Álvaro de
Campos.
Poesia/Poesie von Fernando
Pessoa (2007, Ammann - Übertragung Inés Koebel).
Besprechung von Harald Loch in den Nürnberger
Nachrichten vom 15.02.2008:
Pessoas gespaltenes Ich
Der Dichter aus Lissabon wird auf Deutsch
neu entdeckt
Ein begnadeter Dichter und Schriftsteller verteilt
sein Werk auf viele Federn, erfindet, entwickelt Namen und Biografien von
fiktiven Autoren, zeichnet für deren Werk, aber auch für ihr «Marketing»,
ihre Verbreitung verantwortlich und kommentiert gelegentlich deren Œuvre –
Fernando Pessoa steht für dieses vielfach gespaltene Ich.
Er lebte von 1888 bis 1935 überwiegend in Lissabon, erhielt als Kind und
Jugendlicher in Südafrika eine klassische englische Ausbildung und erfand im März
1914 die ersten künstlichen Autoren wie Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Es
folgten Bernardo Soares, Alberto Caeiro, Baron von Teive und andere. So entstand
der literarische Kosmos eines riesigen Lebenswerks aus Gedichten und
Prosatexten, die nach seinem Tode – ganz überwiegend in schwer lesbaren
Manuskripten – einer gewaltigen Truhe entnommen wurden.
Nach und nach wird sein Werk zunächst im portugiesischen Original und zeitnah
auch für das deutschsprachige Publikum vom Zürcher Ammann Verlag erschlossen.
Jetzt liegt erstmals die nahezu vollständige Sammlung der «Poesia» von Álvaro
de Campos vor, in einer zweisprachigen Ausgabe natürlich, die auch dem der
lusitanischen Sprache nicht vollständig Mächtigen einen erhellenden Blick auf
das Original erlaubt: «Pára, meu coração!» (Halt inne, mein Herz)
Das synthetische Leben von Álvaro de Campos, besser: seine kaum überzubewertende
dichterische Wirksamkeit, begann mit einer Serie von gereimter Poesie, die unter
dem Titel «Der dekadente Dichter» stehen. Drei Wochen vor Pessoas Tod endet
das Werk seines Geschöpfes. Noch einmal erscheint eine «Zufallsnotiz",
die mit einer deutlichen Feststellung beginnt: «Der überragende Dichter sagt,
was er tatsächlich fühlt. Der mittelmäßige Dichter sagt, was er beschließt
zu fühlen. Der drittklassige Dichter sagt, was er glaubt fühlen zu müssen.
– Nichts von alledem hat mit Aufrichtigkeit zu tun."[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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