Am Anfang war die Nacht Musik von Alissa Walser, 2009, Piper1.) - 2.)

Am Anfang war die Nacht Musik.
Roman von Alissa Walser (2009, Piper).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 4.1.2010:

Alissa Walsers magnetische Kraft der Sprache
Malerin und Bühnenautorin Alissa Walser erzählt in ihrem ersten Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ vom Wiener Mediziner Franz Anton Mesmer.

Mesmerizing! So rufen Engländer, Amerikaner, wenn sie bezaubert sind. Das Verb ist Vermächtnis des österreichischen Arztes Franz Anton Mesmer (1734-1815), dessen obskure Theorie des animalischen Magnetismus bereits Per Olov Enquist in seinen Bann schlug („Der fünfte Winter des Magnetiseurs“).

Nun zeigt sich Alissa Walser von Mesmers Magneten poetisch angezogen: In ihrem Debütroman „Am Anfang war die Nacht Musik” erzählt sie von Mesmers Heilungsversuchen der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis, die im Skandal endeten.

Heilungsversuch endet in einem Skandal

Doch arbeitet Alissa Walser nicht nur Wissenschaftsgeschichte auf, wie es erneut populär zu werden scheint – nachdem Daniel Kehlmann so gekonnt die Welt vermessen ließ oder Ralf Bönt eher bemüht das Licht entdeckte. Dreierlei unterscheidet Walsers Buch: Zum einen gilt Mesmer der Nachwelt als unseriöser Wissenschaftler – auch wenn Schopenhauer einst den animalischen Magnetismus als „inhaltsschwerste” aller Entdeckungen bezeichnete. Zum zweiten erzählt Walser nicht, sondern träumt sich regelrecht hinein in eine Arztseele, die mit Musik, Magneten und Gesprächen die Patientin von Konventionen befreit. Daraus folgte, drittens, dass Walsers Sprache nicht Mittel ist, sondern Zweck: Mit angehaltenem Atem, stockend, dann fließend, ist sie etwas, das Substanz hat.

Damit sind Walsers Leser ihrer Hauptperson nahe. Das Gefühl der Greifbarkeit ist eines, das Mesmer selbst bei gesprochener Sprache hat: „Zart klingt die Stimme. Schwach und leise und zerbrechlich. Sie fließt ohne Kraft, aber fließt. Und ist wach. Und melodisch. Ihre Stimme ist ein an der Oberfläche schwimmender Tropfen Öl...”

Die 48-jährige Alissa Walser, Malerin und zweitjüngste Tochter von Martin Walser, schrieb bisher Theaterstücke und kurze Prosatexte, die sie selbst illustrierte. Mit dem ersten Roman beweist sie langen Atem. Mesmerisierend.

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Am Anfang war die Nacht Musik von Alissa Walser, 2009, Piper2.)

Am Anfang war die Nacht Musik.
Roman von Alissa Walser (2009, Piper).
Besprechung
von Regina Urban aus den Nürnberger Nachrichten vom 22.2.2010:

Alissa Walsers einfühlsames Romandebüt
Der Wunderheiler und die blinde Pianistin: «Am Anfang war die Nacht Musik»

Alissa Walser, die bisher zwei Bände mit Kurzprosa veröffentlichte, erzählt in ihrem Romandebüt von der Begegnung des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer mit der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis im Jahr 1777 und zeichnet das einfühlsame Porträt zweier Seelenverwandter.

Im Wien seiner Zeit ist der Arzt und Naturforscher Franz Anton Mesmer (1734–1815) berühmt. Der vom Bodensee stammende Förstersohn heilt seine Patienten mittels Handauflegen und des «animalischen Magnetismus». Er glaubt an die Kraft eines alle Körper durchströmenden Fluidums und den Einfluss der Gestirne auf Krankheiten. Doch seine Methoden sind der Kaiserin und der Fachwelt suspekt. Als ihm der Hofsekretär Paradis seine Tochter zuführt, damit er ihr das Augenlicht «zurückmagnetisiere», sieht Mesmer seine große Chance. Wenn er die prominente Patientin heilt, wird man ihn endlich anerkennen. Doch Maria erblindet nach ersten Therapieerfolgen wieder. Mesmer scheint endgültig des Betrugs überführt und flieht 1778 nach Paris.

«Sprache der Vernunft»

Alissa Walser nimmt die Begegnung des medizinischen Außenseiters und der «blinden Klavieristin» zum Anlass, die Seelen zweier Menschen zu erforschen, die sich ihrer Umwelt kaum mitteilen können. Mesmer findet keine «Sprache der Vernunft», um seine Methode zu erklären, die 17-jährige Maria, die schon «für die Kaiserin persönlich» gespielt hat, wie der Vater prahlt, ist unter der eitlen elterlichen Bevormundung fast verstummt.

Walser gibt beiden eine Stimme, erzählt abwechselnd aus der Perspektive des Arztes und der Patientin. Dabei ist ihre Sprache karg, fast fragmentarisch, zugleich frisch und lebendig, was dem Buch einen ganz eigenen, musikalischen Klang verleiht.

«Gefühl eines brennenden Schmerzes»

Die erste Begegnung mit der Pianistin trifft Mesmer wie ein Blitz. Vor ihm steht eine monströs verkleidete Puppe mit wachsbleichem Gesicht, in dem die Augen wild in ihren Höhlen rollen, darüber ein gigantisches Gebilde aus Haarteilen und bizarrem Zierrat. Ein riesenhaftes Geschöpf, extrem empfindsam, wie Mesmer selbst.

Er holt die junge Frau in sein Hospital, wo er die Patienten in Magnetbädern therapiert. Als er Maria endlich überreden kann, ihre pompöse Perücke abzulegen, offenbart sich ihm ihr furchtbares Martyrium: Der kahl geschorene Kopf ist von Narben übersät. Mit Stromstößen, Schwefel und Blutegeln wurde die Blinde vom quacksalbernden Hofarzt regelrecht gefoltert – nur das «Gefühl eines brennenden Schmerzes» sei ihr aus dieser Zeit geblieben, sagt sie zu Mesmer, der ihr hilft, Worte zu finden für ihre seelischen Verletzungen.

Literarisches Kleinod von hoher Sprachkunst

Walser erzählt im Grunde von der ersten Psychotherapie der Geschichte und deutet an, dass Marias Blindheit, ausgelöst durch einen dramatischen nächtlichen Vorfall im Hause Paradis, als sie drei Jahre alt war, wahrscheinlich psychogen war. Natürlich wolle sie sehen, «denn Augen seien doch wie geschaffen für die Wahrheit.» Doch sehend funktionieren Marias Finger nicht mehr, «wie ein Trupp nach allen Seiten auseinanderstrebender Kutschpferde» überschlagen sie sich auf dem Klavier. Mesmer «habe ihre Augen gesund gezaubert, und jetzt seien ihre Hände krank», klagt sie. Als die Eltern sie mit Gewalt zurückholen, erblindet Maria für immer.

Alissa Walser, 1961 geborene Tochter Martin Walsers, hat sich viel Zeit gelassen für den ersten Roman. Mit ihrem Debüt ist ihr ein literarisches Kleinod von hoher Sprachkunst und großem Einfühlungsvermögen gelungen, das sich spannend bis zum Schluss liest. Der Rückzug in die Dunkelheit, so legt es die Autorin nahe, war vielleicht Marias einzige Möglichkeit, sich und ihre Musik vor der eitlen Welt zu retten.

Die Rezension von Regina Urban mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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