Amerikanisches Fegefeuer von John Haskell, 2006, Tropen

Amerikanisches Fegefeuer.
Roman von John Haskell (2006, Tropen-Verlag - Übertragung Volker Oldenburg).
Besprechung von Karsten Herrmann aus dem titel-magazin, 16.9.2006:

Existentialistisches Roadmovie

Romane wie dieses Debut von John Haskell sind ein seltenes Geschenk: Wie auf einer Feder schwebend wird der Leser in das Geschehen hineingezogen, um alsbald vollständig mit ihm zu verschmelzen.

Im Stile eines Road-Movies erzählt Amerikanisches Fegefeuer von der Suche des Protagonisten Jack nach seiner scheinbar spurlos an einer Tankstelle mit dem Auto verschwundenen Ehefrau Anne. Jack, der ein Meister darin ist, sich den Umständen anzupassen, versucht nach diesem Schock alles um die „Illusion von Normalität“ zu bewahren. Doch immer öfter bricht sich die Fratze der Angst und der Verzweiflung Bahn: „Ich fühlte sie wie ein Amputierter eine verlorene Gliedmaße“.
Zu Hause findet Jack schließlich eine Landkarte mit einer von Hand eingezeichneten Route, die von Brooklyn quer durch den Kontinent bis zur Küste Südkaliforniens führt. Kurzerhand kauft er sich ein altes Auto und macht sich mit seinen Ersparnissen auf den Weg.

Mit meditativer Kraft und Ruhe folgt John Haskell, der seine Brötchen zuvor als Schauspieler, Drehbuchautor und Performance-Künstler verdiente, den Gedanken und Wahrnehmungen seines Protagonisten. Voller zarter Wehmut offenbart er Jacks Schwächen, Hoffnungen und Sehnsüchte und zeigt sein Ringen mit der Gleichgültigkeit der Welt, mit der „Kluft zwischen der Welt, wie ich sie wollte, und der Welt, wie sie war.“

Nichtsdestotrotz begegnet Jack auf seiner Reise den wechselnden (Krisen-) Situationen und Menschen mit frappierender Naivität und Offenheit, ohne sich ihnen jedoch gänzlich hinzugeben. Denn immer wieder schiebt sich die Erinnerung an das Gewesene vor den Augenblick und treibt ihn auf seiner Suche weiter. Diese wird im Laufe des Romans auch mehr und mehr zu einer existentiellen Suche Jacks nach der Wahrheit über sich selbst und nach der Wahrheit über seine - plötzlich umschlagende - Erinnerung.
Am Ende der Suche scheint er mit Nichts dazustehen: „alles, was ich einmal hatte, ist verschwunden. Nicht nur das, ich merke, dass ich verschwinde.“ Doch was bleibt, ist ein tiefes „Verlangen nach der Welt“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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