Amsterdam.Leidseplein von Michael Buselmeier, 2003, Das WunderhornAmsterdam.Leidseplein.
Gedichte von Michael Buselmeier (2003, Das Wunderhorn).
Besprechung von Gabriele Weingartner in freitag vom 6.9.2004:

Tagebuch der Selbstentblössung
Mit erhobener Faust

In seinem Roman "Amsterdam. Leidseplein" beschreibt Michael Buselmeier den Lebensfrust der ´68er

Warum müssen ausgerechnet so schwache Menschen wie Künstler moralisch besser als alle anderen sein ?" So fragt sich der namenlose Tagebuchschreiber in Michael Buselmeiers neuem Buch Amsterdam. Leidseplein beim Nachdenken über Ezra Pound, der für seine Sympathie mit den italienischen Faschisten von seinen amerikanischen Landsleuten drei Wochen in einen Käfig gesperrt wurde. Nicht zufällig ist auch der Ich-Erzähler Künstler: ein alternder Schriftsteller, der ein Stipendium antritt und sich im leichtlebigen, multikulturellen Amsterdam geradewegs in die Hölle verfrachtet fühlt. Er, der früher in H. der revolutionären Studentengarde angehörte, marxistischen Utopien anhing und Poesie und Sozialismus vereinen wollte, vermeint nun das zu sehen, was er selbst und seinesgleichen der westlichen Hälfte der Menschheit eingebrockt haben: Dreck, Elend, Drogen, die Perversion aller Gleichheits-Ideale, deren Verwirklichung doch vor allem Holland, so schien es lange Zeit dem übrigen Europa, so wunderbar in die Tat umgesetzt hatte.

Nachgerade den Untergang der abendländischen Kultur und aller zivilisatorischen Errungenschaften glaubt der Diarist in Amsterdam beobachten zu können. Anders jedoch als der Schriftsteller in E.T.A. Hoffmanns letzter Erzählung Des Vetters Eckfenster, auf den er sich immer wieder bezieht, erfüllt ihn die Beobachtung der Welt um ihn herum nicht mit neuer schöpferischer Kraft, sondern erst einmal nur mit Wut und Abscheu. Wenn er nach draußen geht jedenfalls, in die raue Wirklichkeit der schwankenden Stadt am Meer, wo ihn die wogende Masse - "Weiße, Schwarze Gescheckte ... diese Völkerwanderung in Turnschuhen, Sandalen" - immer wieder bedrängt und berührt. Nur in dem alten Haus, das jener Stiftung gehört, die ihn eingeladen hat, sich aber bis zum Schluss nicht um ihn kümmert, fühlt er sich unbehelligt. Da liest er in alten Folianten, erobert in einer staunenswert reichhaltigen Bibliothek das "Stefan-George-Regal", riecht und befühlt die dort deponierten ethnografischen Sammlungen, wird auf seine alten Tage zum Mozart-Liebhaber.

Oder er beobachtet am Fenster stehend - in den vorhanglosen Niederlanden keine Schwierigkeit -, was sich in den Nachbarhäusern tut. Eine "Putzfee" mit roten Gummihandschuhen sieht er da, eine aufreizende Blondine, die sich entkleidet, einen gelähmten Mann, der einen Pudel besitzt und ihn sogleich an Faust erinnert, in jedem Stockwerk eine andere Figur. Aber auch seine Vergangenheit stellt sich ein beim Blick nach draußen, nicht nur nachts beim (Alp-)Träumen: eine schreckliche Kindheit mit brennenden Städten und Bombennächten, die (Pseudo-?)-Befreiung während der studentischen Revolte, eine nicht zu Ende geführte Schauspielausbildung, der Beginn des Schreibens.

Spätestens hier könnte mancher Leser bemerkt haben, dass der Ich-Erzähler des sorgsam vom August bis zum September geführten Journals so manches biografische Detail mit dem Heidelberger Studentenführer Michael Buselmeier teilt. Dass er das Tagebuch deswegen als "Confessiones" lesen müsste und nicht etwa als atemlos sich fortschreibende, bewusstseinssprengende Rollenprosa, ist damit freilich nicht gesagt. Man kann sich höchstens fragen, ob es der allzu absichtslos, ja fast zaghaft in den Text gestreuten Roman-Elemente - die Suche nach dem Mignon-haften Kind Evika, das dem Ich-Erzähler bei seinem ersten Amsterdam-Aufenthalt zugelaufen war, oder der echte oder vermeintliche Mord an der Blondine von gegenüber - bedurft hätte, um eine zielgerichtete Handlung zu konstituieren.

So lässt denn Buselmeier seinen schimpfenden, wütenden, höchst hypochondrischen Poeten wie sein eigenes schlechtes Gewissen durch die von Touristen und Einwanderern geplagte Stadt hinken und sich stets aufs Neue erregen: über Obdachlose und Rauschgiftsüchtige, Diebe, Zuhälter, Strichjungen, die Horden von Halbwüchsigen mit ihren Baseballkappen, die vor seinen Augen rülpsen, kiffen und kotzen. Es ist das Jahr, in dem das russische Atom-U-Boot Kursk versinkt und das der BSE-Krise, übrigens die einzigen Hinweise auf die Realität außerhalb Amsterdams. Ansonsten aber kommt kaum eine andere Wirklichkeit an den finsteren Solipsisten heran, der sich ausgerechnet in die schwierigste aller europäischen Metropolen zurückzieht, um ein Langgedicht zu schreiben und dabei zunehmend nicht nur mit seiner Umwelt, sondern auch mit sich und seinen geistigen Wurzeln zerfällt.

Wie Rousseau in seinen "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" betreibt auch Buselmeiers gestrandeter Stipendiat die radikalste Selbstentblößung: er beschimpft nicht nur seine 68er-Zeitgenossen und bezichtigt sie der Heuchelei, er klagt auch immer wieder sich selber an, er beklagt sein Schicksal und seinen schriftstellerischen Misserfolg, er demaskiert sich selbst als Ehemann und Liebhaber und das alles nicht ohne eine grimmige, sich teilweise ironisch gebärdende Larmoyanz. Erholung in dieser sich über vier Wochen hinziehenden Schimpfkanonade ist allenfalls der geradezu liebevoll und humoristisch geschilderte Besuch von Tochter Paula. Das resolute Geschöpf ermahnt ihren Vater, sich bloß nicht so hängen zu lassen. Oder der Vondel-Park nahebei, wo sich (geradezu traumselig) Reste des bürgerlichen Amsterdam erhalten haben.

Dennoch: auch ohne fortlaufende Handlung und konstruierten Spannungsbogen wird man dieses seltsame Tagebuch eines krisengeschüttelten Schriftstellers wohl nicht so schnell aus der Hand legen. Einmal sind es ja unser aller Krisen, die Buselmeiers Ich-Erzähler schonungslos beschreibt. Andererseits ist das Journal in seiner Privatheit universell, um nicht zu sagen, bei aller Pein so kindlich trotzig wie radikal optimistisch: der Bedrohlichkeit des Alters ("ergrautes Haar, schlaffrunzlige Haut, Desinteresse an Politik, übler Mundgeruch, wachsende Vergeßlichkeit") will der Diarist mit "erhobenem Kopf, erhobener Faust" begegnen. Er will "die Sinne weit aufmachen", sich anstrengen, "um das zum Teil schon Verlorene wiederzufinden und heraufzuziehen, das diffus Lebendige in bleibende Maße zu fassen, auch wenn die Erfolgsaussichten gering sind".

Aber wie ist das möglich? Wohl nur durch radikale Anschauung und rigorose Selbstversenkung, sprich: durch den Rückzug in die Literatur. Buselmeiers Ich-Erzähler versucht beides: in einer strengen, fast gemeißelten Sprache, die dennoch ungemein sinnlich den Verfall beschreibt. Dabei wird er gleichzeitig zum feuerspeienden Drachen und zum sprachmächtigen Poeten, der sich zu seinen Verletzungen bekennt. Vielleicht die einzig mögliche Form, sich zum Kulturkonservativen zu wandeln, ohne das Gesicht zu verlieren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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