1.) - 2.)
Am Hang.
Roman von Markus
Werner (2004, S. Fischer).
Besprechung von Andreas
Nentwich in Neue
Zürcher Zeitung vom 3.08.2004:
Loos oder der Triumph
des verlorenen Postens
Markus Werners Roman «Am Hang»
Zwei Männer kommen ins Gespräch auf einer Restaurantterrasse in Montagnola. Sie finden nicht recht zueinander, zu verschieden sind die Ansichten über Frauen, Liebe und Leben. Aber etwas zieht den Jüngeren, einen alerten Anwalt namens Thomas Clarin, zu dem sarkastischen Fünfziger hin, der sich ins Tessin begeben hat, um Trauerarbeit zu leisten: Hier, vielmehr im nahe gelegenen Kurhaus Cademario, sei seine junge Frau ums Leben gekommen. Von den Umständen mag der «in jeder Hinsicht schwere» Mann, der sich selbstironisch als «Lehrer für tote Sprachen» vorstellt und überhaupt als gestrig und «im Tiefsten [. . .] nicht aufgeschlossen», wenig preisgeben. Schliesslich, im Verlauf eines zweiten Abends, kommen sie doch zur Sprache. Am dritten Tag will man sich noch einmal treffen, doch der Ältere ist abgereist, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Der Name, unter dem er sich vorgestellt hat, war falsch, und in Cademario weiss man nichts von einer Frau, die an einem unglücklichen Sturz im Hausschwimmbad gestorben sein soll.
Ein Planspiel
Plötzlich stimmt nichts mehr, die ganze Vita und Ehegeschichte des vorgeblichen Namensvetters Thomas Loos: erschwindelt, bestenfalls Dichtung und Wahrheit. Und doch ist es nicht das, was Clarin veranlasst, seine Abhandlung über «Ehe-, vielmehr Scheidungsrecht» fallenzulassen und stattdessen die Unterhaltungen der vergangenen Tage schriftlich zu rekapitulieren. Alles Gesagte, so viel ergeben die Recherchen, ist geheimnisvoll auf ihn gemünzt: Fabula docet. Wäre er nicht so verbissen in Tatsachen, der geprellte Erzähler von Markus Werners neuem Roman, könnte er lernen, dass viele Geschichten erfunden werden müssen, um der möglichen Wirklichkeit auch nur eines einzigen Menschen auf die Spur zu kommen. Und dass der andere aus falschen Angaben eine Wahrheit hat wachsen lassen, die niemand anderen als ihn, der sich so viel auf seine Illusionslosigkeit zugute hält, der Selbsttäuschung und Menschenverachtung überführt.
Doch diese Einsicht fällt wohl nur den Lesern zu, am Ende, wenn der Autor die Verbindung zu allem Erwartbaren kappt und alles neu gedacht werden muss. Denn «Am Hang» ist ein Planspiel, das erst bei der zweiten Lektüre, wenn sich sein ganzes Raffinement zu erkennen gibt, mit der Künstlichkeit eines Erzählens versöhnt, das eher zeitkritischen Reflexionen folgt als einem genuinen Erzählimpuls: Wie sich klug halten gegenüber den Apologeten eines Zeitgeists, denen ethische, kulturelle und soziale Normen nicht viel mehr sind als Optionen auf dem pluralen Meinungsmarkt? Und: Gibt nicht die «rücksichtslos komplexe Wesensart der Welt» denen Recht, die fröhlichem Hedonismus das Wort reden und wahr und falsch, Kunst und Trash, Recht und Unrecht als blosse Funktionen gesellschaftlicher Vereinbarungen betrachten?
Die Verteidigung der Poesie
Es sind solche Fragen, die der Autor in den Für- und Widerreden seiner Kombattanten dialektisch schärft, ohne aus seiner Parteilichkeit ein Hehl zu machen. Die gelegentlichen Punktsiege eines relativistischen Pragmatismus über das kulturkonservative «Weltlamento» des enttäuschten Linken, der sich Loos nennt - ein Name, der das altertümlich-resignative Wort für Schicksal konnotiert -, sind Pyrrhussiege. Denn für Clarin, der gewohnt ist, alles Menschliche im Regelwerk psychologischer Mechaniken und justiziabler Kategorien zu verstauen, endet die Wirklichkeit am Horizont der Begriffe. Seine Toleranz, fein abgestimmt auf den eigenen Donjuanismus, fusst auf biologistischen Axiomen: Das Männchen ist polygam, das Weibchen klammert, die Masse will unterhalten sein, Kultur ist Einsicht in die Notwendigkeit des Trieb- und Interessenausgleichs. «Ich bin ja nicht blöd», «nicht blind», «kein Unmensch»: Das sind die Kernworte eines restringierten emotionalen Codes, die zu entkräften der andere, nur scheinbar zerstreut, ihn fortwährend anstachelt.
Wie sollte dieser Bescheidwisser von Erzähler bemerken, dass alles, was er zum Besten gibt, einen völligen Mangel an Einfühlung und Menschenkenntnis verrät? Woran erkennen, dass sein schales Porträt einer abgelegten Liebhaberin, deren spöttische Verschlossenheit ihn angezogen hatte, bis sie schwierig wurde und befürchten liess, dass sie ihre Ehe aufgeben und ihn mit Gefühlen behelligen könnte, sein Gegenüber in Aufruhr versetzt? «Mich erbarmt diese Frau», ist der spröde Kommentar des Mannes, der sich Loos nennt und die Geschichte besser kennt. Auch er hat von dieser Valerie gesprochen, die seine Ehefrau war und nun getrennt von ihm lebt, hat lediglich den Namen und einige Umstände geändert und sie einen realen Tod sterben lassen, wie um ihr den seelischen zu ersparen.
Das authentische Bild eines Menschen lebt nicht vom Buchstäblichen, so wenig, wie das Leben den Rationalisierungen gehorcht. Für solche Einsichten fehlt einem Zeitgenossen, der von «Investitionen» spricht statt von Gefühlen, das Rezeptionsorgan. Wie umgekehrt dem Autor die Worte fehlen, um ihm ausser Meinungen auch Fleisch und Farbe zu geben. Spitzig durchsticht das Vokabular der Effizienzstrategen den sanften Wellenschlag einer gepflegten Prosa, die nicht ganz frei ist von altherrenhaften Zügen. Werners Alter Ego ist sie auf den Leib geschneidert, seinem Opponenten nimmt man sie nicht ab: Thomas Clarin ist eine Projektion des Gegenwartsekels, eine Spielfigur, ins Rennen geschickt, um dem verlorenen Posten eines moralischen Weltverhältnisses zum Triumph zu verhelfen.
Ein Manko, gewiss, aber es soll nicht am Ende stehen, sondern Loos, der nicht Loos heisst und die wahre Geschichte, die nie erzählbar ist, im Reflex einer fabulierten fängt. Am Ende also: die Verteidigung der Poesie. Sie ist Markus Werner virtuos gelungen.
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Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © NZZ
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2.)
Am Hang.
Roman von Markus
Werner (2004, S. Fischer).
Besprechung von Nicole Henneberg aus der Frankfurter
Rundschau, 9.2.2005:
Am Hang, so der Titel von Markus Werners
siebtem Roman, kommen die Dinge leicht ins Rutschen. Zwar öffnet sich, wie hier
an einem schweizerischen Berghang, ein weiter, momentweise betörend schöner,
dann wieder düster verhangener Blick übers Tal bis zum gegenüberliegenden
Berg. Aber sicheren Halt in dieser zerklüfteten, den Zustand der menschlichen
Seele widerspiegelnden Landschaft bietet noch nicht einmal die Terrasse eines
gediegenen Kurhotels. Was besonders ärgerlich ist, wenn man, wie der Erzähler,
für ein ungestörtes Arbeitswochenende extra angereist ist. Schon der erste
Satz offenbart nicht nur die tiefe Verwirrung des Helden, sondern legt auch das
Laufwerk des Romans offen: "Alles dreht sich."
Indem der Erzähler Clarin, ein junger und smarter Fachanwalt für
Scheidungsrecht, diesen Satz aufschreibt, hat er den ihm einzig erreichbaren
festen Punkt bereits gefunden: die Füllfeder seines mysteriös zu Tode
gekommenen Freundes, die im Ferienhaus liegen geblieben war.
Es ist fast eine Liebesgeschichte, in die Clarin auf der langweiligen
Bergterrasse mit dem großen, ihm gegenübersitzenden Mann gerät; und sie
trifft ihn so heftig - "wie ferngesteuert", merkt er später an -,
dass er an dem Wochenende keine Minute mehr arbeiten kann. Dabei ist er
eigentlich Spezialist für schnelle, heftige Liebesgeschichten, sein Ideal ist
der erfüllte, sich selbst genügende Augenblick - eine Ansicht, die sein Gesprächspartner
Loos (der Name wird sich später als falsch herausstellen) symptomatisch für
die trostlose Gegenwart findet.
Bizarre Gewissheiten
Anfangs hält der junge Anwalt ihn mit seinen
kulturpessimistischen Tiraden über Wertezerfall und geistige
Orientierungslosigkeit für einen ewiggestrigen Spinner, aber immer mehr reizen
den Jüngeren die bizarren Gewissheiten des Älteren, die dank ihrer Klarheit
und inneren Logik einen eigenartigen Sog entwickeln, der ihn sogar den
gelegentlichen Ekel vor all den negativen Extrembeispielen vergessen lässt.
Es ist eine ungeheuerliche Geschichte von leidenschaftlicher Liebe und
Todessehnsucht, die sich beklemmend langsam aufrollt; und Loos könnte in seiner
wütenden, aber auch grotesken und lächerlichen Verzweiflung ein
Seelenverwandter von Zündel sein, der Hauptfigur aus Markus Werners erstem
Roman. Beide sind pädagogisch ambitionierte Lehrer, die die Bildungsmaschine
Schule hassen; beide sind untauglich für den Alltag geworden, weil sie nicht
mehr bereit waren mitzuspielen.
Banalitätsverweigerung
Die Figuren in Werners frühen Romanen hatten
sich der Realität fast schockartig verweigert; sie waren einen Schritt aus
ihrem Leben herausgetreten und hatten sofort und vollständig den Boden unter
den Füßen verloren. In den späteren Romanen klammern sich die Figuren mühsam
und verbissen an den schmalen Grat zwischen Gesellschaft und seelischem
Niemandsland. Das tut auch Loos, indem er sich die Wirklichkeit nach seinen Wünschen
umerzählt. Zündel war daran gescheitert, dass er die Banalitäten des Alltags
ernst und wörtlich zu nehmen begann, woraufhin sie sofort monströs und absurd
wurden. Loos dagegen versucht, normative Vorstellung und Realität mit allen
rhetorischen Mitteln zusammenzuzwingen - besonders in der Liebe.
Die rührselige, bis ins letzte Detail farbig ausgeschmückte Geschichte einer
übermenschlichen Liebe, die in eine ideale Ehe mündet, macht den Frauenheld
sprach- und hilflos. Um den Jüngeren, der sich offensichtlich viel geschickter
und erfolgreicher in der Welt behauptet, in die Knie zu zwingen, entfaltet Loos
sein ganzes polemisches Geschick.
Marcus Werner hat hier seine bisherige Personenkonstellation umgedreht: der
Entwurzelte, an der Welt Zweifelnde zieht einem, der sich bisher souverän und
fraglos im Leben behauptet hat, mit leidenschaftlicher Wut den Boden unter den Füßen
weg. Die Wucht dieses raffiniert gebauten, seine Hemmungslosigkeit spöttisch
mitbedenkenden Redestroms zieht den Leser immer unwiderruflicher in das verhängnisvoll
engmaschige Beziehungsnetz zwischen zwei Paaren hinein, bis in Clarin der
Verdacht entsteht, dass sein Gesprächspartner ihn in einem entscheidenden Punkt
belügt.
Damit ändert sich die Gefühlssituation der Figuren von Grund auf:
wechselseitige Anziehung kippt in Hass und Angst - der überzogene Furor von
Loos bekommt plötzlich einen lebensbedrohlichen Unterton. Aber immer noch
sitzen die beiden friedlich redend und trinkend auf der Terrasse, nichts
geschieht - ein Indiz dafür, dass bei diesen Figuren Schocks kaum noch etwas
bewirken, weil sie bereits Zerrissene und Gebrochene sind. Was auch immer sie
erfahren, ihre Überlebensstrategien, aus unterschiedlichen, aber gleich
existentiellen Nöten geboren, lassen nur noch geringfügige
Akzentverschiebungen zu.
Scheinbar ereignislos
"Suspense" hat Patricia Highsmith ihre Technik genannt, die Sympathien der Leser hin- und herzuwenden und mehrere Varianten einer Geschichte über- und nebeneinander zu schieben. Ähnlich verfährt Markus Werner und zieht im letzten Kapitel die Erzählschraube nochmals ironisch an. In sich überstürzenden Sätzen wird nicht mehr von Glaube, Liebe und Hoffnung gesprochen, sondern nur noch von Gewalt und Verbrechen. Als wollte er die Leser augenzwinkernd belohnen, bei einem scheinbar ereignisarmen Buch bis zuletzt durchgehalten zu haben, "sei es in der Hoffnung oder Ahnung, das Entscheidende komme noch, sei es, weil das halb Erfahrene, das Abgebrochene und Unerledigte ungute Gefühle macht."
Seine Leser muss der Autor jedenfalls für noch zwanghafter und trostbedürftiger halten als seine Figuren; warum sonst entfaltete er zum Schluss so viel kriminalistischen Furor.
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