Am Beispiel des Hummers von David Foster Wallace, 2009, ArcheAm Beispiel des Hummers.
Text von David Foster Wallace (2009, Arche - Übertragung Marcus Ingendaay).
Besprechung von Katharina Döbler in DIE ZEIT, 12.3.2009:

Humanismus auf Hummerbasis
David Foster Wallace verteidigt eine misshandelte Tierart

Einer der wunderbarsten Texte, die ich je über eine Reise gelesen habe, heißt: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Dessen Autor, Davis Foster Wallace, nahm sich das Leben, letzten Herbst, mit 46 Jahren, und so wurde dieser Titel so etwas wie sein Epitaph. Betitelt hat er damit eigentlich eine Luxuskreuzfahrt, aber es war ein Reisebericht aus einem der äußeren Kreise der Hölle: Für Wallace war der Aufenthalt an Bord ein infernalisches Gepiesacktwerden von den teuflischen Erfindungen des organisierten Vergnügens.

Wobei Sartres Hölle, die die anderen sind, eine nicht zu kleine Rolle spielte.

Von solchen Qualen zeugt auch der kleine Text Consider the Lobster, der – in Wallace’ unnachahmlicher Manier Reportage und Essay miteinander verschränkend – von einem alljährlichen Hummerfestival an der amerikanischen Ostküste handelt. Eigentlich ist es die Titelgeschichte eines umfangreichen Bandes, der 2004 in den USA erschien: Sie nimmt gerade einmal zwanzig Druckseiten ein. In der deutschen Edelausgabe der neuen »Paradies«-Reihe des Arche Verlags werden daraus 96 Seiten, in denen sehr viel weißer Raum bleibt.

Das liegt unter anderem an Wallace’ eigenwilliger Handhabung von Fußnoten, für die er berüchtigt ist. In seinen Texten sind sie so wichtig wie die linke Hand beim Klavierspielen: Manchmal wird das Leitmotiv darin fortgeführt, neu entwickelt oder auch nur in größerer Tiefe begleitet.

Diesmal geht es nicht um Kreuzfahrten, sondern um Hummer.

David Foster Wallace, der hochbegabte, depressive Wortschäumer, fährt im Juli 2004 im Auftrag des Magazins Gourmet nach Maine, wo der größte Hummerkochtopf der Welt Zigtausende anlockt. In einem Riesenzelt gibt es Hummer satt – mit viel Butter, glibbrigen Saucen und Fritten, serviert auf Plastik und Styropor.

Aber Wallace erzählt natürlich nicht nur davon, was man hier sieht und riecht und was einem vom Nachbarn aufs Hemd gespritzt wird – er sucht nach den Haltungen hinter dem Verhalten, sammelt Fakten aus Biologie und Geschichte und fragt nach den Gefühlen der Beteiligten. In diesem Fall sind die Beteiligten, die Wallace offenkundig am meisten interessieren, die Hummer.

Die werden bekanntlich lebendigen Leibes ins Kochwasser geworfen. »Aber auch nachdem der Hummer im Wasser untergegangen ist, ja, selbst bei geschlossenem Deckel hört man, wie er sich dagegen wehrt und aus seiner Not entkommen will.

Dieses Kratzen der Scheren an der Topfwand, die Stöße gegen den Deckel, wenn der ganze Körper hin und her peitscht!« Eine Beobachtung, die in jeder beliebigen Küche zu machen ist und die einen weit weg vom Lärm eines Sommerfestivals mit Kür der Schönheitskönigin und Kochwettbewerben zu sehr grundsätzlichen humanistischen Überlegungen führt. Humanismus auf Hummerbasis. Am Beispiel des Hummers (so der geniale deutsche Titel, wie überhaupt Marcus Ingendaay als Wallace-Übersetzer sämtliche Preise verdient hätte) unternimmt David Foster Wallace den Versuch, zu einer empirisch abgesicherten Moral durchzudringen.

Was ist los im Inneren des Hummers, wenn er an den Deckel des Topfes schlägt, in dem er bei lebendigem Leibe zu Tode gesotten wird? Leidet er? Ist er gar verzweifelt? Zeigt er damit einfach eine »Präferenz«, die im Umgang mit ihm zu berücksichtigen wäre? Wäre es möglicherweise »humaner«, ihn zuvor durch einen Messerstich in den Kopf zu lobotomieren?

Das alles trägt Wallace mit wenig Ironie, viel Mitgefühl und sehr unerwarteten und durchdachten Worten vor. Beim Lesen sieht man jemanden vor sich, der mitten in den lauten Kaugeräuschen eines Riesenfresszeltes auf die Überreste des roten, toten Etwas auf dem Styroportablett schaut, von dem er gerade gegessen hat, und dem es dabei das Herz umdreht: der Hummer, mein Bruder im Schmerz.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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