Am Mittelmeer von Rafael Chirbes, 2001, Kunstmann

Am Mittelmeer.
Reisebuch von Rafael Chirbes (2001, Kunstmann - Übertragung Thomas Brovot, Stefanie Gerhold, Christian Hansen, Dagmar Ploetz).
Besprechung von Yaak Karsunke aus der Frankfurter Rundschau, 19.4.2001:

Unsentimentale Liebeserklärungen
Niemand kommt zufällig nach Venedig: Rafael Chirbes' anregender Reisebegleiter "Am Mittelmeer"

Häufig stellt eine Reise eine paradoxe Rückkehr in Gegenden dar, in denen man zwar realiter noch nie war, die aber Sehnsuchts- und Traumziele aus Kindheit und Jugend sind, aus Zeiten also, da sie noch in unerreichbarer Ferne lagen. Selbst ein deutscher Bundespräsident gestand bei seinem ersten Amerikabesuch, das Land als Halbwüchsiger schon einmal bereist zu haben, "mit meinem Freund Karl May".

So reist man Bildern hinterher, die man früh aus Büchern, Filmen oder dem Fernsehen gewann, manchmal auch in der (unbewussten) Hoffnung, dabei vor allem jenen Gefühlen wieder zu begegnen, die diese Bilder vormals in einem selbst ausgelöst haben. All diese Projektionen können den Blick auf den endlich erreichten Sehnsuchtsort verzerren oder gar verstellen, oft programmieren sie auch die Enttäuschung, die den Reisenden am vermeintlichen Ziel seiner Wünsche unerklärlich befällt.

"Die Reisenden", hat der (selbst viel gereiste) Züricher Ethnopsychoanalytiker Paul Parin einmal angemerkt, "haben sich losgelöst vom Gewohnten. Sie suchen ihren Weg ins Unbekannte, mutig und allein. Dabei merken sie nicht, dass sie gespielt werden wie ein Ball, dass sie gefangen sind und vorprogrammiert." Um dieser Programmierung zu entkommen, ist wohl "eine gewisse gedankliche Strenge" erforderlich, von der Rafael Chirbes in seinem Reisebuch Am Mittelmeer einmal spricht.

Der 1949 bei Valencia geborene Chirbes ist deutschen Lesern bislang als Verfasser einer Reihe von Romanen bekannt, die in der spät- oder nachfrancistischen Zeit spielen und ebenso behutsam wie eindringlich die Spuren von Bürgerkrieg und Diktatur in der spanischen Gesellschaft nachzeichnen und untersuchen. Fünfzehn Jahre lang war der Autor auch als Reise-Kolumnist für die Zeitschrift Sobremesa tätig - eine Reihe dieser Beiträge hat er für die jetzt auch auf Deutsch vorliegende Buchausgabe Am Mittelmeer ausgewählt und überarbeitet.

Rafael Chirbes ist ein kenntnisreicher Reisender, der sein Wissen dem Leser aber an keiner Stelle aufdrängt, sondern ihn zuvorkommend daran teilhaben lässt. Die Kultur- und Sozialgeschichte des Mittelmeerraums wird eher nebenbei erzählt, fast immer im Zusammenhang mit anschaulichen Details, sei es die Exegese der Straßennamen eines alten Stadtviertels von Valencia oder die Schilderung der die Sinne betörenden Angebotsfülle des Marktes in Kairo, die als "Das Erbe der Welt" begreifbar und vor Augen geführt wird.

Auch die eigenen Vorprägungen unterschlägt der Verfasser nicht, allerdings erscheinen sie in liebevoll-ironischer Brechung, etwa wenn er, am asiatischen Ufer des Bosporus stehend, dem Gedanken nachhängt, "dass in diesem Bühnenbild nur fliegende Teppiche als Transportmittel erlaubt sein dürften".

Chirbes liebt die mediterrane Landschaft, ohne sie sentimental zu verklären: "Wer beim Mittelmeer an liebliche Landschaften denkt, irrt." Er ist offen für die Reize und Schönheiten klassischer Stätten, aber nicht blind für die Verwüstungen, die die Tourismus-Industrie rund um das Mittelmeer angerichtet hat.

Freilich ergibt der Autor sich nicht nostalgisch der Trauer um eine vorgeblich bessere Vergangenheit; er weiß, dass der "romantische und elitäre Begriff des Reisens" von der "Oberschicht der angelsächsischen Länder" einst geprägt wurde, als die sich im 19. Jahrhundert "aufmachte, Unterentwicklung, Exotik und Bedienung zu entdecken, ein Gemenge aus sekundären Werten, das unter der imaginären Vorstellung ,Der Süden' zusammengefasst wurde."

Vor diesem Hintergrund gelingt es ihm, selbst eine Touristenhochburg wie das winterliche Rentnerparadies Benidorm noch mit einem nahezu zärtlichen Verständnis zu betrachten, das er auch für die Besucher anderer Fremdenverkehrs-Attraktionen aufbringt. "Niemand kommt zufällig nach Venedig" - auch jenes ältere Paar nicht, bei dem die Frau ihrem Mann nicht nur den Reiseführer vorliest, sondern ihm offensichtlich auch die Anzüge aussucht, in denen er sich nicht wohl fühlt, denn "die sucht sie für einen anderen aus: für den Mann ihrer Träume". Hier ist in einem Halbsatz ein ganzer Roman enthalten, und auch an anderen Stellen bringt der Romancier mit literarischer Konzentration Zusammenhänge auf den Punkt. Die sozialen Kosten von ungleich verteilten irdischen Gütern etwa verdeutlichen in Genua "die imposanten religiösen und weltlichen Bauwerke, an denen der Überfluss ins Auge springt wie eine Schuld, die sich nicht verbergen lässt".

Mit wacher Aufmerksamkeit streift Chirbes so durch die Länder und Städte, und immer begleiten ihn "die Stimmen und Handgriffe der Fischer, die sich wie in einem Spiel der Echos und Spiegelungen in jedem Winkel des Mittelmeers wiederholen".

Wer immer im kommenden Sommer eine Reise in diese südlichen Gefilde plant, sollte nicht versäumen, das schmale Brevier mit in den Koffer zu packen. Nicht als Reiseführer, aber als anregenden Reisebegleiter allemal.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0501 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau