundet, mit anderen Worten die Welt, um zur Unschuld zurückzukehren, denn „wer soll auf die vergewaltigte Frau in der Bruderseele die Salbe tragen/ wer kennt diesen Schmerz wie du“ oder „ in der Sammelbox ist noch Platz genug/ sammle, wie ein zungenloses Kind Worte sammelt für eine unendliche Tirade.“

„anatolien blues“ hat der Dichter seinen Gedichtband tituliert und in einem eigenen Kapitel macht er uns mit Menschen aus Anatolien bekannt, mit gewöhnlichen Menschen wie du und ich, ungewöhnlich in ihrer Einzigartigkeit wie der Briefträger Mustafa zum Beispiel, von dem es heißt: „Sesam- oder Mohnbrezel ist sein Tischschmuck/ faltige Hosen und Hemden von Nachbarn trägt er gern“ oder „abends duftet aus seinen kleinen Fenstern ein zierlicher Schmerz/ mit Knoblauchdüften/ als Kind, als Jugendlicher und als Briefträger blieb sein einziger Freund/ das Radio“.

Wir werden mit Yusuf, einem Selbstmörder bekannt gemacht, einem Homosexuellen, von dem festzuhalten gilt: „im Schlitz von zwei Welten blieb sein Herz seine Religion“, vom Dichter sensibel charakterisiert: „Sentimentale Lieder hat er gemocht/ auf den Wunschkonzerten war er die Nachtigall der Sonnenaufgänge/ in tauben Nächten hat er sich sogar geschminkt/ die Tränen waren seine Wimperntusche“.

Wir lernen Fatma kennen: „in einer Hand das Anisglas/ in der anderen die Scherben einer Leidenschaft“ oder die „anatolien blues“/Sehnsucht: „ich habe gehört…./gestern Abend hast du geweint/ und ich?/ ich habe zuerst eine Zigarette gedreht/ danach den Mord mit dem Märchen vereint“, ein Langgedicht von leidenschaftlicher Schönheit das mit dem Frage endet: „in Sehnsucht verhüllt brannten die Körper/ und glaubst du/ wir werden es wagen/ barfuss zu laufen/ durch dieses Feuer?

Immer wieder bringt der Dichter auch Liebe und Eros in seinen Gedichten ins Spiel: „unter allen Blüten bin ich die wildeste/ liebe die Bordsteine, federnde Betten und stöhnende Betten/ vergesse immer den letzten Schmerz/ trinke das Wasser aus dem Krug/ und erobere stillschweigend den messerscharfen Betrug.“

Er reflektiert, er spiegelt und bespiegelt die Seele der Liebe und zieht seine eigenen Schlüsse: „Wie jede Jugend glaubt/ dass der Schwanz ein unerschöpfliches Erbe des Eros ist/ und wie jede Jugend die unerhoffte Faust des Lebens im Nacken spürt/ wie zu abgeschlossenen Rechnungen sich immer wieder neue fügen/ so fand er den Gott in seiner Einsamkeit/ die Hochzeit wurde gefeiert/ die Leichentruhe beigesetzt/ so sammelte sich der Staub des Lebens/ dessen Frau er bis hin zu den Bergen verführt hatte.“

Dincers Gücyeters Gedichte tragen Titel wie „der tau“, „manifest“, „beichte“, „an der Küste“, „reichtum“ oder „alte wäsche“.

Sie singen, sie betören und schweifen aus, sie erzählen konzentriert auf der Suche nach den treffendsten Bildern und Formen, die einmal gefunden, nicht in Selbstzufriedenheit erstarren, sondern wieder Aufbruch verlangen: „denn ich spüre immer noch die Sehnsucht auf der Haut/ in Bühnenkostümen, in Schildkröteneiern…/ ja, ich spüre sie…“.Oder an anderer Stelle: „Öffne den Käfig, fliegen soll der schwere Gedanke/ in der bedingungslosen Luft.“

Des Dichters selbstironisches Credo lautet: „Natürlich ist die Einsamkeit mein teuerstes Gut/ ich gebe ihren einen Tritt, bekomme Tritte zurück/ aus rohen Worten entbinde ich die Wunde/ kehre zu mir zurück und bekehre die Welt“.

Persönlich stelle ich mir vor, dass der suchende Dichter von der Poesie gefunden wird und das aufgewühlte Bewusstsein und Unterbewusstsein in seine Schreibhand übertragen werden, mit deren Hilfe sein Dichtkunstfertigkeiten seine mitreißend anrührenden Texte formen: „Seht ihr meine Kinder?/ seht ihr, wie schön und mutig sie in die Welt schauen?/ voller Hoffnung, ihre Hosentaschen sind voll farbiger Murmeln/ einige sind erst acht, einige achtzig/ aber in ihren Blicken treffen sie sich im gleichen Alter/ auf den gleichen Brettern des leichten Spiels“.

Diese Gedichte zu lesen ist heiter und melancholisch, entzückend und groovy wie ein Blues, Dincer Gücyeters „anatolien blues“.

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