Amerika. Lektionen einer neuen Welt.
Essays von V. S. Naipaul (2003, Claassen - Übertragung Monika Noll und Ulrich Enderwitz).
Besprechung von Georg Sütterlin in Neue Zürcher Zeitung vom 21.04.2004:

Reportagen ohne Verfallsdatum
V. S. Naipauls Berichte und Essays über Amerika

Kurz nachdem V. S. Naipaul 2001 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden war, erschien ein Buch von ihm, das bekannten Stoff neu verpackte: Auf über 500 grossformatigen Seiten wurden unter dem Titel «The Writer and the World» seine wichtigsten Reportagen und Essays neu ediert. Als Journalist ist der indischstämmige, in der Karibik aufgewachsene und heute in England lebende V. S. Naipaul viel gereist, meist im Auftrag der literarisch-politischen Zeitschrift «The New York Review of Books». In drei Sektionen gegliedert, behandeln die Reportagen und Essays jene drei Regionen, die Naipaul immer wieder beschäftigt haben: Indien, Afrika und die Karibik, Amerika. Diese letzte Textgruppe ist jetzt unter dem etwas pompös-pädagogischen Titel «Amerika. Lektionen einer neuen Welt» auf Deutsch erschienen.

Man fragt sich, weshalb auch die frühesten dieser Reportagen ihre Frische und Intensität bewahrt haben. Vielleicht deshalb, weil Naipaul keine Konzessionen an intellektuelle Moden und Denkmodelle macht? Weil diesen Texten Ernsthaftigkeit und intellektuelle Rigorosität eignen? Weil in ihnen ein moralischer Standpunkt zum Ausdruck kommt? Weil Naipaul sich nicht scheut, gegen fromme Glaubenssätze unterschiedlicher Couleur zu verstossen? Alle diese Texte sind sprachlich poliert, die Sprache ist klar und knapp. Nur schon deshalb sind sie ein Lesevergnügen.

Man nehme zum Beispiel jene fünf zwischen 1973 und 1991 entstandenen Essay-Reportagen, in denen Naipaul eine grimmige Analyse Argentiniens zeichnet. Sie decken einen Zeitraum ab, der von den Anschlägen und Entführungen der linksorientierten Guerilla-Gruppen über Terror und Folter der Militärregierung bis zur Demokratisierung reicht. In einer Nachschrift zieht Naipaul Bilanz und reflektiert seine früheren Eindrücke. So sehr wie die Geschehnisse selbst interessieren Naipaul die Ursachen. Er schildert ein Land, wo Genozid und Landraub die Grundlage für einen kurzlebigen agrarwirtschaftlichen Boom schufen. Wo eine schmarotzerische Grundbesitzerklasse in kolonialem Geist sich im Mimikry europäischer Lebensart übte. Wo Selbstsucht und eine Mentalität des Plünderns die Politik bestimmen und wo Gemeinsinn und gesellschaftlicher Zusammenhalt weitgehend fehlen. In Argentinien, so Naipaul, ersetzen Parolen, Mythen und Legenden die Auseinandersetzung mit den Problemen. Er führt den berühmtesten Dichter des Landes an, Jorge Luis Borges, der den nüchternen Blick auf Wirklichkeit und Vergangenheit durch sentimentale Ahnenverehrung ersetzt.

Keine Wahrheit ist die ganze Wahrheit; doch Naipauls sardonische Sicht ist immerhin eine kohärente Interpretation dessen, was in diesem unglückseligen Land im letzten halben Jahrhundert abgelaufen ist und wo die Wurzeln dafür liegen könnten. Im Bericht über den Parteikonvent der Republikaner 1984 in Dallas entwirft der Autor durch das Akkumulieren scheinbar nebensächlicher Beobachtungen das Bild einer satten, selbstzufriedenen Kaste, die die Erörterung politischer Fragen durch vulgären Pomp und grossrednerische Phrasendrescherei ersetzt. Die christlichen Fundamentalisten mit ihrer öden, simplistischen Leier finden in Naipaul einen äusserst reservierten Kommentator. Im Unterschied zum boshaft-geschwätzigen P. J. O'Rourke, dem Schwadroneur Michael Moore oder dem Kamikaze-Reporter Hunter S. Thompson, in deren Texten die eigene Person so wichtig scheint wie das Thema, verzichtet Naipaul auf die Inszenierung seiner selbst. Er schildert, was er sieht, die Satire ist dosiert. Das Ergebnis ist eindringlich und lehrreich.

Naipaul ist die personifizierte Skepsis, als Besserwisser tritt er deswegen nicht auf. Er nähert sich den Themen behutsam, wobei er gelegentlich seinen eigenen Erkenntnisprozess offen legt. So ist auch die Reportage über die Kampagne Norman Mailers für das Amt des Bürgermeisters von New York 1969 von Ambivalenz durchzogen. Sie zeigt einen Schriftsteller, der in die Öffentlichkeit drängt und von widerstrebenden Impulsen zerrissen wird: dem Zwang, populär zu sein, seinen politischen Überzeugungen, seinem Geltungsdrang, den Erfordernissen der Propaganda und des Siegenwollens. Auch diese Reportage liest sich noch heute mit Gewinn, weil hinter dem Konkreten das Allgemeine spürbar wird....Fortsetzung

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