Am Törichten Bach.
Prosa und Gedichte von Liu Zongyuan
(2005, Friedenauer Presse - Übertragung Raffael Keller und Jürgen Theobaldy).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in der Neue Züricher Zeitung vom 7.1.2006:

Im alten Stil
Anti-Höfisches von Liu Zongyuan

«Über tausend Bergen ist dahin der Vögel Flug, / auf allen Wegen zugeweht die Spur von Menschen. / Allein im Boot, mit Bastumhang und Bambushut / fischt ein Greis im Schnee aus kalter Flut.» - Der Vierzeiler «Fluss im Schnee», ...

«Über tausend Bergen ist dahin der Vögel Flug, / auf allen Wegen zugeweht die Spur von Menschen. / Allein im Boot, mit Bastumhang und Bambushut / fischt ein Greis im Schnee aus kalter Flut.» - Der Vierzeiler «Fluss im Schnee», hier kongenial von Jürgen Theobaldy und Raffael Keller ins Deutsche übertragen, ist eines der berühmtesten Gedichte der chinesischen Literatur. Sein Autor ist Liu Zongyuan, der von 773 bis 819 unserer Zeit lebte. Ein Zeitgenosse Karls des Grossen also - der Karolingerkaiser hätte allerdings angesichts dieser Verse wohl gestaunt. Karls Kaiserkollege Xianzong hat Liu denn auch gleich zweimal und in immer wildere und dem Hofe fernere Gegenden verbannt, Liu war neben seinem Freund Han Yu Anführer der «Guwen»-Bewegung, die gegen das rhetorische Raffinement und die gezierten Formalismen des dominierenden höfischen «Parallelstils» für die Rückkehr zur Einfachheit der «alten Literatur» plädierte.

805 wurde Liu ein erstes Mal, nach einem kurzen Zwischenspiel 815 ein zweites Mal gezwungen, die Hauptstadt zu verlassen. Seine Prosa, seine Gedichte sprechen aus der Melancholie der Vereinsamung, aber auch von der stillen Schönheit und Harmonie eines menschenfernen Lebens in der Natur. Deutliche Worte gegen politische Grausamkeit und die soziale Not zumal der Bauern hat das in Lius Fabeln, Parabeln und Allegorien nicht ausgeschlossen. Sein erasmisches «laus stultitiae», sein «Lob der Torheit» im Vorwort zum Gedicht vom «Törichten Bach», spricht wahr und weise, wie es nur ein Narr kann, von der Verkehrung aller Verhältnisse und Begriffe. Raffael Keller hat für ein ebenso schlankes wie schönes Buch der wie stets mustergültigen Friedenauer Presse Prosa und Gedichte von Liu Zongyuan ausgewählt und kommentiert. Die mutige, freimütige Grabschrift des Freundes Han Yu ist beigefügt. Insofern keine «zugewehte» menschliche Spur.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © NZZ