Am Ende von Herrad Schenk, 1994, KiWiAm Ende.
Roman von Herrad Schenk (1994, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Roswitha Schieb in der FAZ, 7.6.1994:

Und ewig putzt die Stieftochter
Herrad Schenk beschwört die Freuden des Alters

Als Herrad Schenk am sozialwissenschaftlichen Institut in Köln ihre Doktorarbeit vorlegte, eine gerontologische Studie mit dem Titel "Die Kontinuität der Lebenssituation als Determinante erfolgreichen Alterns", abgefaßt also im schlimmsten Soziologenjargon, hätte gewiß niemand vermutet, daß sie zwanzig Jahre später einen Roman aus der Perspektive einer alten Frau verfassen würde. Daß dieses Buch, "Am Ende" betitelt, ihr gelungen ist, liegt unter anderem daran, daß sie die Wissenschaft aufgegeben und als Autorin mehrerer Romane und Sachbücher schriftstellerische Gewandtheit erreicht hat.

Wie ein Leitmotiv durchzieht das Thema Alter Herrad Schenks Romane: ob es die dreißigjährige Frau ist, die sich ihren Lebensabend als Ziel immerwährender Gegenwart und lotophagenhaften Zusammenseins mit anderen alten Frauen, deren Männer längst tot sind, glückhaft vorstellt ("Unmöglich, ein Haus in der Gegenwart zu bauen", 1980), oder ob es Eugenie Marlitt ist, deren schriftstellerische Betriebsamkeit erst auf dem fruchtbaren Boden des Alters gedeihen konnte ("Die Rache der alten Mamsell", 1986) - immer scheint das Alter für Herrad Schenk ein behagliches Residuum ohne Termin- und Prüfungsdruck, ohne Ziele und Pläne zu sein.

Der neueste Roman ist eine moderne, also wunderlose Philemon-und-Baucis-Geschichte. Sie wird erzählt aus der Perspektive von Baucis, hier: Elli, die ihrem geliebten Philemon, dem langjährigen Ehemann Paul, nach seinem Schlaganfall beisteht. Ellis unwillkürlich abrollende Erinnerungsbilder geben dem Leser Aufschluß über die traumatischen und glücklichen Wendepunkte im Leben des alten Paares: der Tod von Ellis Schwester auf der Flucht, die späte Heimkehr des kriegsgefangenen Paul, sein beruflicher Erfolg als anspruchsvoller Journalist, ihr erstes Zusammentreffen, der Tod ihrer gemeinsamen Tochter, ihr Rückzug in ein Haus auf dem Lande, Pauls Schlaganfall und ihre Umsiedlung in eine kleine Stadtwohnung.

Diese Stationen der Vergangenheit wechseln mit Begebenheiten der Gegenwart ab - aufdringliche und angenehme Besuche, Pauls Einlieferung ins Krankenhaus und seine Rückkehr in die Wohnung. Dabei vermeidet der Roman nicht immer Klischees. Besonders wenn von der Unwirtlichkeit der Stadt im Gegensatz zum Landidyll, von der kontrollsüchtigen Aufdringlichkeit der Nachbarin und von der kleinfamiliären Spießigkeit der ewig putzenden Stieftochter die Rede ist, kann man sich des unangenehmen Gefühls nicht erwehren, daß plötzlich Herrad Schenk persönlich spricht und ein ganzer Schwung ihrer Sachbücher über Pazifismus, alternative Lebensformen und Wohngemeinschaften wie durch Ritzen in den Roman eindringt. Mehr noch, es scheint, als bedürfte der Roman dieser karikaturhaften Feindbilder, um ihnen die als solche kaum thematisierten Schicksalsfragen Alter, Krankheit und Tod anlasten zu können.

Doch wird dieser Eindruck im Laufe der Lektüre immer stärker relativiert, und zwar in dem Maße, in dem der Leser dem inneren Monolog Ellis zu mißtrauen beginnt. Denn unmerklich wandelt sich deren Wahrnehmung vom wachen zu einer Verzerrung der Außenwelt, die durch immer intensivere Erinnerungen phantastische Visionen, Selbstbeschwichtigungen und plötzliche Amnesien bedingt wird. Alle argwöhnischen Fragen, die den Leser beschäftigen - ob Elli nicht doch mit der Krankenpflege überfordert ist, ob Küche und Bett vielleicht nicht doch zu schmutzig sind, ob Paul ganz zum Schluß nur tot ist oder nicht - werden in der Schwebe gehalten. Und das Schlußbild ist aufgrund der undramatischen Sprache von großer Eindringlichkeit: wie Philemon und Baucis vom Bett auf den Boden rutschen, dort liegenbleiben und unter ihrer Decke gemeinsam verdämmern.

Leseprobe I Buchbestellung I home 0710 LYRIKwelt © Roswitha Schieb