Am Sonntag spielt der Rabbi Fußball von Barbara Honigmann, 1998, WunderhornAm Sonntag spielt der Rabbi Fußball.
Roman von Barbara Honigmann (1998, Wunderhorn).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung, 1998:

Kosher light
Barbara Honigmanns Chronik des jüdischen Lebens

Barbara Honigmann gehört zu den führenden Stimmen in der Generation deutsch-jüdischer Schriftsteller, die vom Holocaust verschont blieben und sich auf die Suche nach einem neuen Ort jüdischen Lebens und Schreibens gemacht haben, «jenseits eines immerwährenden Antisemitismus-Diskurses». Anschluss an ein solches jüdisches Leben, das es in Ostberlin nicht gab, wo sie 1949 geboren wurde, hat Barbara Honigmann mit ihrer Familie seit 1984 in Strassburg gefunden, einem Archipel des Judentums, das wegen seiner autonomen Infrastruktur auch das «Jerusalem des Westens» genannt wird. Die Erzählungen des erfolgreichen Débutbandes «Roman von einem Kinde» (1986) beschreiben rondoartig Barbara Honigmanns Selbstfindungsprozess als jüdischer Dichterin deutscher Sprache. Um jüdische Identität, Exilerfahrung und Emanzipation geht es auch in den folgenden autobiographisch grundierten Prosabüchern, «Eine Liebe aus nichts» und «Soharas Reise».

Die Erscheinungsdaten beider Romane, 1991 und 1996, markieren den Zeitraum, in dem die hier vorgestellten Prosaminiaturen entstanden sind, ursprünglich als Kolumnen für eine Zeitung im Basler Dreiländereck. Es sind pointierte Zeitbetrachtungen, anekdotische Kalendergeschichten, Reise- und Städtebilder, die sich zu einer kleinen Chronik des jüdischen Lebens im französischen Elsass runden, dort, wo seit nunmehr tausend Jahren wieder Ostjuden und Westjuden – wie der aus Nordafrika vertriebene Rabbi der Titelgeschichte – zusammenleben und sich «Märchen über ein früheres, wunderbares friedliches Zusammenleben zurechtspinnen».

Es ist diese Diasporasituation, die Barbara Honigmann literarisch inspiriert. Ausgehend von ihrem Haus «am Rande der Innenstadt von Strassburg», beschreibt die Erzählerin mit humorvollem Blick ihre Erfahrungen als Mutter (mit zwei erwachsen werdenden Söhnen), als Jüdin, als Deutsche, als «Ostlerin» und zu guter Letzt als Schriftstellerin: Rollenexistenzen, die bisweilen so sehr miteinander konkurrieren, dass sie sich «irgendwie verwechselt» vorkommt. Es ist eine katzenhafte Existenz, die sie führt, ein Hinundherwandern «zwischen den Ländern, den Welten, den Kulturen». Der Blick bleibt ein fremder, unbehauster: in Raron, wo Rilkes Grab liegt, findet sich eine «deutlich sichtbare Sprachgrenze (Beweis: Speisekarte) ohne eine politische Grenze», und bei einem anderen Ausflug kommt es zu einem Rendez-vous von «Auswanderern» hinter Oberlins Haus in Waldersbach.

Einmal Emigrant, immer Emigrant, so heisst die Formel für diese jüdischen Schicksale, etwa dem von dem russischen Ingenieur und seiner Frau, die in Moskau als Juden, in Deutschland als Russen behandelt werden und erkennen, dass beides «irgendwie falsch» ist: «bloss wir gehören wieder zu niemandem und sind unerwünscht und dürfen uns ab und zu vor angedrohten Pogromen in unseren Wohnungen verbarrikadieren». Im Zentrum der Existenz bleibt das Heimweh nach einem unbekannten Ort und einer unbekannten Zeit, von der es in dem bekannten jüdischen Witz heisst: «Gott, wir haben schon so vieles überlebt, da werden wir die Zeiten des Messias auch noch überleben.»

Barbara Honigmann hat sich kurz gefasst in ihren Geschichten; sie weicht dem Erzählen aus und pflegt statt dessen einen chronikalischen Stil, der von jener Einfachheit zeugt, die laut Brecht so schwer erreichbar und auch hier in den besten Stücken das Ergebnis artistischer Verdichtung ist. Lapidar und unprätentiös führen Honigmanns Alltagsgeschichten in jüdische Lebenswelten ein und machen eine neue deutsch-jüdische Identität bewusst, wie sie die Autorin 1997 in einem Aufsatz über ihre «Sephardischen Freundinnen» beschrieben hat: «Wir praktizieren unser Judentum in einer Weise, die wir ‹koscher light› nennen, und wir grenzen uns deutlich von denen ab, die eine Pilgerfahrt nach Jerusalem oder nach Auschwitz unternehmen müssen, um sich als Juden fühlen zu können.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1175 LYRIKwelt © NZZ/M.B.