Amselfassade.
Roman von Petr Borkovec (2006, Friedenauer Presse - Übertragung Christa Rothmeier).
Besprechung von Felix Philipp Ingold in Neue Zürcher Zeitung vom 20.03.2007:

«Aug in Aug dem Himmel hingehalten»
Neue und frühere Texte des tschechischen Schriftstellers Petr Borkovec

Der tschechische Lyriker Petr Borkovec, geboren 1970, ist zwar erst seit sechzehn Jahren – auf den Tag genau seit seinem 20. Geburtstag – ein gestandener Autor, hat inzwischen aber bereits acht Gedichtbücher, einen Prosaband sowie einen Poetik-Reader vorgelegt, dazu zahlreiche Übersetzungen aus zahlreichen Sprachen, vorab aus dem Russischen. Kaum ein Autor seines Alters hat so viele internationale Auszeichnungen entgegennehmen können, kaum einer ist so oft und so positiv besprochen, kaum einer so umfänglich übersetzt worden wie er. Allein in deutscher Sprache sind, hingebungsvoll übersetzt von Christa Rothmeier, sieben Einzelbände greifbar, und mit Fug kann gesagt werden, dass Borkovec heute zu den meistpublizierten, mithin erfolgreichsten Gedichteschreibern Mitteleuropas gehört.

Zwei Erstausgaben

Gleich drei Bücher von Petr Borkovec sind neuerdings auf Deutsch erschienen, zwei davon wurden direkt aus den noch ungedruckten Originalskripten übersetzt und können als Erstausgaben gelten. Es handelt sich zum einen um eine Gedichtauswahl aus den Jahren 1990 bis 1996, die erstmals Einblick in Borkovecs Frühwerk gibt, dessen Entstehung mit der grossen Wende in Osteuropa zusammenfällt, von politischen Realien aber völlig unberührt bleibt und sich im Wesentlichen – stark von Jan Skácel, noch stärker von František Halas beeinflusst – auf provinzielle und familiäre Motive beschränkt (Wald, Feld, Weg, Haus, Hof, Garten), auf die Vergegenwärtigung von Tages- und Jahreszeiten (bevorzugt Abend und Herbst), auf ephemere, aber scharf sich einprägende Wahrnehmungen (deshalb die Häufigkeit von Wörtern wie Fenster, Auge, Blick, Hand).

Das Hauptinteresse gilt der ländlichen Natur, die als Kulisse eingesetzt wird für anekdotische Szenen (eine Schwangere wäscht sich im Freien die Scham), für mythologische Reminiszenzen (Akazien sind Gorgonenhäupter, «Aug in Aug dem Himmel hingehalten») und, vor allem andern, für Stimmungsbilder, die allesamt genau dem entsprechen, was man sich gemeinhin unter «lyrisch» vorstellt: «Fleckig braun schleppt sich ein Weg wie trunken / zum Horizont . . .» – «Schlaff hängt der Horizont / von den ausgehungerten Stangen der Wege.» – «Ein rotes Fuhrwerk, unter den Hufen Blau, / golden schimmern die Zügel.» Schön und gut, aber des Lyrischen tut Borkovec allzu oft entschieden zu viel, und allzu oft kippt der Überschwang der Imagination ins Kitschige: «Wie lieb er ist in den Palmkätzchen, / der Gekreuzigte.» Oder auch ins geheimnislos Unverständliche: «In den schwarzen Johannisbeeren / ragt der Geruch von Ziegen ins Kreuz / und vom Gesicht zu den Füssen jagt der Wind / Lachen gerinnenden Bluts.» – Wie hat man sich das Phänomen vorzustellen – den ins Kreuz ragenden Ziegengeruch? Den Wind, der Blutlachen vom Gesicht zu den Füssen jagt? Und wen soll man danach fragen: Den Autor? Die Übersetzerin?

Doch nebst all den angestrengten naturlyrischen Metaphernbildungen finden sich bei Borkovec vereinzelt auch Strophen und Verse von bezwingender Schlichtheit, Gedichte, die vergessen lassen, was der höchst versierte Autor alles gelesen und sich anverwandelt hat; Verse wie diese – sie haben, ganz einfach und vordergründig, die Neigung einer Handschrift zum Gegenstand: «Nichts ist, nur diese Neige, / die Neige der Sekunden, der Stunde und des Jahrs, / versunken in den Blutfluss / einer Frau, die will und nicht will.» – Doch sind es keineswegs solche Strophen, die Borkovec von der Kritik wie vom Publikum gutgeschrieben werden; es sind vielmehr jene weit zahlreicheren Texte, die mit ihrer vermeintlich kühnen, in Wirklichkeit konventionellen Bildhaftigkeit bei erstem Hinsehen vielleicht beeindrucken, aber einem zweiten, kritischeren Blick (auf die Übersetzung wie aufs Original) nur selten standhalten können.

Kaum ein Wandel sichtbar

Auch wenn der noch junge Borkovec sein Schaffen bereits in ein Früh- und ein Spätwerk aufteilen kann, ist schwerlich zu übersehen, dass er heute kaum anders denn in seinen Anfängen schreibt. Die jüngst erschienenen Notate und Gedichte aus dem Jahr 2004/2005, das er als Stipendiat in Berlin verbracht hat, machen deutlich, wie sehr dieser Autor seit seinem frühen Début sich treu geblieben ist (man könnte auch sagen: wie wenig er sich gewandelt hat). Die Grossstadt hat Borkovecs Einbildungskraft nicht merklich erweitert. Das Kreatürliche – Flora, Fauna, Kinderwelt – zieht ihn auch hier hinan, Gärten, Alleebäume, Brunnen, fliessende Gewässer, Aquarien, der Zoo. «Schliesslich kann er, sofern ihn sein Gedächtnis nicht trügt», gesteht der Dichter hochgemut und neckisch in der dritten Person, «gar nicht Auto fahren.»

Es kommen gleichwohl auch Strassen, Bahndämme, Bars, sogar Autobahnen und Rastplätze vor, die Aufmerksamkeit gilt aber stets dem wimmelnden und schwirrenden Leben, wie es vor allem an Vögeln, Fischen und Insekten zu beobachten ist. Selbst bei einem Gang durch das Eisenmansche Holocaust-Gedenkmal glaubt der Dichter hinab ins Wasser zu steigen: «Auf dem Grund erscheinen und verschwinden Menschen wie stille, schnelle Fische; reges Leben herrscht hier und gleichzeitig bin ich hier allein . . . Ich erkenne die gewohnten Dinge nicht, verstehe sie nicht.» So wie man als Leser dieses Autors oft nicht die einfachsten Sätze und Satzteile versteht. Nicht dass man leichte Verständlichkeit fordern wollte, doch müsste auch Unverständlichkeit ihre künstlerische Funktion haben.

In diesen Texten drängt sich aber der Verdacht auf, dass in geschraubter Rhetorik ganz klare Sachverhalte lyrisch eingenebelt und interessant gemacht werden sollen. «Hinter dem Horizont der eigenen warm eingepackten Schultern geht die Stadt unter, über der es tagt.» – «Der Schnee scheint weiter auf den Verkehr bei der Filiale, sagen wir.» – Was geschieht wirklich (oder was bedeutet es), wenn «Motorhauben wie Bettzeug an meine Augen branden»? Wo ist die Logik, wo die Poesie, wenn es heisst: «Der Himmel hatte sich nicht gehoben, doch blickten / die Strassen wie (sic) durch ihn hindurch.» – Solche Formulierungen sind bei Petr Borkovec, im Gedicht wie in Prosa, nicht die Ausnahme, sondern die Regel, die seinen Personalstil bestimmt.

Für einen neuen Konservatismus

Wie er beim Schreiben zu Werk geht, legt Borkovec in seinen Dresdner Poetikvorlesungen dar, die seit kurzem in einem vorbildlich editierten und kommentierten Band greifbar sind. In drei wortreichen Plaudereien, die ihn als umfassend belesenen, höchst selbstbewussten Autor ausweisen, nennt er die Quellen und Gründe, aus denen seine dichterische Arbeit sich speist. Es sind dies, erstens, seine mittelböhmische Heimat und sein markanter katholischer Familienhintergrund (von ihm «das Biologische» genannt); zweitens seine Lektüren, durch die er sich an die Weltliteratur angeschlossen fühlt («das Poetische»); drittens «die Wonne des sich Eingliederns in den Strom der Tradition». Dem Plädoyer für einen neuen literarischen Konservatismus entspricht Borkovecs Vorliebe für Autoren wie T. S. Eliot, Wladislaw Chodassewitsch oder Joseph Brodsky, die er wohl eifrig zitiert, hinter denen er jedoch in der dichterischen Praxis weit zurückbleibt.

«Das Bewusstsein des Dichters», so heisst es in der zweiten, Brodsky gewidmeten Vorlesung, «kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass eine offenkundig gegenwärtige Wahrnehmung, diese Flut an festgestellter Gegenwart (denn als ob für nichts anderes als das Konstatieren Zeit wäre), sich in seinen Gedichten in der Vergangenheit abspielt.» Verstehe das, wer kann. Man darf aber wohl vermuten, dass eben dies der Kernsatz von und zu Petr Borkovecs eigener Poetik sein soll.

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