Am Rande.
Gedichte von Richard Wall (2006, Rimbaud).
Besprechung von Christian Pichler aus Rezensionen-online *Stifterhaus*, 2006:

Leben wie ein Indianer

"Am Rande": Damit, im Titel, weist Richard Wall dem/der DichterIn die Position zu, an der alleine das poetische Pflänzchen gedeihen kann: abseits der politischen und wirtschaftlichen Machtzentren, am Rande "der" Gesellschaft und, wohlgemerkt, auch am Rande des so genannten Literaturbetriebs. Gewiss, ein Aspekt dieser trotzigen Randposition kann auch eitles Außenseitertum sein. (Der große Kyniker Diogenes wurde ein einziges Mal selbst zum Spottopfer, als ein athenischer Mitbürger, angesichts Diogenes´ armseliger Gewandung, bemerkte, welch eitler Kerl Diogenes doch sei.)

Und doch, inmitten einer nahezu totalitären Bilderwelt samt dazu gehörigem Wortschrott ist gegenwärtig das "Geschäft" des Dichters, das Ringen um das treffliche Wort, tatsächlich ein überaus einsames. Dichten ist Sisiphos-Arbeit. Richard Wall selbst schreibt im Gedicht "Lebensweg" von "Arbeit ohne Ende. / Und trotzdem leere Hände." Eine Spur von Selbstmitleid des Dichters? - Das schlägt gleich im nächsten Gedicht in - ironische - Autoaggression um, wie schon der Titel verrät: "Selbstbefragung oder red´ nicht so einen Stiefel". "Einen Stiefel reden", umgangssprachlich für Blödsinn quatschen, damit meint der Dichter nicht nur ",Vera´, ,Stöckl´: Österreichische Fernsehmoderatorinnen" (wie Wall höflich in der dazu gehörigen Fußnote anmerkt), sondern auch sich selbst. Lässt er, der Dichter, sich doch vom Stumpfsinn besagter Damen provozieren und schmiedet finstere Rachepläne, so etwa der (unerträglich biederen) "Stöckl einen Stifter / oder einen de Sade zu schenken". - Bloß, eine Frau Stöckl lässt sich weder von Stifter noch von einem de Sade davon abbringen, mit ihrem Stumpfsinn die Gehirne zu vergiften. Das weiß der Dichter, der trotzig seine Ohnmacht akzeptiert:

"Leben wie ein Indianer tapfer / (…) und im Grunde mich mit dem alten Satz bescheiden / : Nur ein toter Dichter ist ein guter Indianer."

Richard Wall, 1953 in Engerwitzdorf geboren, heute vorwiegend im Mühlviertlerischen Katsdorf lebend, ist ein in poetischer und geographischer Hinsicht Reisender, Grenzgänger und -überschreiter. Neben gemeinsamen, Kunstsparten übergreifenden Arbeiten etwa mit tschechischen KünstlerInnen bereist Wall seit mehr als 30 Jahren, seit 1975, regelmäßig Irland (eine literarische Frucht dieser Reisen ist "Wittgenstein in Irland", 1999 auf Deutsch, im Jahr 2000 ins Englische übersetzt in London erschienen). Mit dem irischen Literatur-Heiligen James Joyce hat Richard Wall mindestens eines gemeinsam, nämlich die Lust, das poetische Feld gleichermaßen nach dem Banalen und dem Großartigen abzugrasen. Plagt sich Wall in seinen Gedichten aus den Jahren 1996 bis 2005, die in "Am Rande" versammelt sind, einmal mit öden TV-Tanten herum, so nimmt er ein anderes Mal, und zwar gleich im ersten Gedicht, den Herrgott ins Visier. Das Gedicht heißt "Fragen", und gemeint könnten damit jene Fragen nach den wesentlichen Dingen sein, auf die die abendländische Philosophie seit 2500 Jahren noch keine wirklich schlüssigen Antworten gefunden hat: Woher kommen, wohin gehen wir, warum sind wir da. Wall bringt nun den Herrgott, falls es ihn denn doch geben sollte, ins Spiel. Dieser, der Herrengott, lässt nämlich den fragenden Menschen wie einen Idioten im Regen stehen und schert sich auch sonst um nichts, wie es scheint. Richard Wall attackiert das Schweigen, die Abwesenheit Gottes. Walls Fragen sind "Stangen", die in den Himmel ragen und den Herrgott aus seiner Apathie reißen, ihn gewissermaßen am Hinterteil kitzeln sollen. Längerer Rede kurzer Sinn, Wall ist der Dichter, bei ihm geht's kurz und prägnant:

"Dort wo ich gehe / wachsen die Fragen / in den Himmel // Sie rühren wie Stangen / und lassen dem Gott / keine Ruhe."

Nun, soll der Herrgott ruhig weiterdösen. Wall hat ohnehin, verglichen mit dem konkreten Leben, mit metaphysischen Spekulationen wenig am Hut. - Das Leben "am Rande", damit ist nicht nur die Position des Dichters, sondern auch Walls Lebenssituation auf dem Land angesprochen. Hier spielt Wall durchaus im romantischen Sinn das Ländliche gegen die Stadt aus. "Das" Land als eine Art Wahrnehmungsoase, die Stadt als gewalttätige Entfremdungsmaschine, wie aus einem Gedicht, das Wall dem 2001 verstorbenen Dichter Christian Loidl gewidmet hat, ersichtlich wird. Ein Ausschnitt aus "Bedeutend das Unbedeutende":

"Die Dörfler sind / in den Städten gelandet. / In den Zentralen / summen die Rechner. // Das binäre Räderwerk / zermalmt das Wahrgenommene"

Freilich, eine nicht existente ländliche Idylle zu besingen, wie dies politisch konservative Kreise - nicht nur in Österreich - heute noch gerne tun (und damit tatsächlich Wahlen gewinnen), ist Walls Sache nicht. Die Augen zu öffnen für die unmittelbare Umgebung, darum ist es Wall zu tun. Die Zerstörung des "Wahrgenommenen", des Wahrnehmbaren hat sich von der Stadt bis in den ländlichen Bereich ausgebreitet:

"Das Land, das Getreide lieferte über Jahrhunderte, / Zugtiere, Herrschaft und Untertanen nährte / wird zurechtgeschoben, für das "Leben im Grünen", / für Autobahnrastplätze / einen schnellen Fick oder / Einkauf (…)" ("Exit Engerwitzdorf", Auszug)

Der eigentliche Betrug, das Empörende der "Priester der Gier", wie Wall Rationalisierungsfanatiker an anderer Stelle nennt, liegt nicht so sehr an der realen Zerstörung "natürlich" gewachsenen ländlichen Raums, sondern im Geist, der diese Einebnungen vorantreibt. Ein Geist, der die gewalttätige Ausbreitung von Wirtschaft und Technologie als "natürlich" betrachtet. Ein Geist, und dies scheint mir der zentrale Punkt von Walls Kritik, der letztlich die Zeit auslöschen will. Totale Gegenwart, Geschichts- und somit Gesichtslosigkeit. (An einer Stelle schreibt Wall - und dieser Gedanke ist weiterhin wichtig und aktuell -, dass er in deutscher Sprache und somit in der "Sprache der Mörder" dichte.) In "Exit Engerwitzdorf" heißt es gegen Ende:

"Gewalt, die hier eingreift, / will die Geschichte löschen, die Erinnerung - / und zerstückelt mit der Landschaft unsere Leben."

Noch einmal: Der Dichter beklagt den Verlust von Wahrnehmungsfähigkeit, von Sinnesfreude, von - mit einem Wort: Sensibilität. Dass Wall diese Sensibilität noch hat (besser: noch lebt), das zeigen die meines Erachtens schönsten Stellen dieses Gedichtbandes. Stille Beobachtung der Umwelt, die Seele baumeln lassen können, wie es einst Tucholsky formulierte. Etwas vom bezaubernden Minimalismus japanischer Poesie schwingt mit (darin übrigens Christian Loidl nicht unähnlich), wenn Richard Wall etwa in "Frühling" eine Naturbeobachtung in eine geradezu existenzialistische Situation kippen lässt:

"Winzige Frösche / hocken am Rand / des Teiches // Und überlegen / den Absprung / ins Nichts."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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