1.) - 2.)

Am Schwarzen Berg.
Roman von Anna Katharina Hahn (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Zingg
in der Neue Zürcher Zeitung vom 10.3.2012:

Das Verhängnis
Anna-Katharina Hahns kühn und kühl erzählter Roman «Am Schwarzen Berg»

Es ist früher Morgen, als Emil Bub von seinem Balkon aus mitverfolgen kann, wie Peter, der Sohn der Nachbarn, vors Haus der Eltern fährt und hastig seine Siebensachen auspackt. Viel ist es nicht, was er ins Haus trägt. Und Peter Rau sieht schlecht aus, das merkt Emil sofort. Natürlich schwant ihm, dass da etwas schiefgegangen ist. Peter, das «Peterle», lebt mit Mia zusammen, sie haben zwei Söhne – dass der junge Vater nun alleine und ziemlich abgerissen hier auftaucht, am Schwarzen Berg, verheisst nichts Gutes. Und tatsächlich wird sich im Sommer 2010 am Rande des Stuttgarter Kessels Unheilvolles zutragen.

Emil Bub ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte. Er steht kurz vor der Pensionierung, und noch immer wird er in den Ferien sofort krank. Er ist ein glühender Verehrer von Eduard Mörike, von ihm kennt er alles, über ihn weiss er selbst obskure biografische Details. Seine Frau Veronika arbeitet als Bibliothekarin, und zusammen leben sie schon eine Weile am Schwarzen Berg. Mit Hans-Joachim und Carla Rau sowie dem kleinen Peter bekommen sie eines Tages neue Nachbarn. Das Ehepaar Bub ist von den Neuerungen zunächst gar nicht angetan, Emil schüttelt sich: «Es war klar, dass sich mit diesem Paar, Spiessern, wie sie im Buche standen, auf dem wilden Altweibergrundstück von nun an alles breitmachen würde, was er verabscheute: Gartenmöbel mit Auflagen, Pflanzschalen voller Stiefmütterchen . . .»

Aber es kommt anders. Schon bald verbindet die beiden sehr unterschiedlichen Paare eine Nachbarschaft, aus der es irgendwann kein Entrinnen mehr gibt – Emil und Veronika nämlich sind kinderlos, und sie interessieren sich vor allem für Peter. Für ihn tun sie alles: Sie helfen ihm bei den Hausaufgaben, sie richten ein Aquarium für ihn ein, sie unternehmen Ausflüge mit ihm, sie schenken ihm eine Schildkröte. Lange Zeit kann Emil selbst seine Leidenschaft für Mörike, die mit einem Schuss Sozialromantik versetzt ist, mit Peter teilen.

Im Sommer 2010 scheint gerade dieses «Beste» unerreichbar geworden zu sein, aber noch deutet nichts darauf hin, im Gegenteil. «Stuttgart 21» prägt die Stimmung in der nahen Stadt, Peter ist mit den Söhnen oft unter den Aktivisten im Park, engagiert, ja leidenschaftlich, so sieht es aus. Bis sich eines Tages Mia mit den beiden Kindern absetzt und einfach verschwindet. Die Katastrophe scheint perfekt, und vermutlich hatte sie sich schon seit längerem angekündigt. Am Schwarzen Berg geraten in der Folge die beiden Paare erst ins Rutschen, irgendwann dann ins Schleudern.

In ihrem neuen, ihrem zweiten Roman, «Am Schwarzen Berg», der für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, erzählt Anna Katharina Hahn von der wachsenden Verzweiflung einiger Menschen, und sie erzählt weit mehr, als auf der kargen Oberfläche einer nachbuchstabierbaren Handlung sichtbar wird. Der Blick der Erzählerin fällt alternierend auf die gegenwärtige Situation und auf vergangene Zeiten, als die kleine Welt am Schwarzen Berg noch weniger bedroht schien. Das wird raffiniert gegeneinander geschnitten und erzeugt nicht allein ein Wechselbad der Gefühle, sondern gibt der «Wahlverwandtschaft» Emil Bubs mit Peter (mit einem fernen Gruss an Goethes gleichnamiges Werk) eine beklemmende Dichte.

Wie Anna Katharina Hahn ihren alles kühl stellenden Erzählton durchhalten kann, ohne dass der Schrecken je nachlässt, ist bemerkenswert. Unverwandt bleibt die Aufmerksamkeit der Erzählerin auf die Handvoll Figuren gerichtet, die sich durch ihren immer zäher werdenden Alltag mühen. Selbst winzige Gesten, beiläufige Blickwechsel, unscheinbare Gegenstände, alles wird scharf beobachtet, alles erzählt mit. Und nichts davon wird je auf eine Weise kommentiert, die das Erzählte an irgendeine Kausalität verraten könnte. Die Summe der vielen disparaten Energien, welche die Figuren und damit die Handlung vorantreiben, ist ein Verhängnis. Niemand hat es kommen sehen – es kann nicht aufgelöst, es kann nur erzählt werden. Und gerade damit ist Anna Katharina Hahn ein grossartiger Roman gelungen.

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2.)

Am Schwarzen Berg.
Roman von Anna Katharina Hahn (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Britta Heidemann aus der WAZ vom 10.3.2012:

Mit Poesie gegen "Stuttgart 21"

Trommelschläge, Grilldunst und Gedichte hängen in der Luft, "Baumanbeter, Hippies, Punks und Penner" laufen durch das "bizarre Narrendörfchen", das die Stuttgart- 21-Gegner hier errichtet haben.

Mittendrin: Peter, Mias Ehemann, und ihre Söhne Ivo und Jörn. Es ist dieser Moment, in dem der Roman beginnt, auch wenn Anna Katharina Hahn sich die Szene fast bis zum Schluss aufspart. Der Moment, in dem Mia beschließt, ihre Söhne Peters Einfluss zu entreißen. Sprachmächtig erzählt Hahn von jenen, die "Am Schwarzen Berg" leben: Peters Eltern Carla und Hajo, Hausfrau und Arzt, gediegen, aufgeräumt. Die kinderlosen NachbarnEmil und Veronika, Lehrer und Bibliothekarin, unordentlich, dem Alkohol zugeneigt - und dem kleinen Peter verfallen. Vier Eltern für Peter, viermal Hoffnungen, Träume. Emil gelingt es, Peter für Poesie zu begeistern, wandelt mit ihm auf den Spuren Mörikes. Aber steht doch hilflos vor dem Erwachsenen, der sich mit der Verzweiflung des Verlassenen in sein Jugendzimmer zurückzieht.

"Am Schwarzen Berg", nominiert für den diesjährigen Leipziger Buchpreis, leuchtet bildmächtig in Seelenabgründe. Zugleich spiegelt er in seinen Figuren - vor allem im träumerischen Peter und der so zielstrebigen Putzfrauentochter Mia - den großen Zwiespalt unserer Zeit: Sehnsucht nach Poesie und unbedingten Fortschrittsglauben.

Ein starkes Stück Literatur.

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