Alte Freunde von Rafael Chirbes, 2004, Kunstmann

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Alte Freunde.
Roman von Rafael Chirbes (2004, Kunstmann - Übertragung Dagmar Ploetz).
Besprechung von Andreas Steppan im Münchner Merkur, 20.9.2004:

Vom Revoluzzer zum Spießer
Innenansichten der spanischen Gegenwart: "Alte Freunde" von Rafael Chirbes

Als Vorspeise gibt es Reismehlravioli, gefüllt mit Steinpilzen in Geflügelbrühe mit gehobeltem Trüffel, anschließend steht Gänseconfit mit Foieklößchen an Schminkbohnen auf der Speisekarte und als Dessert schwarze Schokolade mit Kokosschaum und Mangojus. Keine Frage, die "Alten Freunde", die sich in Rafael Chirbes' gleichnamigem Roman nach Jahren wiedertreffen, verstehen es zu leben.

Das stilvolle Dinner bildet den perfekten Rahmen für ein nostalgisches Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Sollte man meinen. Wäre da nicht der unerbittliche Autor, der uns einen Tiefenblick ins Innenleben der Figuren und damit gleichzeitig in die spanische Gesellschaft von heute gestattet.

Weinproben, Bungalows und ein rotes Parteibuch

Mit "Alte Freunde" vervollständigt Rafael Chirbes sein Panoptikum von Spanien seit dem Bürgerkrieg, nachdem er in "Der lange Marsch" die Zeit der Diktatur thematisierte und in "Der Fall von Madrid" den Tag von Francos Tod als Moment des Wandels festhielt. Nun ist er in der Gegenwart angelangt, und zu deren Analyse greift er auf ein eher konventionell wirkendes inhaltliches Schema zurück.

Es ist die oft gehörte Geschichte der verlorenen Jugend und der im Sande verlaufenen Ideale. Die Mitglieder einer revolutionären Zelle, die während des Franco-Regimes Molotowcocktails warfen und Flugblätter verteilten, die radikal und unangepasst waren, haben sich nun, in die Jahre gekommen, nur allzu gut mit der Gesellschaft arrangiert. Da ist Rita, die als PR-Managerin für teure Weine Redakteure von Fachzeitschriften nervt und von Weinprobe zu Weinprobe hetzt. Pedrito baut die Mittelmeerküste mit windigen Ferien-Bungalows zu. Narciso macht als Politiker in der Sozialistischen Partei Karriere. Guzmán und Ana wissen ihre linksintellektuelle Aura als Multimedia-Unternehmer und als Galeristin bestens in bare Münze umzusetzen.

Freundschaften und Lieben von einst sind in Ressentiments oder offene Feindschaft umgeschlagen. Spannend und ungewöhnlich wird der Roman aber durch einen erzählerischen Trick des Autors. Er reiht innere Monologe verschiedener Figuren aneinander, so dass der Leser jeden von ihnen aus verschiedenen Blickwinkeln kennen lernt. Aus der mal böswillig analytischen, mal begehrlich verklärenden Perspektive der anderen. Aber eben auch aus der Innensicht, die Identifikation erlaubt.

Rita hat sich nach dem Drogentod ihres Sohnes und der Verzweiflung an der Egozentrik ihres Mannes, des Schriftstellers Carlos, in ein Spießer-Idyll ohne große Leidenschaften und ohne Anspruch auf Tiefgang geflüchtet, in dem sie die unkomplizierten Momente der Freude genießt. Lächerlich oder vernünftig? Und Carlos, der, gestützt auf solidarische, aber unaufrichtige Ermutigungen, immer davon träumte, einen großen Roman zu schreiben, hat nach Jahrzehnten noch immer nichts veröffentlicht und hält sich als Makler über Wasser. Peinlich oder tragisch?

Klare Antworten oder Verurteilungen sind nicht Chirbes' Sache. Intelligent verwischt er auch die klischeehafte Abgrenzung zwischen der vermeintlich guten alten Zeit der Ideale und dem sinnentleerten Materialismus der Gegenwart. An die konfliktreiche Vergangenheit denkt eigentlich keiner mehr so gern zurück. Und bezüglich der Gegenwart stellt sich die unbequeme Frage nach Erfolg oder Scheitern. Franco ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert tot, Spanien eine Demokratie. Doch die Sozialisten haben sich als korrupt erwiesen, und die Rechte regiert das Land, bisweilen mit dem faden Beigeschmack alter Zeiten. Einen Grund zum Feiern bietet jedenfalls weder das Gestern noch das Heute. Aber wer der Veranstaltung einfach fernbleibt, ist feige.

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Alte Freunde von Rafael Chirbes, 2004, Kunstmann2.)

Alte Freunde.
Roman von Rafael Chirbes (2004, Kunstmann - Übertragung Dagmar Ploetz).
Besprechung von Maike Albath in Neue Zürcher Zeitung vom 22.9.2004:

Revolution im Rückblick
Rafael Chirbes porträtiert «Alte Freunde»

Da ist er wieder, dieser raue, dunkle Ton, den man von Rafael Chirbes kennt. Das Wissen um den Tod schwingt darin mit, die Trauer um zerstobene Hoffnungen, Angst, aber auch trotziges Aufbegehren. Ein düsteres Ostinato, das sich in die Seelen hineingefressen hat. Auch dieses Mal berührt einen der Ton sofort; ganz egal, ob der erfolglose Schriftsteller Carlos, der kämpferische Bauunternehmer Pedrito, die depressive Amalia oder der gefallsüchtige Narciso das Wort ergreifen. Als Mitglieder einer Zelle der Kommunistischen Einheit hatten sie unter Franco mit Molotowcocktails für die Revolution gekämpft und waren im Gefängnis gelandet. Dreissig Jahre später ist ein Abendessen in einem Madrider Restaurant der Anlass für eine Rückschau.

Man begegnet den Helden von Rafael Chirbes' neuem Roman auf Augenhöhe, ohne den Filter eines vermittelnden Erzählers - jeder fällt in einen inneren Monolog und wendet sich direkt an einen unsichtbaren Zuhörer, dessen Platz der Leser automatisch einnimmt. Während die Freunde Reismehlravioli in Geflügelbrühe und Gänseconfit mit Foieklösschen an Schminkbohnen vertilgen, blicken sie abwechselnd auf ihr Leben zurück, kommentieren die Tischgespräche und beurteilen Verhalten und Aussehen der ehemaligen Weggenossen. Wie bei einer Gerichtsverhandlung steht Aussage neben Aussage, und man bekommt ein Gefühl für die vielen verschiedenen Wahrheiten. Ausserdem entwickelt jede Stimme eine eigene Note.

Kollektiv und Privatperson

Da gibt es den nachdenklichen Carlos, blass und längst ergraut, der mit seinen Büchern den eigenen Ansprüchen nie genügte und den Glauben an die Revolution früh verlor. Inzwischen lebt er wieder in der Provinzstadt Denia am Meer, hält sich mit Grundstücksverkäufen über Wasser und leidet unter seinem Phlegma. Gemeinsam mit den Freunden Pedrito und Demetrio hatte er Ende der 1960er Jahre die Provinz verlassen, um sich in Madrid revolutionären Aktivitäten zu widmen, denn «Revolution heisst hartnäckig die Not zu suchen, die man nicht leidet».

Seine Ex-Frau Rita vermittelt ein ganz anderes Bild: Mit gehetzter, ein wenig schriller Stimme stellt sie fest, dass ihr jüngster Sohn nur noch auf Markenkleidung Wert legt und von den Idealen der Eltern nichts wissen will. Sie gab ihren Beruf als Lehrerin für die politischen Überzeugungen auf und folgte ihrem Mann, der sich zum Hausdichter der Bewegung küren liess, aber seinen drei Kindern fremd gegenüberstand. Eine muffige Hinterhauswohnung war das Domizil der Aktivisten, von wo aus sie morgens ausströmten, um vor Fabriktoren ihr Agitationsmaterial zu verteilen, bis die Guardia Civil der schwangeren Rita in den Bauch trat und ihnen der Ernst der Lage bewusst wurde. Sie seien Luftverkäufer, warf ihnen ihr Schwiegervater, ein alter Maurer, damals vor; Jahrzehnte später - Ritas ältester Sohn ist an Heroin zugrunde gegangen - gibt sie ihm Recht.

Immer wieder rückt einem die Atmosphäre jener Jahre beklemmend nahe. Die verrauchten Zimmer, die hitzigen Diskussionen, das Machogebaren der Männer, die «Revolution als Rauschmittel», wie es bei Carlos einmal heisst. Behutsam, ohne Häme oder Anklage schält Chirbes die Widersprüche heraus: Alles Streben galt den grossen Veränderungen, aber schon am täglichen Umgang miteinander scheiterte die Utopie. Rita ist genau wie der Aufsteiger Narciso bei dem Abendessen nicht anwesend. Beide fürchteten die Konfrontation mit früheren Lebenspartnern, als unsichtbare Gäste sitzen sie dennoch mit am Tisch und tauchen in den Erinnerungsschüben von Carlos, Pedrito, Demetrio und Amalia auf.

Amalia, regelmässig in psychiatrischer Behandlung, war die Gefährtin von Narciso, einem brillanten, sehr anpassungsfähigen Taktiker, inzwischen Abgeordneter der Sozialisten in Brüssel. Als er mit Pedrito einen Anschlag auf ein Warenhausschaufenster begangen hatte, fürchtete er um seine Zukunft und nahm von den Freunden Abstand mit den Worten, dass «das Ich das wahre Opfer der Revolution» sei. Abgeklärt und kühl legt er seine Gründe dar, aber das ist nichts als Blendwerk - wie sich später herausstellt, hatte er die Zelle verraten und war deshalb früher aus dem Gefängnis entlassen worden. Der aidskranke Maler Demetrio, täglich dem langsamen Sterben seines Geliebten ausgesetzt, verweigert sich dem modischen Smalltalk der Vernissagen und hat die Hoffnung auf eine Anerkennung als Künstler längst aufgegeben. In seiner Resignation zählt er dennoch zu denen, die sich treu geblieben sind.

Pedrito, früher Anführer der Zelle, heute wohlhabender Unternehmer, notorischer Frauenheld und absichtlich hemdsärmelig, tritt immer noch am grossspurigsten auf. Eine unterdrückte Wut treibt ihn voran, die aus der Zurückweisung durch die zarte Elisa herzurühren scheint. Die früh verstorbene Kunsthistorikerin, die von einer wohlgeordneten Rebellion träumte, ist der Fluchtpunkt aller Berichte und das Scharnier des Romans: Ihr Tod ist Gegenstand eines Kapitels, das genau in der Mitte steht. Nur dieses eine Mal scheinen die Freunde eine echte Gemeinschaft gebildet zu haben.

Franco und die Folgen

Rafael Chirbes, 1949 in Tabernes de Valldigna bei Valencia geboren, macht die Geschichte seiner eigenen Generation zum Gegenstand seines fein austarierten Mosaiks. Das Fazit ist bestürzend: Materialismus regiert die Gegenwart, die Ideale wurden hinweggefegt, die Nutzniesser des neuen Systems sind stromlinienförmige Bürokraten, die Künstler bessere Kasperlpuppen, die Freunde haben sich von den Beschädigungen nicht erholt, und wer kann, konzentriert sich auf Privates. «Das Begreifen zerstört dir dein Leben, macht es zu Staub», stellt Demetrio fest. Mit «Alte Freunde» komplettiert Chirbes seine Recherche der jüngeren spanischen Geschichte. In seinem grossartigen Spanien-Fresko «Der lange Marsch» (1998) hatte er die Zeit des Bürgerkriegs und die Franco-Ära quer durch alle Schichten und Landesteile in den Blick genommen, flankiert von der bitteren Lebensbeichte eines Emporkömmlings in «Der Schuss des Jägers» (1996) und den Erinnerungen einer einfachen Frau in «Die schöne Schrift» (1999). Der Todestag Francos, wiederum aufgesplittert in viele verschiedene Perspektiven, stand im Mittelpunkt von «Der Fall von Madrid» (2000). Einen Erinnerungsraum zurückzugewinnen und die Traumatisierung durch den Bürgerkrieg erzählbar zu machen, war eines seiner literarischen Anliegen, und immer wieder findet er dafür auch ästhetisch überzeugende Formen.

Aber Chirbes gelingt noch mehr. Seine grosse Kunst besteht darin, historische Wechselfälle und das Leben der Menschen so in Beziehung zu setzen, dass sich ein neuer Sinnzusammenhang ergibt. Er erzählt Schicksale.

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