Amerikanisches Tagebuch 1962.
Tagebuch von Siegfried Lenz (2012, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 12.10.2012:

Siegfried Lenz und sein trübes Amerika-Bild
Das einzige Tagebuch, das der Schriftsteller je führte, protokolliert seine 44-tägige USA-Reise von 1962. Es ist geprägt von einem Blick auf das Land, der althergebrachte Vorurteile über Mentalität und Eigenarten der Amerikaner bestätigt.

Nächstes Jahr wird Siegfried Lenz 87, und ob er noch einmal einen großen Roman stemmen wird, steht dahin. Um die Wartezeit zu überbrücken, wird ihn sein Hausverlag Hoffmann & Campe gedrängt haben, jetzt das einzige Tagebuch zu veröffentlichen, das er je geführt hat. Er tat es für „Lilochen“, seine vor sechs Jahren verstorbene Frau Liselotte.

Es beschreibt die 44 Tage währende Reise von Siegfried Lenz kreuz und quer durch die USA im Herbst vor 50 Jahren. Der US-Botschafter in Deutschland hatte den damals 36-Jährigen Lenz eingeladen, der schon zu den Etablierten der Literaturszene zählte, auch wenn er seinen größten Erfolg (mit der „Deutschstunde“ von 1969) noch vor sich hatte. Es war die Zeit der Kuba-Krise, die Welt stand kurz vor dem Atomkrieg, aber das notierte Siegfried Lenz nur kurz, am Rande. Mehr Aufmerksamkeit widmete er dem amerikanischen Essen, Professorengehältern oder den Hemd-Preisen.

Lenz hilft auch schon mal beim Kälberkastrieren

Manchmal läuft er eine Weile einem Menschen auf der Straße hinterher, aber was er an Eindrücken notiert, liest sich wie eine Ansammlung bestätigter Vorurteile: ein Echo auf die kulturkritischen Beobachtungen, die Theodor Adorno als Exilant machte. „Vieles im amerikanischen Leben hat den Stil einer Annonce: Alles wird sehr gut gemacht, übertrieben, angepriesen, die Sprache stellt sich darauf ein. Aufmachung ist alles; man akzeptiert stillschweigend die kleine Lüge.“

Lenz hilft auch schon mal auf dem Lande beim Kälberkastrieren, um am Abend einen Empfang zu besuchen. Den mit Maximilian Schell in San Francisco aber ließ er aus, lieber traf er sich mit Larry Bedini, einem Kellner aus dem Coffee Shop, der zugleich Direktor einer Schauspielschule ist. „Sehr langer, sehr trübsinniger Abschied auf beiden Seiten“, notiert Lenz am Ende, „wir haben ein­ander mehr als gern gewonnen.“ Da blitzt einmal Menschlichkeit auf in einem in jeder Hinsicht trüben Bild von Amerika.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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