Am Morgen des zwölften Tages von Vladimir Vertlib, 2009, DeutickeAm Morgen des zwölften Tages.
Roman von Vladimir Vertlib (2009, Deuticke).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 19.9.2009:

Worte sind wie ein Vorhang
Vladimir Vertlibs Roman "Am Morgen des zwölften Tages" spielt im fiktiven Gigricht und 1941 in Bagdad

Imaginierte Orte können bündeln, was im Großen womöglich ersichtlich, jedoch weniger anschaulich sein mag. Gigricht heißt die fiktive Stadt in Deutschland, in der Vladimir Vertlib einige Exempel seiner gekonnt literarischen Einbildungskraft ansiedelt. In seinen sehr ansprechenden Romanen Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur (2001) und Letzter Wunsch (2003) dreht sich das kleine Prosawelttheater um jüdische Erinnerung und deutsche Gegenwart, um das Gewicht von Religionen und Ideologien. Die schwierigen Beziehungen zwischen Orient und Okzident, zwischen Christentum, Judentum und Islam, die Wirrnisse zwischen den Kulturen, die Nähe von Liebe und Hass erzählt Vertlib in seinem neuen Roman Am Morgen des zwölften Tages als persönliche Geschichte, deren Brennpunkte in explosiven Zeiten liegen: der Mittlere Osten in einer entscheidenden Phase des Zweiten Weltkriegs und Mitteleuropa mit seinen moslemischen Migranten nach dem 11. September 2001. Das Konfliktpotenzial ist geschärft, sowohl weltpolitisch als auch in den privaten Beziehungen, auf der Gegenwartsebene der Schilderung insbesondere zwischen deutschen Frauen und Moslems.

Gegenseitige Beleuchtung

Astrid Heisenberg hatte als Abiturientin elf Tage und Nächte mit Khaled aus dem Irak verbracht, wie ein sinnliches Märchen aus 1001 Nacht; am Morgen des zwölften Tages war der falsche Liebhaber auf Nimmerwiedersehen verschwunden - ihrer nunmehr erwachsenen Tochter Petra hat sie nie gesagt, wer ihr Vater ist.

Als sie eine Liaison mit Adel aus Bagdad eingeht, der in Gigricht das Restaurant "Die vierzig Köstlichkeiten des Ali Baba" besitzt, und von ihm geschlagen wird, begibt sie sich einerseits in die Frauenhilfegruppe "Weißer Halbmond" und beginnt andererseits, die Erinnerungen ihres Großvaters zu transkribieren. Dieser Sebastian Heisenberg war ein bekannter Orientalist. 1933 in die NSDAP eingetreten, hatte er in einem Buch eine "faschistische Perspektive für den Islam" beschrieben. Im Mai 1941 reiste er mit einer Delegation nach Bagdad, um bei der Vorbereitung eines deutschen Militäreinsatzes mitzuwirken. So wechseln zwei Erzählstränge, deren gegenseitige Beleuchtung implizit interessante Aspekte bietet, allerdings von Vertlib unnötig explizit hervorgehoben wird, wenn er eine Figur im Nachhinein über die gefährliche Bagdadreise mitten im Zweiten Weltkrieg sagen lässt: die "Parallelen zum aktuellen Irakkrieg sind nicht von der Hand zu weisen" . Zu formelhaft, mitunter ungelenk gestaltet er die Rollenprosa der Ich-Perspektive von Astrid, deren Sätze von einer kleinbürgerlichen Existenz zeugen. ("Ich kann mich glücklich schätzen, in der Buchhandlung Papanek, die sich mehrheitlich im Besitz der Universität befindet, arbeiten zu dürfen." )

Die aus der Distanz der Rückschau 1986 verfassten Aufzeichnungen des Großvaters, bei denen sich Vertlib auf historische Quellen stützt, schildern eine abenteuerliche Mission voll packender Momente sowie im Nachhinein merkwürdig anmutender Vorstellungen: Wie Hitler von Arabern als der verheißene, mythische zwölfte Imam gefeiert wird, der Großmufti von Jerusalem zum Jihad gegen Großbritannien aufruft, oder wie ein paar Deutsche im Mai 1941 in Bagdad überlegen, man müsse die Juden vom Orient nach Polen bringen, wo man "entsprechende Grundvoraussetzungen" geschaffen habe.

Aber auch der Bericht des Universitätsprofessors Heisenberg, immerhin als "überdurchschnittlich intelligent" bezeichnet, bleibt oft im phrasenhaft Oberflächlichen und liest sich wie einige dieser Rechtfertigungstexte von Mitläufern, bis zum Unlogischen der Formelhaftigkeit, wenn es über den Leiter der Bagdad-Mission heißt: "Er strahlte eine natürliche Autorität aus, wie sie nur Menschen, die gelernt haben, Führungspositionen zu übernehmen, eigen ist." Einer, der von Doktoranden sprachliche Genauigkeit fordert, sollte selbst nicht formulieren, ein ungemein karges Quartier sei "mehr als spartanisch" , "alles Weitere" sei "mehr als ungewiss" . Der Orientalist, der den Nazis dient, ist ein Opportunist hinter dem Paravent seiner Wissenschaftlichkeit - "Worte sind wie ein Vorhang" setzt der Roman ein - und sieht sich als "Sklave der Geschichte, die mich in ihren Klauen hielt" .

Dieser Rollenprosa verschreibt sich Vertlib zu sehr. In ihr erscheinen auch Ausführungen und Debatten über den Orient und die Religionen wenig tiefgründig, jene über die Moslems stark verallgemeinernd, in der Frauengruppe als durchschnittliches Gerede. Aus der Sicht der beiden Ichs, von Großvater und Enkelin, spielen Moslems fast immer die schlechte Rolle. Diesen Eindruck verstärkt das Verschwinden Khaleds am Morgen des zwölften Tages, das im Titel mythisch klingen mag und neben der privaten eine allgemeine Bedeutung mitschwingen lässt. Und so zeigt Vladimir Vertlib diesmal trotz eindringlicher, spannender Abschnitte eine recht schemenhafte und zu lang geratene Seite des Imaginationsortes Gigricht.

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