Amoren für Casandre von Pierre de Ronsard, 2006, Elfenbein

Amoren für Casandre.
Liebessonette von Pierre de Ronsard (2006, Elfenbein, Hrsg. von Carolin Fischer - Übertragung Georg Holzer)
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 7.2.2007:

Herz unter Stahl
Ronsards mitreißende Liebessonette endlich auf Deutsch

Verfeinerte Lebensart und Raffinesse des Geistes können ein Fluch sein: "Ich wollt ein Bauer sein, im Dorf geachtet,/ Der dumm und ohne Geist sein Tagwerk schafft,/ Ein Besenbinder, der in Armut schmachtet:// Der Liebessturm hätt kaum mich hingerafft./ Mein Allzuviel an Geist hat mich umnachtet,/ Mein Übel kommt von zu viel Urteilskraft." Der hier so eloquent und in so geschliffenen Jamben leidet, ist kein geringerer als Pierre de Ronsard: Hauptakteur der Pléiade, berühmtester Vertreter des Siebengestirns der französischen Renaissancedichtung. Für seine Liebesqual verantwortlich ist hingegen Cassandre Salvati, die Tochter eines florentinischen Bankiers, die einen anderen heiratete - und dem Dichter so immerhin ein Thema schenkte, ihm ermöglichte, einen langen Zyklus von Liebessonetten in der Nachfolge Petrarcas zu verfassen.

Was dem italienischen Meister seine Laura und anderen Dichtern der Pléiade eine Olive, Méline oder Francine war, wurde für den "Prince des Poètes" Cassandre, später, in einem für den Italiener noch undenkbaren Akt dichterischer Untreue, die Damen Hélène und Marie: Objekt der Verehrung und Adressatin der Gedichte, die zwischen Klage, Beschwörung und Überredungsversuch changieren. Die Unerreichbarkeit der Geliebten, die "unter Stahl ein keusches Herz so kühl" verbirgt, und die vergebliche Hoffnung des Liebenden, doch noch erhört zu werden, sorgen für die Grundspannung dieser Liebesdichtung, die von der Lust am eigenen Leid stets aufs Neue beflügelt wird: "Gequält zu werden ist mir eine Ehre,/ Wenn Hoffnung bleibt auf das, was ich begehre,/ Den einen Kuss, der aller Martern Lohn." So ironisch sein Ton teils ist - er wolle nicht "so sehr klagen noch petrarkisieren", heißt es einmal -, so bewusst übernimmt Ronsard den Bilderkanon der italienischen Manier: Die Lippen gleichen Korallen, die Haut ist von Alabaster, die Augen strahlen heller als die Sonne. Die Übertreibung als Stilmittel, die spitzfindige Pointe ("So will ich sterben, und besiege still/ Den Tod, den ich durch meinen Tod nun töte"), der Bezug auf die Mythen der Antike machten damals nicht umsonst europaweit Schule, und so findet man Wendungen und Bilder aus den Amours nicht nur bei Petrarca sondern auch bei anderen Dichtern wieder, bei Shakespeare, John Donne oder bei Andrew Marvell. Der subtilen Argumentation in dessen lyrischen Überredungsversuch "To his coy mistress" begegnet man auch schon bei Ronsard:

Munter durch die Laken

"Lern doch zu leben, stolze Grausamkeit./ Halt nicht für Pluto deinen Reiz bereit,/ Nein, lieber nach dem Glück der Liebe hasche." Das Prinzip der "imitatio" war im sechzehnten Jahrhundert nicht nur geduldet, es war aller Ehren wert und allgemeine Sitte - es kam nur darauf an, wie geschickt man sich im vorgegebenen Rahmen zu bewegen wusste. Ronsard erweiterte ihn durch eine überaus irdische Sinnlichkeit, den Vorschlag etwa, sich "zu größrem Lustgewinn/ Munter durch die Laken" zu scheuchen, oder auch durch seine Zeilen über die "feste Milch" der "beiden Zwillingswogen", sein Lob des kleinen "Zwillingsberges": "Den Himmel rühmt um Größe nicht mein Mund!/ Er und die Brust sind göttlich, weil sie rund,/ Denn nur in runden Dingen liegt Vollendung."

Georg Holzer hat Ronsards klassische Gesänge für die kalte Cassandre, die 1552 erschienen und für die man dem jungen Dichter, mehr noch als für die zuvor erschienenen Oden, die allergrößte Bewunderung zollte, nun zum ersten Mal überhaupt in geschmeidige deutsche Sonette übertragen und auch bei den eingefügten Madrigalen und Elegien weder Reim noch Metrum gescheut - ein Projekt, das trotz der erwartbaren, heiklen Kürzel und gelegentlicher, dem rhythmischen Zwang geschuldeter Deformierungen beeindrucken muss. Da der edel gestalteten Ausgabe überdies der französische Text beigegeben ist, lassen sich jederzeit Lobpreis und Klage des Originals konsultieren: "Mon Dieu, que j'aime!"

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