Am Piano.
Roman von Jean Echenoz (2004, Berlin-Verlag - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 17.11.2004:

Anarchisch disponiert
Jean Echenoz macht sich wieder mal über alles und jeden lustig

Dem Mann ist schier nichts heilig. Man kann ihn einfach nicht ernst nehmen. Mit jedem Roman zertrümmert er mit aller Selbstverständlichkeit Genreregeln und rezeptionelle Erwartungshaltungen. Man meinte, mit dem Vorgängerroman Die großen Blondinen hätte er die Spitze der Parodie erreicht. Von wegen. Es geht alles noch doller bei dem Franzosen Jean Echenoz. Wie immer wirkt anfangs alles recht konventionell: die Hauptfigur, der etwa 50-jährige Max, seines Zeichens ein berühmter Pianist, ist unterwegs zu einem Konzert in seiner Stadt Paris. Begleitet wird er von einem Mann, der ein Auge auf ihn hat, der darauf achtet, dass Max nicht rasch in einer Kneipe verschwindet, um ein Glas zu heben, denn Max ist Alkoholiker; immerhin soll er ja kurze Zeit später ein Konzert geben, er muss also nüchtern bleiben.

Auf der Bühne läuft dann alles wie geschmiert, am Ende feiert ihn ein frenetisches Publikum. Das wiederholt sich in den folgenden drei Wochen: Max gibt Konzerte, widersteht im Großen und Ganzen der Versuchung durch den Alkohol, wird gefeiert. In seinem Privatleben tut sich nicht viel; erwähnt seien lediglich zwei Frauen, eine Verflossene namens Rose im fernen Toulouse, der er gedanklich nachhängt, sowie eine namenlose Frau mit Hund, der er zufällig auf der Straße begegnet und in die er sich halsüberkopf verknallt.

Und dann, peng!, ist alles vorbei. Eines Nachts wird Max auf dem Nachhauseweg von einer jugendlichen Bande umgebracht. Max ist also tot, beziehungsweise nicht ganz, naja, irgendwie doch: er ist ein Untoter fortan, befindet sich in einem Zwischenreich, wo über sein Schicksal anscheinend noch entschieden wird (mit der klassischen Konstellation: Himmel, Hölle, Fegefeuer). Er wacht zunächst auf in einem Krankenhaus, wo auch Doris Day und Dean Martin herumspuken, sie als Krankenschwester, er als, sagen wir, Zimmerkellner. Sie alle sind ähnlich (un-)tot wie er, ihr Schicksal wird anscheinend auch noch ausgehandelt (scheint lange zu dauern). Immerhin gibt es für Max eine Liebesnacht mit besagter Doris Day. Wie die verläuft? Das ist unserer Fantasie überlassen.

Zur Geschichte vielleicht nur noch so viel: Max landet nach Umwegen über Südamerika schließlich wieder im heimischen Paris, am Flughafen wird er abgeholt von einem Mann, der "lächerlicherweise Bart, Hut, getönte Brille und einen bis unters Kinn zugeknöpften Trenchcoat" trug. Wir haben verstanden. Max wird ein Job als Barkeeper und eine neue Identität zugewiesen, er heißt jetzt Paul. Gegen Ende, in einem obskuren und labyrinthischen Kaufhaus, kommt es fast zu einer Begegnung mit Rose, doch ein gewisser Béliard, der ihm zuvor im Zwischenreich der Untoten schon ein paar Mal zugesetzt hatte (Béliard, dies nur am Rande, nervt auch schon in früheren Romanen von Echenoz), reißt sie ihm vor der Nase weg, nicht ohne diese schnippische Erklärung von sich zu geben: "Das ist das, was Sie hier die Hölle nennen, sozusagen." Ahnten wir doch. Seit Sartre wissen wir aber auch, dass die Hölle vornehmlich die anderen sind.

Echenoz macht das, was er am besten kann: uns mit den Beliebigkeitsparametern postmoderner Erzählweisen zu konfrontieren und diese gleichsam ad absurdum zu führen. Das ist unterhaltsam, wenn auch manchmal ein wenig in den hahnebüchenen Nonsens gedehnt. Seine Romane leben von der parodistischen Inszenierung, der Verspottung, dem Puzzle der Versatzstücke, operieren mit Pseudo-Motiven und Halbreferenzen. Damit spricht er in erster Linie anarchisch disponierte Leser an, jene, die das Zitat lieben und im letzten Stereotyp noch den Witz erkennen. Wer das nicht goutieren kann, ist verloren, der wird das Buch auch komplett erkenntnisfrei zur Seite legen. Schwer zu entscheiden, ob Echenoz sich dessen bewusst ist, ob es Methode hat oder ob es ihm einfach schnurzegal ist. Oder alles auf einmal oder nichts von alledem.

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