Am Rande der Welt. Günter Eich in Geisenhausen 1944-54 (2013, Wallstein-Verlag, von Roland Berbig )Am Rande der Welt.
Günter Eich in Geisenhausen 1944-54 von Roland Berbig (2013, Wallstein Verlag).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg für die REZENSIONENwelt, April 2014:

Wenn Berbig schreibt „Wer Eich in die sechziger Jahre begleitet, gerät in Gefahr, die wenigen Spuren, die er hinterließ, aus den Augen zu verlieren.
Noch immer scheint es zu früh, dieses Leben zu rekonstruieren. Oder ist es längst zu spät? Möglicherweise müssen wir uns mit dem Gedanken befreunden, dass Eichs Biographie nicht erzählt sein will oder doch nur Partien aus ihr.“, so trifft das ziemlich genau die Lage, sieht man sich den Buchbestand auf eine Biographie Eichs hin an.

Zeitigten die 70er Jahre des 20ten Jahrhunderts noch zwei umfangreichere biographische Annäherungen* an Eich, waren in „Text und Kritik“ 1979 Detailaspekte zum Werk verdeutlicht worden und hatten die Beitragenden im von Peter Walther zur gleichnamigen Ausstellung herausgegebenen Band „Nach dem Ende der Biographie Günter Eich (1907-1972)“ im Jahr 2000 Lebens- und Arbeitseinblicke ** gegeben, so fehlt es doch bis heut’ an einer vollständigen Biographie zu Eich.

Für eine (wohl wesentliche) „Partie“ aus dem Leben Eichs steht nun das Buch Berbigs in seiner oft kleinteiligen, doch nirgendwo langweiligen Darstellung. Aufgeteilt in 7 Kapitel und einen Epilog, wovon sich 6 derselben mit der Zeit Eichs in Geisenhausen und eines mit der bis zu seinem Tode befassen, erhellt der Band die Lebensumstände und den Umgang Eichs mit seinen Mitmenschen sowohl für den Mikrokosmos Geisenhausen als auch den Makrokosmos „Welt“, eben vom Rande jenes her gesehen. Ausgehend von einer Reihe (hier größten Teils erstmalig vorgestellter) Lebenszeugnisse Eichs, die Berbig weitgehend über den Kontakt mit der Geisenhausener Familie Schmid erhielt, deren Logiergast Eich über den im Titel des Bandes benannten Zeitraum hinweg war, zeigt der Autor die für Eich so wichtigen wie prägenden Erlebenszusammenhänge von Existenzhinterfragung, Lektüreerfahrungen, Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, zum Tod der ersten Ehefrau, der Kontakte zur „Gruppe 47“, der Liebesbeziehung zu Ilse Aichinger und des Fortschreitens der eigentlichen Arbeit am Werk auf.

Zugleich beinhaltet das Buch ein Stück bundesdeutscher Zeitgeschichte der Provinz, speziell der niederbayerischen katholischen, wie sie einem selten (ohne verklärendes oder be- respective verurteilendes Beiwerk) dargeboten wird.

Ob Äußerungen Eichs zu poetologischen Fragen in der Auseinandersetzung mit Kunstentäußerungen aus Fernost Ende der 40er und am Beginn der 50er Jahre („ … das Gedicht als Schriftzeichen, in denen ’der Sinn konzentriert ist, wo nicht alphabetisch oder lautlich das Wort ausgedrückt wird, sondern durch ein Sinnbild ... ’. Das Gedicht als ‚Hieroglyphe’“) oder grundlegender Art („… Wir bedienen uns des Wortes, des Satzes, der Sprache. Jedes Wort bewahrt einen Abglanz des magischen Zustandes, wo es mit dem gemeinten Gegenstand eins ist, wo es mit der Schöpfung identisch ist. Aus dieser Sprache, dieser niegehörten und unhörbaren, können wir gleichsam immer nur übersetzen“), Vorlieben materieller Art (hier spielt das Automobil und damit offenbar verbundene Wohl und Wehe eine nicht unwesentliche Rolle), die Liebesbeziehung Aichinger/ Eich (Ilse Aichinger: „Vielleicht … warst du viel stiller als ich und es gibt dich mehr“), die Kontakte zur „Gruppe 47“, Krankheit, der Grablegewunsch Eichs oder Nachrufgeschehen –  Berbig lässt die sehr verschiedenartigen Facetten des Eich’schen Lebens dieser Zeit in seinem Buch Revue passieren und nimmt die Lesenden auf diese Reise mit.

Hatte Schafroth in seinem 1976 erschienen Autorenbuch zu Eich gleich eingangs betont, daß (neben dem Desinteresse Eichs an der eigenen Lebensüberlieferung) der Versuch einer Biographie „mithilfe von Menschen, die Eichs Leben streckenweise begleiteten, einigermaßen zu verbinden und mittels vorsichtiger Interpretationen lebendig werden zu lassen, … behelfsmäßig und fragwürdig“ sei, so ist Berbig  (allerdings deutlich auch vor dem Hintergrund einer akribischen Auswertung schriftlicher und bislang nicht ausgewerteter  Quellen) mit seinem Buch der Gegenbeweis gelungen.

Dem Band bleibt mithin zu wünschen, daß er den Weg zu den Interessierten findet, zumal derselbe auch in Aufmachung und Preis ein erfreuliches Angebot darstellt.

* S.Müller-Hanpft (Hg.) „Über Günter Eich“, Frankfurt/Main 1970 und H.F. Schafroth „Günter Eich“, München 1979
** Berlin 2000; hierin ist u.a. auch der von Günter Eich selbst mitgeteilte „Entwurf eines Lebenslaufs“ vom Ende der 40er Jahre des 20ten Jahrhunderts enthalten

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