Anaptyxis von Àxel Sanjosé, 2013, RimbaudAnaptyxis.
Gedichte von Àxel Sanjosé (2013, Rimbaud Verlag).
Besprechung von Stefan Heuer für die LYRIKwelt, Januar 2014:

Àxel Sanjosés Gedichtband "Anaptyxis" –
schöne Gedichte in der kleinen bunten Tüte

Obwohl man ja heutzutage keine Videokassetten mehr kaufen kann, ohne sogar auf dem Flohmarkt doof angeschaut zu werden, besitze ich noch eine stattliche Anzahl dieser etwas aus der Mode geratenen Speichermedien. Filme könnte ich mir auch auf DVD besorgen, da gibt es ja so ziemlich alles. Die wahren Schätze sind also eher die Mitschnitte der späten, berauschten Nachtstunden; Mitschnitte, die heute eben nicht mehr so einfach erhältlich sind. Ein schönes Stück meiner Sammlung, neben der kompletten Edgar Wallace-Reihe, ist die Aufzeichnung eines MTV-Specials aus dem Jahr 1996. David Bowie hatte im Jahr zuvor das mit Brian Eno komponierte und produzierte Album "1.Outside" vorgelegt und sollte im Rahmen einer mit allerlei Stars und Sternchen bestückten Zeremonie feierlich in das Rock and Roll Hall of Fame and Museum in Cleveland eingeführt werden. Es gab die Verlesung einer langen Liste von Gründen, warum man Bowie zu ehren gedachte – zur allgemeinen Überraschung war es die ungeduldig und wahrscheinlich auch durstig gewordene Madonna, die den endlosen Sermon mit dem Zwischenruf „Entschuldigen Sie, es hat jawohl auch was damit zu tun, dass er ein so toller Typ ist!“ unterbrach und für diese Störung des Protokolls die Lacher auf ihrer Seite hatte.

Da meine Gedanken von Zeit zu Zeit recht weit zu schweifen vermögen und Dinge und Personen in Zusammenhang bringen, die auf den ersten Blick mal wenig miteinander zu tun haben, erinnere ich mich an dieses Videoband beim Lesen einer Rezension zu "Anaptyxis", dem in der Lyrik-Taschenbuchreihe des Rimbaud-Verlags erschienenen Band von Àxel Sanjosé. Es ist eine positive Rezension, und viel Interessantes und Wahres ist in ihr zu lesen. Beispielsweise, dass es in den Gedichten von Sanjosé "ruhig und gesetzt und weniger diskurspoppig" zugehe – ja, das kann man so sehen. Ebenso erfährt man, dass das Wort "Anaptyxis" den Einschub eines kurzen Vokals zwischen Konsonanten bezeichnet, der dazu diene, es leichter aussprechen zu können – aha, wieder was gelernt. Ebenso wird den Gedichten bescheinigt, dass man sich meditativ in sie versenken könne – nun, das ist wohl Geschmackssache. Und nun aber zu dem Punkt, an dem ich in Madonnas Metall-Korsett der Virgin-Tour steige und meine innere Stimme rufen höre: „Mach hier und jetzt die Madonna!“, und so sage ich, analog zur Queen of Pop: „Alles richtig, aber gefallen mir die Gedichte von Àxel Sanjosé nicht vor allem deshalb, weil sie, man darf es bei Gedichten ja ruhig mal so einfach sagen: schön sind?

Die Bewandtnis

Hier haben die Riesen
ihr Lager vergraben,
ein Humpen ragt einsam hervor,
in der Hast, in der Hast vergessen.

Ein würdiges Wahrzeichen
dieses Abwesens,
komm lass uns gehen,
die Dinge sind und sind,
die Luft klumpt sehr.

Ja, die Gedichte dieses Bandes sind schön, so einfach lässt es sich sagen. Wegen ihrer betont altmodischen Sprache. Wegen Passagen wie: Ich fürchte die Schneisen im Forst, / wenn jäh sie bedeuten, / den unvermuteten Parkplatz, / den man zu sehen bekommt, / so ortlos, so unangebracht, / die Zeilen, die niemand lesen sollte. // ... (aus "Gebete im Nahverkehrszug"). Weil sie Spaß machen! Weil in ihnen Wörter auftauchen, die sonst nie oder nur selten in Gedichten auftauchen (wie Zwischenmusik, oder Lurch, oder auch Finsterwerden). Weil sie spielerisch belehren bzw. lehren, indem sie Fragen stellen; indem sie Rätsel aufgeben, die eben den Rätseln in Vertretungsstunden ähneln, welche die Stunden viel schneller rumgehen ließen als der reguläre Unterricht.

Was ich bemängeln könnte und möchte: "Anaptyxis" wirkt zusammengewürfelt. Da sind kurze Gedichte mit Titel, gefolgt von fragmentarisch anmutenden Texten ohne Titel, zwischendrin einige Seiten mit Querdruck, siebzehn Haiku werden gefolgt von einem einzelnen, etwas verloren wirkenden Sonett. Mag sein, dass gerade dieses Sich-nicht-festlegen-Wollen, dass gerade diese stilistische Vielfalt gewollt ist und zum konzeptuellen Ansatz gehört – was aber nichts an meinem Eindruck und daran ändert, dass es sich gefühlsmäßig auch um eine Anthologie von 20 verschiedenen (guten) Autoren handeln könnte...

Und natürlich: Das Buch hätte durchaus ein bisschen dicker sein dürfen! 32, zum Teil recht kurze Gedichte, unterteilt in drei Kapitel auf 56 Seiten (so dass zum Ende hin noch so viel Platz bleibt, die Titel der gesamten, nicht gerade kleinen Lyrikreihe aufzuführen).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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