Als würdet ihr Leben von Peter O.Chotjewitz, 2001, Rotbuch1.) - 2.)

Als würdet ihr leben.
Roman von Peter O.Chotjewitz (2001, Rotbuch).
Besprechung von Sven Hanuschek aus der Frankfurter Rundschau, 7.6.2001:

Kleine Pistole fürs Familienfest
Peter O. Chotjewitz' übervoller Roman "Als würdet ihr leben"

"Onkel und Tante / ja das sind Verwandte / die man am liebsten nur von hinten sieht", hat Eduard Künneke in der aparten Operette Der Vetter aus Dingsda geschrieben, Anfang der zwanziger Jahre. Peter O. Chotjewitz, bisher bekannt für harte politische Stoffe einerseits und experimentelle Schreibweisen andererseits, hat mit Als würdet ihr leben eine Transzendentaloperette für die Jahrtausendwende geschrieben, in der es entsprechend heiter zugeht.

Die Ich-Erzählerin Leonie Katzmann ist eine 18-jährige Überbegabte, zumindest kommt sie sich so vor. Sie ist mit dem Zustand der Welt altersgemäß unzufrieden und möchte sie verbessern, mit einem Mord. Mit Hilfe ihres kriminellen Onkels besorgt sie sich eine kleine Pistole, und im Rahmen eines Familienfestes, Oma Runes 83. Geburtstag, soll die gute Tat stattfinden. Zwei Tage lang sucht sie nach einem geeigneten Opfer, stellt ihre Onkels und Tanten vor, breitet ihr Weltbild aus.

Es handelt sich um die Memoiren einer jungen Frau, die sich für Literatur interessiert; ihre Vorlieben sind dabei formaler Art. Über die traditionellen Stofflastigen von Grass bis Judith Hermann macht sie Witze, Arno Schmidt erklärt sie zu ihrem Lieblingsschriftsteller, der sei der einzige, der ein Gewitter beschreiben könne. Ihre Vorlieben zeigen sich auch darin, dass sie keine "Romane mit Handlungen" mag: "Das Leben handelt nicht." Ohne eine griffige Formulierung zur Begründung ihres Mordes, ohne "Pointen, die in eine Überschrift passen", würde sie lieber auf die Tat verzichten: "Schwafeln können die Reporter selber."

Chotjewitz lässt sie ihr Werk denn auch recht handlungsarm beginnen. Leonie möchte morden, um der unerbittlichen Fortpflanzung wenigstens einmal etwas entgegenzusetzen. Es muss von Übel sein, meint sie, wenn sich eine Familie in gut hundert Jahren von einem auf 1400 Mitglieder schraubt. Jugend und Schönheit seien Lügen, deshalb möchte sie schnell alt werden.

Sie schimpft über die Provinzialität der Deutschen, die sich am stärksten in Berlin zeigt. Und sie hasst die Natur, "weil sie die Menschen abhängig macht von der Biologie, schlimmer als jede Droge und jede Religion und jedes politische Dogma". Konsequent schätzt sie die Genmanipulation, "in der Hoffnung, dass sie uns von den Ketten unserer dümmlichen Naturverbundenheit befreit". Es gibt viele Rundschläge in Kabarettistenmanier, immerhin fern von deren politischer Korrektheit und Larmoyanz. Mit Kalauern wird nicht gespart - Leonies Freunde mögen "Leo die Cabrio", es gibt eine Frau Maja Bunte-Knödel und Familiennamen in der ferneren Verwandtschaft wie Eichel, Rühe, Merkel, Fischer.

Manchmal laufen die Aphorismen, die Klein-Klein-Beobachtungen dem Verfasser ein bisschen zu sehr zwischen den Beinen herum, ohne dass das mit dem Alter seiner Erzählerin zu entschuldigen wäre. Er gibt sich alle Mühe, Als würdet ihr leben als ein Werk der leichten Muse erscheinen zu lassen, locker, leicht und kurzweilig. Sein erhabener Anspruch schimmert aber überall durch - es soll wohl doch eher eine ambitionierte Diagnose des Zeitgeists sein. Der Roman ist sorgfältig komponiert, obwohl er sein Möglichstes tut, das zu verbergen. Seine Themen werden allmählich entfaltet, und man braucht ein paar Kapitel, um sie als durchgängige zu bemerken.

Leonies größte Misere besteht darin, "dass man nicht in eine noch größere hineingeboren wurde, irgendwo in China zum Beispiel in einen blutigen Plastikeimer, in dem du landest, weil es schon genug Chinesen gibt". Es ist ein Roman der Luxusprobleme. Deshalb muss ständig vom Essen geredet werden: In Deutschland ist es im Überfluss da, in Afrika, über das Leonies Vater Dokumentarfilme dreht, fehlt es. Ihre Mutter hat eine Nahrungsmittelhysterie, sie selbst glaubt, letztlich liege allem Essen der menschliche Ur-Kannibalismus zugrunde. Obendrein hat sie eine gewisse Neigung zur Magersucht. Eine ihrer Freundinnen hungert sich zu Tode, eine andere wird rechtzeitig in die Psychiatrie eingeliefert. Essstörungen sind Übertreibungen unserer kollektiven Ideale; das Ideal, von dem hier die Rede ist, ist die Mäßigung: kein Tabak (Krebs), kein Fett und Cholesterin (Herztod), kein Sex (Aids), und so fort. Genuss ist Versagen und Faulheit, Selbstkontrolle ist etwas Heldenhaftes, Chotjewitz' Leonie ist also buchstäblich eine Heldin.

Sie liebt mit einer gewissen Logik die Fleischtheken in den "Einkaufskathedralen", die Shopping Malls im freien Gelände, mit Plattenbauten am Horizont, die seien wenigstens ehrlich: "Die Welt ist vom Menschen dazu erschaffen worden, Verbrauchsgüter möglichst billig bereitzustellen, und der Sinn des Lebens besteht darin, sie zu konsumieren." Als adäquates Kunstobjekt schlägt sie den Einkaufswagen vor, daheim als Nippes, vergrößert vor Ämtern und Opernhäusern.

Vielleicht ist die Heldin auch ein Held; zur Anorexie wie zur Auflehnung gegen die Natur gehören Probleme mit der eigenen Geschlechterrolle. Leonie bezeichnet sich gelegentlich als Leo, auch ihre Freundinnen nennen sie so. Sie hält uns einen Vortrag über Hermaphroditen, weil die üblichen Alternativen so trostlos seien, dass man ihnen entkommen müsse: "Stöpsel oder Buchse, was anderes gibt es nicht. Es muss immer was am Körper sein, was man reinschieben kann oder wo man was reinschieben kann."

Chotjewitz' Heldin zeigt in ihren schneidenden Tiraden, dass unser Handeln immer ein Handeln in Scheinalternativen ist, eine so unoriginell wie die andere, immer ein "Als ob". Ein schon etwas sprachgeschädigter alter Onkel sagt zu seinen Enkeln "Asophielebtet", die sich das mit "Wenn Tante Sophie das noch erlebt hätte" übersetzen. Am Schluss des Romans konkretisiert Leonie das und nennt ihre Aufzeichnungen Als würdet ihr leben, nämlich "Wir alle". Nach drei Schüssen finden ihre Aufzeichnungen ein fulminantes Ende. Sie scheint erwachsen zu werden, weit weg von ihren radikalen Idealen. Die Überbegabte erkennt ihre Normalität, sie lebt plötzlich gern, liebt ihre Eltern, sieht nach ihren dilettantischen Mordversuchen keinen Grund mehr, jemanden umzubringen. Sie ist einverstanden mit sich und der Welt, all ihre konsequenten Ansichten haben sich zu etwas Durchschnittlichem pazifiziert. Ein rechter Flaubert-Schluss, aber ohne klare Wertungssignale: Welche Leonie haben wir besser gefunden? Chotjewitz macht sich den Spaß der Uneindeutigkeit, er übergibt uns ein Päckchen vergnüglich und vergnügt geschnürter Knoten. Und das macht den Roman trotz aller Überfülle sympathisch.

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Als würdet ihr Leben von Peter O.Chotjewitz, 2001, Rotbuch2.)

Als würdet ihr leben.
Roman von Peter O.Chotjewitz (2001, Rotbuch).
Besprechung von Jörg Sundermeier aus der Wochenzeitung, Zürich, 10.5.2001:

Der 66-jährige Autor Peter O. Chotjewitz schreibt mit dem Tagebuch einer 18-Jährigen eine Familiengeschichte, in der sich Deutschland widerspiegelt.

Es ist bemerkenswert, dass gerade zur Jahrtausendwende mehrere linke Autoren den Familienroman wiederentdeckt haben. Zunächst veröffentlichte Erich Kuby sein Werk «Lauter Patrioten», in welchem er die Familiengeschichte der Kubys erzählte, um eine gewissermassen klassische deutsche Entwicklung vom 48er-Revolutionär über den nationalistischen Ludendorff-Anhänger bis hin zur RAF-Aktivistin nachzeichnen zu können. Dann folgte 1999 Franz Josef Degenhardt mit seinem leicht ins Melancholisch-Kitschige driftenden Roman «Für ewig und drei Tage», in dem vom jugendlichen Revoluzzer über die verbitterte Kommunistin bis hin zum zweifelnden Banker alle am Küchentisch versammelt worden sind.
Und nun Peter O. Chotjewitz. In seinem soeben erschienenen Roman «Als würdet ihr leben» versammelt er eine weit verzweigte Berliner Familie anlässlich des Geburtstages der Familienältesten am Tisch, und auch hier gibt es die Braven und die Guten. Und die Ausgestossenen am «Katzentisch»: Lesben, Biochemiker und hysterische Pfarrersfrauen. Sie alle reden über viel und nichts, und doch ist gerade ihrem Geplauder und ihrem Benehmen abzulesen, wie es um das Land, in dem sie leben, steht. Bekanntermassen ist die Familie die Keimzelle des Staates, daher kann man sagen, dass die in ihr stattfindenden Prozesse allegorisch für die gesellschaftlichen Verhältnisse stehen.
Während Degenhardt und Kuby allerdings die Familie brauchen, um die Geschichte in Geschichten interpretieren zu können, dreht es sich bei Chotjewitz vor allem um die Gegenwart. «Als würdet ihr leben» ist Chotjewitz’ erster Roman seit den achtziger Jahren, und nicht nur Marcel Reich-Ranicki hat lang auf einen neuen Chotjewitz gewartet. Sein letztes grosses Buch, das Romanfragment «Die Herren des Morgengrauens», eine Collage aus Kafkas «Prozess», Zeitungserzählungen und Träumen, ist schliesslich eines der besten Bücher, die je zum Verhältnis BRD-RAF erschienen sind. Mit seinen im vorletzten Jahr erschienenen Dorfgeschichten «Das Wespennest» hat sich Chotjewitz bereits der bundesrepublikanischen Geschichte der letzten fünfzig Jahre zugewandt, daher ist für ihn nun endlich der Blick auf die deutsche Gegenwart frei.
Und er wählt eine ungewöhnliche Perspektive. Er schreibt das Tagebuch einer 18-Jährigen. Wie sicher sich ein 66-jähriger Autor in der Jugendsprache seiner Protagonistin Leonie bewegt, ist erstaunlich, anders als die meisten Kolleginnen und Kollegen weiss Chotjewitz sehr genau, wann man eine Party «fett» nennt, wann man mit Worten herumalbert und wann man cool ist, und vor allem: wann nicht.
Doch zur Handlung: Leonie besorgt sich eine Pistole, um auf der grossen Familienfeier jemanden zu erschiessen. Es gibt kein bestimmtes Opfer, es geht um die Tat. Warum? Weil diese Familie, in der sich Deutschland widerspiegelt, so unfassbar dumm ist! Und so unfassbar satt und selbstzufrieden und so albern. Leonie weiss mit ihrer Abscheu gegen diese Leute nicht anders fertig zu werden, als nun durch einen Mord ihre Verachtung zu demonstrieren. Erst dann, so ihr Schwur, darf sie wieder richtig essen. Allerdings ist Leonie selbst dumm und satt (trotz ihrem Schwur), und altklug ist sie noch dazu. Denn sie verfügt – Chotjewitz macht sehr subtil an vielen Stellen darauf aufmerksam – bestenfalls über ein politisches Halbwissen. Auch ihr Geschichtswissen ist sehr beschränkt. Denn ihr «linkes» Elternhaus belastet sie mehr, als sie weiss, vor allem, weil sie den flapsigen Gesellschaftsanalysen ihres Vaters vertraut. Eigentlich also nimmt sie ganz und gar am bürgerlichen Leben teil.
Einige Kritiker beschweren sich darüber, dass diese Leonie viel schlauer sei als eine 18-Jährige und sich recht locker in Diskursen bewegt, die 18-Jährige gar nicht kennen könnten. Doch da sind sie auf Chotjewitz hereingefallen, der Leonie Quatsch reden lässt, um zu demonstrieren, dass sie die Sache des Intellekts noch nicht beherrscht. Gerade daher muss sie sich auf so Prominente wie Grass oder Bruce Chatwin beziehen, sie kennt ja die dialektischer agierenden Literaten nicht. Und Chotjewitz lässt seine Leonie stets kommentarfrei reden, um ihre Naivität allein durch die Romankonstruktion zu entlarven.
Nichtsdestotrotz hat Chotjewitz Respekt vor Leonies Aufmüpfigkeit, die ja – bei allem ihr innewohnenden Narzissmus – besser ist als die gleichgültige Teilnahme am Alltag. So ist, was in diesem Roman spielerisch und parodistisch erscheint, dennoch sehr bodenständig, erklärt ganz nebenher die meisten der aktuellen Aufstandsbewegungen (1. Mai, Chaostage) und deren Leerläufigkeiten und ist dabei zugleich aufweckender und frischer als das meiste, was der Buchhandel derzeit als Poproman verkaufen will. Weil Chotjewitz kein Jungspund ist, konnte ihm auch kein Lektorat dazwischenpfuschen und ihm einen konventionellen Plot aufzwingen. Daher wird in «Als würdet ihr leben» ganz ungeniert und undidaktisch Jugendlichkeit ernst genommen und nicht auf schicke Geste reduziert.

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