1.) - 4.)
Am Beispiel
meines Bruders.
Roman von Uwe
Timm (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Simone
Dattenberg im Münchner
Merkur, 24.8.2003:
Die verbotene Tür zum
Grauenhaften
Uwe Timm und das Kriegstagebuch des Bruders
"März 21. - Donez - Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG." Ein Satz aus dem Tagebuch des so vorbildlichen Bruders ("anständig", "tapfer"). Diese Zeile beschäftigt den Schriftsteller-Bruder den ganzen Text hindurch, sie frisst an seiner Seele, bereitet Schmerzen. Überdies war der Große, Blauäugige nicht schlicht bei der Wehrmacht, er war bei der SS-Totenkopfdivision. Uwe Timm muss also einen Satz schreiben wie: "Die Totenkopfdivision war 1939 aus der Wachmannschaft des Dachauer KZ gebildet worden." Er öffnet die Blaubart'sche Tür zum Grauenhaften, bleibt aber trotz heftiger innerer Beteiligung fair. Keine plumpen Anschuldigungen, keine Schönfärberei, eben kein Schweigen mehr ("Tote soll man ruhen lassen", wie die Mutter immer sagte).
Das Kriegstagebuch des Bruders Karl-Heinz wird offen gelegt (14. 2. 1943 bis 6. 8. '43), kommentiert und verwoben mit Erinnerungen, Analysen, Gedanken, sogar psychosomatischen Reaktionen (extreme Beinschmerzen Uwe Timms). Der Autor stellt dabei zunehmend seine Eltern in den Mittelpunkt, die Generation, die "weggesehen und geschwiegen" hat. Sie hat mehr Schuld als der junge Bursche mit seinem "Fressen für meine MG". Timm lässt den Alten alle Gerechtigkeit angedeihen, insbesondere seiner großartigen Mutter, aber er schont sie auch nicht: "Die Sprache wurde nicht nur von den Tätern öffentlich missbraucht, sondern auch von denen, die von sich selbst sagten, wir sind noch einmal davon gekommen. Sie erschlichen sich so eine Opferrolle."
Eine Generation, die weggesehen hat
Diesen Konflikt trug schon der Bub Uwe mit seinem Vater aus, der der eigentliche Kern der Auseinandersetzung, vielleicht des Buches ist. Ein gewandter, gewinnender Mann, der mit viel Hochmut aus dem Ersten Weltkrieg ausschied, im Grunde jedoch ein Verlorener war: keine Ausbildung, kein Geld. Mit einem kleinen Kürschner-Geschäft, das später vor allem die wahrhaft tapfere, wahrhaft anständige Mutter leitete, brachte er die Familie durch. Uwe lernte wie auch sein Bruder das Kürschnerhandwerk. Der Wirtschaftswunder-Wohlstand währte nur kurz, dann wurde die Konkurrenz zu stark. Die Familie verarmte.
Es ist der intensive Erzähler Uwe Timm, der in kleinen Episoden und Szenen Charakteristika seiner Eltern (aber auch von Nebenfiguren) präzise ausformt, eigene Wesenszüge durch ein typisches Ereignis deutlich macht oder an der immer zurückgesetzten Schwester Hanne Lore ein wenig Wiedergutmachung leistet. Dadurch ist er sehr persönlich, ja intim, erlaubt dem Leser große Nähe, gibt ihm zugleich zu verstehen, dass es um Exemplarisches geht. Kurz: etwas, was es in jeder deutschen Familie gab.
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2.)
Am Beispiel
meines Bruders.
Roman von Uwe
Timm (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Klaus Siblewski aus der Frankfurter
Rundschau, 17.9.2003:
Uwe Timm hat ein kleines, aber überaus wichtiges
Buch geschrieben - und das, obwohl er eine Seite seines Themas, und keine
unbedeutende, übergeht. Seine Sätze strahlen eine Glaubwürdigkeit aus, die
nicht nur dieses Manko vergessen lassen, sondern dem Buch zu seinem ganz eigenen
Gewicht verhelfen. Doch alles der Reihe nach. Lange hat Timm gebraucht, bis er
den Mut aufbrachte, sich mit dem kurzen Leben seines Bruders zu beschäftigen.
Dieser war bei der Waffen-SS, hatte 1943 an der deutschen Offensive bei Kursk in
der Ukraine teilgenommen und war, nachdem er schwer verwundet worden war, im
Lazarett gestorben. Von ihm konnte Timm bisher nicht sprechen, da er Rücksicht
auf Mutter und Schwester nehmen wollte. Erst nach ihrem Tod stellte er die
naheliegenden Fragen: Wieso konnte das Leben seines Bruders nur so schrecklich
falsch verlaufen, und warum ist er dennoch zu einem Familienidol aufgestiegen?
Timm geht zunächst der ersten Frage nach und entwirft ein entgeisternd-dunkles
Psychogramm seines Bruders - mit allerdings auffallend lichten Zügen. Zu den
autoritären Charakteren scheint dieser junge Mann nicht unbedingt gehört zu
haben. Manchmal war er unauffindbar und tauchte Stunden später wieder auf, was
er jedoch getrieben hatte, darüber verlor er kein Wort. Später entdeckt die
Mutter, aber da ist Timms Bruder schon tot, dass er sich in der Wohnung ein
Versteck eingerichtet hatte und dort Bücher über afrikanische Tiere las.
Es wäre also auch denkbar gewesen, dass dieser Junge seinen sensiblen Welten
den Vorzug vor dem Militär gegeben hätte. Vor diesem freundlich anmutenden
Charakterbild treten die finsteren Persönlichkeitsbestandteile des Bruders umso
schroffer hervor. Warum, fragt sich Timm, hat er nicht wie die anderen Männer
seines Jahrgangs (1924) - er ist 16 Jahre älter als der Autor - auf seinen
Einberufungsbefehl gewartet, sondern musste ausgerechnet zur Waffen-SS gehen.
Die Eltern haben ihn nicht zu diesem Schritt gedrängt, und der Eintritt bei der
Waffen-SS war bestimmt keine Kleinigkeit. Man gehörte damit zu den
Eliteeinheiten der Nazis (zu der auch die Leibstandarte Adolf Hitler zählte)
und verschaffte mit der Waffe in der Hand unter anderem deren Rassenwahn
Geltung. Das heißt, man musste Polen, Russen und Juden erschießen. Und dabei
stellt Timm mit keiner geringen Verblüffung fest, taugte der Bruder anscheinend
nicht einmal sonderlich zum Militärdienst: Bei der HJ jedenfalls wurde er häufiger
zum Strafexerzieren geschickt.
Aber Timm verfolgt nicht nur die Geschichte des Bruders. Die Frage, warum sein
Bruder zur SS ging, lässt ihn noch auf einen zweiten wesentlichen Aspekt im
Zusammenleben der Familie zu sprechen kommen. Vater und Mutter haben sich diese
Frage auch oft gestellt, allerdings mit klagendem Unterton. Sie glaubten, ihr
Sohn hätte leichter überleben können, wäre er nicht zur SS gegangen. Er hätte
ihr Retter werden können - eine Vorstellung an der sie zäh festhalten; diese
Erzählung vom Nachleben seines Bruders verschränkt Timm kunstvoll mit
Passagen, in denen er dessen Lebensspuren folgt.
Timms Vater nährte in der Familie die Vorstellung vom älteren Bruder als
Retter, und musste dabei ein wenig gegen seine eigene Gesinnung verstoßen. Er
war nämlich der eigentliche Militarist in der Familie, der - in einer merkwürdigen
Spiegelverkehrtheit zum Sohn - unbegabt für das Leben im Frieden war. Er
brachte es mit seiner Kürschnerei zwar rasch zu Wohlstand, als aber ab Mitte
der fünfziger Jahre seine Improvisationsfähigkeiten nicht mehr gefragt waren,
konnte er den erfolgreichen Geschäftsmann nur noch mimen. Gegen seinen
Soldatenstolz, er war nach dem Ersten Weltkrieg sogar bei den Freikorps und hätte
er von seinem Naturell die Hinwendung seines ältesten Sohn gutheißen müssen,
hadert er mit dieser Entscheidung und kultiviert die verheerende Fiktion von ihm
als Retter.
Dem Ton nach in einer tagebuchähnlichen Nähe zu seinen Figuren, gelingen dem
Autor eindringliche Vignetten aus dem Leben der frühen Bundesrepublik. Die
Angst der Familie, sich zu blamieren, sollten sie das Geschäft aufgeben müssen,
ist ständig zu spüren; sie hängen am unseligen Tropf ihrer Geschichte. Mit
dieser großen Vertrautheit und der Erzählperspektive, die Timm wählt, hängt
jedoch eine grundlegende Schwierigkeit des Buchs zusammen.
Selbstverständlich ist es gut zu verstehen, dass Uwe Timm, nachdem er so viele
Jahre die Auseinandersetzung mit seinem Bruder aufschieben musste, nun eine
radikal persönliche Sichtweise wählt. Allerdings darf bezweifelt werden, dass
der verheerende Weg des Bruders sich ausschließlich aus dessen Person und
seinem Leben in der Familie erklären lässt. Genauso verhält es sich mit dem
gefährlich dumpfen Brüten des Vaters, das die Familie an die Vergangenheit
bindet - und nicht nur an sie. Uwe Timm will "am Beispiel (s)eines
Bruders" einem Phänomen näher kommen: dem unkritischen Umgang mit der
Nazizeit nach 1945 in Westdeutschland. Beides, der Abmarsch des Bruders zur SS
und die Idiosynkrasien des Vaters, hatten jedoch auch politische und - das
ranzig klingende Wort sei erlaubt - gesellschaftliche Ursachen. Die kann Timm in
seinem schmerzlichem Erinnerungspuzzle jedoch nur unzureichend fassen.
Er nimmt die Vokabel Verantwortung ernst und sieht, dass auch sein Bruder und sein Vater diese Vokabel ernst genommen haben. Das erlaubt ihm, jenen Handlungsspielraum, den diese Männer tatsächlich besaßen, auszuloten. Dabei gehört es gewiss nicht nur zu den Nebenaspekten, dass Timm ein einfühlsames Portrait von einer Figur in dem kleinen Familienkosmos zeichnet, die in dieser pathologischen Männerwelt nur am Rande vorkommt: das der Mutter. Und damit erkundet Uwe Timm in seinem zwischen Erzählung und Notiz-Sammlung schwankenden Buch jene Grenzen, die noch immer gezogen sind in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Protagonisten. Uwe Timm hat in eindringlichen Prosa-Exerzitien die Auseinandersetzung mit unserer historischen Schuld fortgesetzt und verwickelt den Leser in diese Auseinandersetzung. Etwas besseres lässt sich über ein Buch nicht sagen, das die schwierigste aller zeithistorischen Fragen stellt.
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3.)
Am Beispiel
meines Bruders.
Roman von Uwe
Timm (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 18.9.2003:
Gespenstervertreibung
In einer anrührenden autobiografischen Erzählung
nimmt Uwe Timm Abschied von seinem Bruder
Geschichten, in denen Kleidungsstücke oder Stoffe (wie Gogols Mantel und dessen Adaptionen) eine Rolle spielen, machen hellhörig. Man vermutet, dass sie auf dem Umweg der Allegorie eine Aussage treffen über ihr Verhältnis zum eigenen, zum Erzählstoff – oder über dessen Charakter. Ein besonders merkwürdiger Stofffetzen taucht im Werk Uwe Timms gleich zweimal auf, in der Novelle Die Entdeckung der Currywurst, 1993, und jetzt, in seinem neuen Buch Am Beispiel meines Bruders. Es ist ein brennender, durch die Luft tanzender Gardinenfitzel, der rätselhaft wirkt, weil es aussieht, als gäbe es nur die Flamme, nicht das von ihr verzehrte Material.
Es ist leicht zu verstehen, was Uwe Timm an diesem Bild brennender Luft, das er als kleiner Junge im bombardierten Hamburg sah, bis heute beeindruckt: die schiere Irrealität. Und es ist nicht viel schwerer, sich vorzustellen, wie sie sich im Kopf des Jungen mit einer Gestalt verknüpfte, die im Leben wie in der Literaturgeschichte prädestiniert ist, Gefühle der Unheimlichkeit auszulösen: dem unsichtbaren Doppelgänger. In Timms Fall ist dies der eigene, sechzehn Jahre ältere Bruder Karl Heinz Timm, geboren 1924, gestorben 1943. Er fiel im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine, als Uwe Timm gerade drei Jahre alt war. Ein Bruder, den er nie wirklich kennen gelernt hat, von dem es kein Grab und außer einer Hand voll Briefe, einem flüchtig hingeschmierten Fronttagebuch keine Hinterlassenschaft, kein Material gibt. Und der dennoch, als untoter Geist der Familie, immer anwesend blieb, in jedem Seufzer der Eltern, auch nach Jahren noch, bei jedem Spaziergang der Familie Timm und indirekt in jeder Überlegung Uwe Timms zur eigenen Person, denn sie impliziert die Frage: Bin ich anders, als er war oder geworden wäre?
Vielleicht hat es gerade die ästhetische Anstrengung, die für den Autor in dem Paradox gelegen haben muss, ein so stoffarmes Leben wie das des Bruders zum Stoff eines Buches zu machen, mit sich gebracht, dass ihm die Lösung des zweiten Widerspruchs, der dem Buch auf der Stirn geschrieben steht, so natürlich von der Hand ging. Denn es handelt sich bei dem Text um nichts anderes als die Trauerrede eines überzeugten Linken auf einen überzeugten Soldaten der Waffen-SS.
Im Dezember 1942 meldete sich Karl Heinz Timm, blond, blauäugig, 1,85 Meter groß, freiwillig und wird mit 18 Jahren Panzerpionier der SS-Totenkopfdivision. Er stirbt am 16. Oktober 1943 in einem ukrainischen Lazarett an den Folgen einer schweren Verwundung, vier Wochen nach der Amputation beider Beine. An seine Eltern kommt ein Pappkästchen zurück, Kamm, Zahnpastatube, Orden, Briefe enthaltend und das Tagebuch, das der Bruder unerlaubt geführt haben muss; zumal bei der SS war das Tagebuchschreiben an der Front verboten.
Es sind in Kursivschrift von Uwe Timm zitierte quälende Sätze unter den telegrammhaft kurzen Notizen. Von „Beute“, gemeint sind getötete russische Soldaten, ist die Rede, und an einer Schlüsselstelle, auf die Timm mehrmals zurückkommt, von einer, aus professionellem Stolz hervorgehenden Befriedigung des Tötens: „März 21 Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.“ Uwe Timm graust vor diesem Bruder. „Das war die Stelle, bei der ich, stieß ich früher darauf – sie sprang mir oben links auf der Seite regelrecht ins Auge –, nicht weiterlas, sondern das Heft wegschloß. Und erst mit dem Entschluß, über den Bruder, also auch über mich, zu schreiben, war ich befreit, dem dort FESTGESCHRIEBENEN nachzugehen.“ Und er verurteilt ihn. Der Bruder mag in der Jungschar, in der HJ, von einem Vater, der ihn von klein auf fürs Nieweinen pries, erzogen worden, von der präpotenten Wichtigtuerei 19-Jähriger besonders befallen gewesen sein. Aber er war alt genug, eine Entscheidung zu treffen zwischen tödlich genauem und irgendwie leicht daneben Zielen.
Uwe Timm schränkt diese moralische Wahrheit nicht ein. Nur: Er isoliert sie nicht. Er integriert sie in die Geschichte der Trauer, der eigenen neidvollen Konkurrenz, der Geschichte seiner etwas übertriebenen Mutterliebe, und er verbindet sie mit der Parvenügeschichte seines Vaters, der von Natur aus einem Mann von Welt so stark glich, dass er anfing, sich für einen solchen zu halten und den Halt verlor, als das Pelz- und Kürschnergeschäft nach dem ersten Hoch des Wirtschaftswunders dem Bankrott entgegenschlich. Nicht zu vergessen: die Geschichte der zu kurz gekommenen Schwester, der dritten im Geschwisterbund in der Rolle der ewigen Tochter, der nichts glückt im Leben.
So entsteht, betrachtet man nur die narrative Oberfläche des Textes, die nicht untypische Kriegs- und Nachkriegserzählung einer Hamburger Familie, gestaltet in einer fragmentarischen, sentenzhaften Form aus Episoden, Reflexionen, Zitaten, Geschichtsbetrachtungen. Ein schmales Prosawerk, eine Miniatur, konstruiert nach dem Prinzip einer elliptischen Addition, deren Ganzes die Summe der Splitter und Teile unangestrengt übertrifft.
Darunter, unter der äußeren Organisation des Familienbildes, vollzieht sich noch etwas anderes. Man könnte es eine Gespenstervertreibung nennen. Uwe Timm befreit den Bruder Seite um Seite aus der Aura des Unheimlichen, Irrealen. Das gelingt, indem er das verkürzte Leben des Bruders mit dem Bericht der eigenen Biografie verspiegelt und so mit Realität versorgt. Er zerrt den SS-Soldaten mitsamt seinem ambivalenten Tagebuch nicht zur allgemeinen Bestaunung auf die Bühne. Er setzt ihn ins Parkett der deutschen Gesellschaft des 20.Jahrhunderts und sich daneben. Er ist nicht der Antipode der Geschichte, die er berichtet, sondern ihr Teilnehmer in der Funktion eines nachdenkenden, nachforschenden Chronisten.
Ein deutsches Bruderpaar. Wie groß ist die Schnittmenge zwischen dem Umriss des einen, des guten Deutschen, und dem des anderen, des bösen Deutschen? Das ist die Frage. Sie wird insofern beantwortet, als Uwe Timm das abgebrochene Leben von Karl Heinz Timm ja tatsächlich in vielen Punkten fortsetzte, Kürschner wurde, was der Bruder vorhatte, und in das Geschäft des Vaters einstieg.
Das alles, das Brudermotiv, der Topos vom Nazi als Normalmensch, ist nicht sensationell neu. Auch gedanklich bewegt sich der Text in seinen essayistischen Passagen zur soldatischen Männlichkeit, zum autoritären Charakter, zur genealogischen Psychologie, im Rahmen des Erwartbaren. Sein Hauptmerkmal ist vielmehr das Antisensationelle. Es fehlt diesem wohl Uwe Timms persönlichsten, heikelsten Buch auf höchst sympathische, anrührende Weise alles Manifesthafte, alles Demonstrative, den Leser Bedrängende. Und es fehlt ihm auf verblüffende Weise das Zerrissene. Es entsteht aus einer Situation erheblicher Problematik. Und findet zu einer so ruhigen, gleichmäßigen, beinahe unauffälligen Gestalt des Ausdrucks, wie sie gemeisterte Abschiede und verarbeitete Trennungen hervorbringen. Eine größere Harmonie zwischen der Nähe subjektiv-identifikatorischer Aneignung und der Distanz historischer Beurteilung, mithin zwischen Poesie und Aufklärung, ist kaum denkbar. Die Gespenstervertreibung ist – auch dies gilt für das Leben wie für die Literatur – im besten Fall ein Vorgang der Entneurotisierung. Wie es diesen vorführt und vollzieht, das ist das Interessante an diesem Buch. Es spiegelt eine Bewältigungsfähigkeit, die von Verdrängung so frei ist wie von Verdammung.
Der Zeitpunkt, zu dem dieses Buch erscheint, nach den Auseinandersetzungen um deutsche Kriegseinsätze, ist nicht zufällig, denn es waren Auseinandersetzungen, in denen sich die deutsche Gesellschaft als uneins, aber daneben als beruhigend unneurotisch in ihrem Verhältnis zum Kriegerischen erlebte. Man spürt diese Bewusstseinslage bei Timm. Und ebenso kein Zufall ist die Ähnlichkeit der Haltung Uwe Timms, Jahrgang 1940, mit der etwa gleichaltriger Schriftsteller wie Jürgen Becker, Dieter Forte, auch Alexander Kluge. Sie alle haben den Zweiten Weltkrieg in ihrer Kindheit oder Jugend gerade noch erlebt, sie sprechen wie Zeitzeugen und Nachgeborene in einem.
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Leseprobe I Buchbestellung 1204 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März
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4.)
Am Beispiel
meines Bruders.
Roman von Uwe
Timm (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ,
20.9.2003:
Nachdenken nicht nur über den Bruder
Ein berührendes Buch von U. Timm
Das Vergangene ist nicht tot, es lebt in den Köpfen derer, die dabeigewesen sind, und in den anderen Köpfen auch. Das jüngste Buch von Uwe Timm, "Am Beispiel meines Bruders", spürt dem Nationalsozialismus mit ungewöhnlichem Blick nach - betroffen und reflektierend zugleich.
Das Buch, eher ein Bericht als ein Roman, ist wie andere Neuerscheinungen ein Reflex auf die Wehrmachtsausstellung, die offenbar einen Nerv getroffen hat. Plötzlich ist Erinnern möglich: als wäre eine Tür geöffnet.
Uwe Timm, geboren 1940, erzählt aus seinem Leben und aus dem seines Bruders. Der war 16 Jahre älter und in der SS-Totenkopfdivision; er starb in der Ukraine, im August 1943, beide Beine waren amputiert worden. Jetzt liest der Jüngere das Kriegstagebuch des Älteren und hat Fragen, die niemand beantworten kann.
Ein 18-jähriger Junge meldet sich freiwillig. Warum? Aus Idealismus, sagte die Mutter. Er wollte nicht zurückstehen.
Der Junge erlebte Furchtbares, aber in sein Tagebuch notierte er Lapidares: "Jede Stunde warten wir auf Einsatz. Ab 10 Alarmbereitschaft." Oder: "Ein Tag Ruhe, große Läusejagd, weiter nach Onelden." Das ist ein Satz, der den Bruder verfolgt. Er fragt sich: Wie, wenn "Läusejagd" etwas Anderes meinte als die Säuberung der Uniform? Es gibt keine Antwort. Später wird ein anderer Satz folgen, einer, der Antwort gibt.
Uwe Timms Aufzeichnungen sind ein Nachdenken über das, was die Nachgeborenen wissen können und was sie wissen müssen. Er urteilt, indem er Zusammenhänge benennt, und er stellt sich Widersprüchen. Der Bruder, heißt es, war immer anständig. Doch in sein Tagebuch schrieb er den furchtbaren Satz: "Brückenkopf über der Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG." Damit wird der Jüngere nicht fertig. Er will es nicht und kann es nicht.
Uwe Timm berichtet aus persönlicher Betroffenheit. Das hätte gefährlich sein können; doch er entgeht der Distanzlosigkeit durch unerbittliche Reflexion.
Immer wieder geht das Buch auf die Bilder der Ausstellung ein. Einmal heißt es über Aufnahmen, die der Bruder machte: "Es sind keine Fotos, die gehenkte Russen zeigen oder die Erschießung von Zivilisten, sondern ganz alltägliche. Der Bruder war an der Rückeroberung von Charkow beteiligt. 1943. Selbst wenn man unterstellt, dass er an dem Mord an Zivilisten, Frauen und Kindern durch die SS nicht beteiligt war, weil er bei einer Panzereinheit diente, so muss er doch mit den Opfern der Zivilbevölkerung konfrontiert worden sein, den Hungernden, Obdachlosen, den durch Kampfhandlungen Vertriebenen, Erfrorenen, Getöteten. Von ihnen ist nicht die Rede, vermutlich erschien ihm dieses Leid, diese Zerstörung und Todesopfer normal." Das ist der Ton dieses Berichts, ruhig, klar, nachdenkend über Unausdenkliches.
Das Fazit sind Denksplitter, doch sie reichen tief. Der Bruder als Vorbild wird mit sanftem Nachdruck beiseite geschoben - diese Generation lässt sich nicht fraglos verehren. Und: Der Krieg, die Ideologie überwucherten alles. "Dein Kamerad Karl Heinz" schrieb der Sohn an den Vater, der auch Soldat war.
Uwe Timm erzählt eine Familiengeschichte, doch am Ende gibt er überraschend einen Hinweis, dass das so eng nicht zu fassen ist: Tagebücher waren bei der SS verboten, heißt es beiläufig. Trotzdem wäre das Heft nach dem Tod des Bruders an die Mutter geschickt worden?
Darum geht es nicht. Es geht um ein Beispiel, der Titel sagt es. Ein kluges, ein berührendes Buch, an dessen Ende nicht alle Menschen Brüder werden.
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Leseprobe I Buchbestellung 1003 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine