am puls von Franziska Röchter, 2015, Geestam puls.
Gedichte
von Franziska Röchter (2015, Geest-Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für die LYRIKwelt.de, Januar 2016:

das fenster dazwischen/ein letzter beweis/dass der bloße körper/nicht einbildung war

Wenn Franzika Röchter, Jahrgang 1959, die als bekannte Poetry-Poetin und engagierte Verlegerin seit annähernd 30 Jahren in Ostwestfalen lebt und arbeitet, Bilder mit Pinseln malte, stellte ich sie mir als gestandene Junge Wilde vor, deren Bilder großflächig, vielfarbig bunt und gegenständlich daherkämen, während ich bei genauerem präzisen Hinschauen entdeckte, wie sorgfältig sie ausgestaltet wären.

Da aber die Dichterin Lyrik schreibt, die ich Lyriktexte nennen möchte, malt sie Bilder mit Worten und schreibt Worte, die Bilder assoziieren, ihr eigenes und unverwechselbares Verfahren, die Welt und das Leben in allen möglichen und unmöglichen Einzelheiten literarisch abzubilden und darzustellen. Dabei geht sie ebenso sorgsam und gekonnt vor, als wäre sie die oben von mir angedachte Malerin.

Ihr Stil ist persönlich und ausgeprägt, ihr Handwerkszeug der Sprachfluss, der die jeweilige Tonlage, die Franziska Röchter den entsprechenden Themen gemäß wählt, transportiert und den Augen und Ohren der Leser mal laut oder leise, mal grell oder verhalten nah und näher bringt.
So entsteht ein Austausch von Worten und Bildern, die sich im Kopf und nicht zuletzt auch im Herzen verankern, was Angerührtsein, Betroffenheit und in der Folge womöglich grenzüberschreitendes Nachdenken auslöst.

Nicht immer macht es die Dichterin ihren Lesern leicht, Zugang zu ihren Texten zu finden, die sich auch schon einmal augenzwinkernd als Narretei oder Nonsens herausstellen können, als ausgeprägter Spaß, provozierend und mit der Freude an den Verwirrungen, zu denen Sprache fähig ist, zu jonglieren. „ich such den dreh und angelpunkt/ die wunderkerze die mir funkt/ das stahlkorsett das mich jetzt hält/ doch hier zählt gar nichts / nur das geld/ die freiheit schwer zu tragen“.

Die Dichterin versteht es, ihren Lesern eine andere Richtung vorzutäuschen als jene, in die sie eigentlich will und der sie sich auch zuwenden wird am Schluss, ein listiges Verwirrspiel das ihrer Absicht genügt, die Leser auf ein ersichtliches Problem aufmerksam zu machen und ihnen, literarisch überzeugend, die Augen zu öffnen, denn „nichts ist geblieben/ außer das lieben.“

Die Lyriktexte Franziska Röchters spiegeln die Wirklichkeit in all ihren hellen und dunklen Farben, sie sind alltagstauglich, jedem erdenklichen Thema gegenüber offen und aufgeschlossen und nicht selten selbstironisch. Sie sind regenbogenbunt, aber auch berührend traurig und melancholisch. Es sind Texte, wie Hellmuth Opitz in seinem Vorwort fordert, die laut gelesen werden müssen, damit sich ihre Botschaften und Anliegen zu voller Blüte entfalten können.

„du musst in jahren denken sagt er denk in jahren/ ich denk in jahren nicht ich denk in ganzen leben/ vielleicht wird’s irgendwann für mich ein zweites geben/ dies aber wird ich erst nach meinem tod erfahren“.

Diese Texte kommen mir visionär vor, begnügen sich mit der Melodie, deren ihr Sprechen folgt, sie begnügen sich gelegentlich mit einem Punkt, einem Schräg- oder Gedankenstrich, die ausreichen, um fließende Strukturen einzubauen als Leuchttürme oder Orientierungshilfen für die Leser, „aller hoffnung auf gelieh‘ ne zeit.“

Es sind Texte, aus Sprachfäden gewirkte, um ihr nachdenklich sprachliches Wesen furios, mutig und gewitzt treiben zu können, das Herz auf dem rechten, den linken Fleck wie ihre Verfasserin, eine gestandene Junge Wilde eben.

Sie schreibt Natur-, Liebes-, Küchen-, Reise-, Gegenwarts-, Fußball-, Beziehungs- und Schicksalsgedichte. Aber gerade dann, wenn sie ganz persönlich wird, fühlt man sich ihr als Leser und Mensch besonders nah, weil sie das, was auch andere ähnlich oder gleich erleben, in Worte bringen kann, die anderen Betroffenen fehlen: „mutter du solltest nach vorne schauen/ da ist doch noch sehr viel paletti/ mutter für bleulila fliederfrauen/ regnet es heute konfetti“.

Oder: „die frau am anderen ende der/ leitung stopft im geiste immer/ noch münder / sie sagt sie sei/ sich ziemlich sicher: du bist/ doch eines meiner kinder / sie weiß nicht den namen / sie weiß nur: wir kamen/ schon lang nicht mehr auf/ ihren fremden mond“.

Franziska Röchter versteht es, jede Wirklichkeit literarisch zu einer anderen werden zu lassen und mit veränderter Sichtweise das Wesentliche zu erfassen und bloß zu legen. Sie bricht Konventionelles und Verkrustetes auf und lässt uns Leser mit neu gewonnener Freude an Sprache und staunenden, aber neugierig entspannten Blick auf die Dinge zurück. Wir sollten ihre Lyriktexte auch denen weiterempfehlen, die misstrauisch sind und glauben, ein fertiges Literaturweltbild zu haben. Sie könnten, denke ich, zu Entdeckern werden, die angenehm überrascht sind:
„was willst du langeweile oder leben/ willst du dabei sein oder nur daneben/ in scherben kann man positives sehn“.

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