Am stürzenden Pfad von Franz Baermann Steiner, 2002, WallsteinAm stürzenden Pfad.
Gedichte von Franz Baermann Steiner (2002, Wallstein-Verlag, hrsg. von Jeremy Adler).
Besprechung von Rainer Stöckl aus Rezensionen-online *LuK*:

Manche Lyrikerin hat, zu Endlebzeiten oder danach, ihre Advokaten; mancher Dichter hat – oder gewinnt – seine Gemeinde von Exegeten.
Man muß dann weniger um Nachwirkung und Werkausgaben bangen.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sind gestorben und seither, weil betreut, unvergessen Johannes Bobrowski, Günter Eich, Iwan Goll, Peter Huchel, Nelly Sachs. In den schönsten Fällen stehen Verlagsinteressen hinter einem Autor, der nicht mit Pauken und Trompeten abgegangen ist und uns also deshalb im Gedächtnis bleibt, weil er im Bücherhandel bleibt: mit kritischen Gesamt- und leicht beschaffbaren Taschenbuchausgaben. Beiderlei auffällig für die namhaften Benn und Celan und Hesse, für Marie Luise Kaschnitz, sogar Mascha Kaléko.

Nachhaltiger Ruhm oder, moderater, ein Verbleib im Bewußtsein der Amateure gelingt freilich nicht für alle. Am wenigsten für Franz Baermann Steiner, der gar nie im Mund der Literatur(be)kenner gewesen ist und – man könnte sagen: – ohne Ruf gestorben ist. Verwunderlich ist das nicht, da Steiner, Jude, 1938 die Geburtsstadt Prag verlassen und bis zum frühen Tod in Oxford gelebt hat. Ein Lebensgang mehr, dessen Verlauf der Nationalsozialismus verpfuscht hat: die Heimat enteignet, das Wohnrecht verwehrt, die nächste Verwandtschaft deportiert und umgebracht.

Zwar haben sich – von England aus – Freundschaften angelassen, mit Elias Canetti, Erich Fried, Michael Hamburger; später mit Rudolf Hartung, Ilse Aichinger. Mit Zeitgenossen, die alle den Rang der Lyrik Steiners haben einschätzen können. Aber die Veröffentlichungen, die Steiner gelingen, sind leis geblieben; die Jahre dazu sind mißgünstig, die deutschsprachigen Leserschaften sind anderweitig beschäftigt, Franz Baermann Steiner ist nie namhaft. Und Hans Günther Adler, dem Londoner Freund, gelingt es zu keiner Zeit, 1954 nicht und zehn Jahre später nicht, Steiners Gedichtwerk anerkannt zu machen. Zu des Autors Lebzeit sind nur rund vierzig Gedichte erschienen. Von 300 Texten, derer sich jetzt H. G. Adlers Sohn, Jeremy Adler, angenommen hat, können sogar Beflissene keine Hälfte gekannt haben.

Seit einem halben Jahr wären wir nicht mehr dispensiert: es gibt die Ausgabe der »Gesammelten Gedichte« unter dem Titel Am stürzenden Pfad. Von Vater und Sohn Adler liegen breite Editionsberichte, Erläuterungen und Anmerkungen vor – man möchte sich fragen, wozu oder für wen? Aber dem Gedichtwerk Steiners tut die Kommentierung not: es geht um Lyrik in einer Stilhöhe von Rilkes Elegien, Stefan Georges zyklischen Dichtungen, von Borchardts oder Arendts Lyrik oder eben des Spätwerks von Nelly Sachs. Da sind wir Nachfahren nicht bloß angewiesen auf, sondern ausgeliefert an Hilfestellung in allen Punkten: Lesart, Geographie, Literaturgenossenschaft, Zitatenschatz und Lektüreverweise. Auch froh sind wir um Steiners eigenhändige Erklärungen zu schwer zugänglichen Texten.

Jeremy Adlers Buch beantwortet viel Wissensgier und pariert manchen Erläuterungsnotstand. Ich halte mich ans Schlichtere aus dem Bestand und rühme – das Buch insgesamt anzuempfehlen – Franz Baermann Steiners sechstes Stück aus der Abteilung »Eroberungen«. Arbeiten hauptsächlich der Jahre 1940 bis 1942. H. G. Adler taxiert die Dichtung als »subtile geistige Selbstbiographie« und hält die Beschäftigung mit den dreizehn Stücken (oder »Teilen«), mit den gut 1400 Verszeilen, für unbedingt ertragreich. Übrigens dürfe man wörtlich lesen. Wörtlich nehmen wie eine Versprachlichung von Erlebtem, Erfahrenem, Erinnertem und Reflektiertem.

Lesen wir das sechste Stück wörtlich! Eine Geliebte und ihr Liebhaber sind im Blick. Londoner Sonntagmorgen, ein Einzelner steht am Fenster, Blick auf Straßen, Kirchen, ein Gräberfeld, die Stadtsilhouette. Im Rücken des Fensterstehers liegt die Schläferin. Zwischen beiden, im Zimmer, Mobiliar und Akzessoires. Strümpfe, »hängendes paar / Seidiges fransenzeug, rosiger flitter / Gebauscht und geknäult«. Das Unerhörte am Bild ist: dieses Schlafgeschöpf schläft hinüber »von bette zu bett«. Vom Schlafbett zur Ruhestatt auf dem Friedhof – dem Echtbild davon in den Weichteilen Londons oder einer Vision Gräberfeld, wo erst und definitiv Einsamkeit statthaben wird, und zwar leidlos. Von dort aus gilt: es ist ausgeflüchtet, ausverführt, ausgeliebt. »alle Geliebten / Gleiten von bett zu bett / Von der bettstatt ins grab.« Gewiß ist das Jetzt kostbar, sind kostbar »das blumenhaar«, der »saubergemeisselte leib«, die »hohen beine«, das schräge Haupt, die Neugier der Geliebten. Aber der Weg endet nicht im Zimmer der Liebenden, sondern der Weg fließt, flieht, leitet ins Weite.

Seit 1990 bin ich Parteigänger dieses Gedichts, solcher Gedichte. Damals habe ich Steiners »Eroberungen« in der 150seitigen Ausgabe des Heidelberger Verlages Lambert Schneider gefunden. Jetzt findet, wer will, Steiners lyrisches Opus in der 500seitigen Ausgabe des Göttinger Wallstein Verlages. Der Autor ist am 27. November 1952 an schwerer Herzkrankheit verstorben und einen Tag danach auf dem Oxforder jüdischen Friedhof beigesetzt worden. Uns bleiben seine – und seiner Schläferin – Fragen: »was siehst du / Von deinem fensterplatz?« bzw. »ist es weit, / Ist es nah von einem zum andren baum?« – Uns bleibt Steiners Gedichtantwort, zu beziehen auf den imaginierten, den todsicheren Ruheort aller, die Wege gehen, Liebe üben, Zukünfte denken:

»Hier ruht, achgott, achgott, geliebt von allen/ Ein mensch, ein tier, ein spielzeug ohne fehl.«

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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