Also bin ich froh von A.L.Kennedy, 2004, Wagenbach1.) - 4.)

Also bin ich froh.
Roman von A. L. Kennedy (2004, Wagenbach - Übertragung Ingo Herzke).
Besprechung von Angela Schader aus der Neue Zürcher Zeitung vom 10.3.2004:

Wenn Mörderwale sich verlieben
A. L. Kennedy wagt ein Geständnis: «Also bin ich froh»

Im schalltoten Raum eines kleinen Radiosenders verliest sie die Nachrichten vom Tage, sie spricht drittklassige Liebesromane auf Band oder Werbeslogans für Schmerzmittel und Mineralwasser. Über 280 Seiten hin kriegen wir nichts von ihr zu sehen, keine rote oder dunkle Haarsträhne, keinen mehr oder minder weiblich ausgestatteten Körper, weder Turn- noch Stöckelschuh. Da ist nur diese direkt an uns gerichtete Stimme mit ihrem gefriergetrocknet funkelnden Witz, ihrer Wendigkeit in allen Skalen und ihrer diszipliniert in verhandelbare Stücke gebissenen Qual.

Im schalltoten Raum sitzt sie gefangen: Jennifer Mercy Wilson, die sich manchmal fragt, was das «Mercy» in ihrem Namen zu suchen hat. Gnade ist ungefähr das Letzte, was ihr gegeben wäre - mit dieser echolosen Leere im eigenen Herzen, durch die manchmal das Sausen und Aufklatschen eines räss geschwungenen Ledergurts fährt; und es ist Jennifer, die ausholt und zuschlägt. Auch die Wünsche eines frommen Elternpaars mögen wir hinter dem Namen nicht vermuten; die zweifelhafte «Gnade», die Vater und Mutter von dem Kind erwarteten, war dessen verstörte Zeugenschaft bei ihren erotischen Exzessen. Von dieser widerlich aufgezwungenen Intimität führt ein direkter Weg in das Kontrollbedürfnis, welches die erwachsene Jennifer in ihren sadomasochistischen Eskapaden auslebt.

O ja, die Sexualität in ihren befremdlicheren Formen ist der schottischen Autorin A. L. Kennedy keineswegs fremd; sie wird in diesem von Ingo Herzke mit Brillanz ins Deutsche übertragenen Roman sogar explizit auf der ersten Seite als Lockvogel ausgesetzt. Aber ebenso rasch zeigt sich, dass uns hier nicht noch einmal ein Stück ätzend dünnflüssiger pseudointellektueller Soft-Pornografie erwartet wie beim dieser Tage hochgejubelten Adam Thirlwell; schon auf der zweiten Seite wird der Sex auf einigermassen bemerkenswerte Weise in die hinteren Ränge der sinnstiftenden menschlichen Aktivitäten gewinkt. Man kommt schliesslich nicht ohne weiteres darauf, sich bei der bewussten Tätigkeit zu fühlen wie ein «Mörderwal, der verzweifelt versucht, einen Brief zu öffnen».

Nüchtern und verführerisch

Worum also geht es dann in «Also bin ich froh», dem im Original 1995 unter dem Titel «So I Am Glad» erschienenen Roman der schottischen Autorin? Kennedy hatte allen Grund, ihre Geschichte einer gleichzeitig so nüchternen und verführerischen Erzählstimme wie der Jennifer Wilsons anzuvertrauen; denn in den gefühlstoten Lebensraum der jungen Frau fällt kein Geringerer als der Freigeist, der schon im 17. Jahrhundert in die «États et empires de la lune et du soleil» auffuhr und nun, 338 Jahre nach seinem Tod, aus einem gottfernen, feindseligen Kosmos ins ebenfalls nicht gerade blumige Glasgow des Jahres 1993 zurückstürzt: Savinien de Cyrano de Bergerac. Ein leer stehendes Bett in der Wohngemeinschaft, der auch Jennifer angehört, fängt ihn gnädig auf, und angetan mit den Klamotten des zurzeit abwesenden Wohngenossen wagt sich der Schriftsteller und Degenheld in die Küche: eine zerzauste, verwirrte und verwirrende Gestalt «mit der Ausstrahlung eines poetisch veranlagten Preisboxers oder eines tanzenden Schlachters», deren Teint unter gewissen Umständen leise zu leuchten beginnt. Doch es wird lange dauern, bis diese Strahlen den eisigen Seelenpanzer durchdringen, den Jennifer so gern ihre «Ruhe» nennt.

In einem der wie mit dem Florett ausgetragenen Wortgefechte, in denen das seltsame Paar gleichzeitig gewandt und linkisch Nähe zu gewinnen sucht, verkauft Jennifer unter der Hand ein geflügeltes Wort als ihr eigenes: Sie werde, meint sie, als ihr Gegenüber seine Identität enthüllt, ihren Unglauben vorübergehend aussetzen. Im Originaltext wird man unter der Formulierung leicht Coleridges «willing suspension of disbelief» erkennen - die Geisteshaltung, welche laut dem Dichter die Rezeption eines Kunstwerks erst möglich macht. Als Jennifer die elegante Formulierung auch gegen wiederholte Rückfragen als Eigenprodukt behauptet, weiss sie, dass Cyrano weiss, dass sie lügt - und nötigt seiner Höflichkeit damit stillschweigend ebenfalls die bewusste «Aussetzung seines Unglaubens» auf; der Leser wird sich diesem geistigen Kreuzschritt für die Dauer der Lektüre gern anschliessen.

Bezeichnenderweise finden sich die Schwachstellen des Romans meist dort, wo er die phantastische Handlung mit einem unmittelbar gesellschaftskritischen Gestus zu verschränken sucht. Die Schriftstellerin hat sich im Gefühl liebevoller Geistesverwandtschaft (wenn auch leider nicht mit letzter Sprachsicherheit) mit den Schriften Cyrano de Bergeracs auseinandergesetzt. Da musste die Versuchung nur zu nahe liegen, sich ähnlich wie ihr Protagonist kritisch-satirisch mit der politischen Gegenwart anzulegen; und Jennifers Beschäftigung als Nachrichtensprecherin bedient den Text auf einigermassen organische Weise mit den entsprechenden Fakten. Aber in der zutiefst persönlichen, vertrackten Liebesgeschichte, die schon das ganze Engagement der Figuren und des Lesers fordert, wirken die Ausfälle gegen die britische Politik der frühen neunziger Jahre eher als Pflichtübung und stehen obendrein manchmal reichlich schief im Text: so etwa wenn Jennifer im gleichen Duktus behauptet, die Weltläufte seien ihr zunehmend egal und sie begännen überhaupt erst, ihr etwas auszumachen; oder wenn sie sich ausgerechnet über den «Export von Handfesseln» erzürnt, obwohl sie derlei Gerät bei ihren erotischen Spielen besonders gern eingesetzt hat... Fortsetzung

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Also bin ich froh von A.L.Kennedy, 2004, Wagenbach2.)

Also bin ich froh.
Roman von A. L. Kennedy (2004, Wagenbach - Übertragung Ingo Herzke).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:

Schock und Trost
Zwischen rotzfrecher Bibelkunde und kaputtem Horrortrip: In A. L. Kennedys ursprünglich zweitem Roman kommt es zu einer merkwürdigen Begegnung mit Cyrano von Bergerac

In der Küche der Wohngemeinschaft sitzt der neue Mitbewohner, der sich Martin nennt, und bietet ein mystisches Schauspiel. Martins Haut leuchtet, als stünde sie in Flammen. Seine Hände leuchten, sein Rachen leuchtet, wenn er den Mund öffnet. Der ganze Martin scheint in Flammen zu stehen, ohne zu verbrennen. Denn Martin sitzt Anfang der neunziger Jahre in der Küche eines schottischen Backsteinhauses und verblüfft seine Gesprächspartnerin Jennifer mit der Epiphanie einer szenischen Darstellung aus dem Alten Testament. Dort offenbarte sich Gott dem zornigen Moses in einem lichterloh flammenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch. Gott trug Moses auf, das geknechtete, leidende Volk der Israeliten aus Ägypten zu führen. Und ganz ähnlich spielt sich nun die erste Begegnung zwischen dem bizarren Martin und der Rundfunksprecherin Jennifer ab.

So schräg und drastisch, so komisch und christlich kann eigentlich nur ein Roman der 38-jährigen schottischen Schriftstellerin A.L. Kennedy beginnen. Wer ihre Romane liest, sollte zweierlei sein: bibelfest und horrorfest. Wer ihren enormen, inzwischen internationalen Erfolg verstehen will, sollte sich die Besonderheit ihres Werkes vor Augen führen: Es verbindet die verschiedensten Varianten der Negativität mit Varianten der Erlösung. Es verbindet schwärzesten Pessismismus mit einem Utopievorschlag. Es sammelt so ziemlich alles ein, was die abendländische Moderne an Gewalt, Kaputtheit und Unmenschlichkeit hervorgebracht hat und entwirft dabei empfindliche Bilder gelungener Menschlichkeit.

A.L. Kennedy verwandelt Unglück in Glück. Jeder ihrer Romane hat die Gestalt eines Purgatoriums. Sie durchlaufen die Übel der Welt, bevor sie sich von ihnen befreien. Sie führen, ohne auch nur einen Moment kitschig zu sein, vom Jammertal der modernen Perversionen, der Gemeinheiten, der Hässlichkeiten, ins Licht der Liebe. Das heißt: Die Romane A.L. Kennedys bedienen sich nicht nur bei den Motiven der Bibel. Sie folgen vielmehr dem Sinn der biblischen Erzählung. Und sie sind dabei rotzfrech geschrieben. In einem speziellen Kennedy-Kontrastprogramm der Idiome und Jargons, in dem die schönsten Lyrismen neben den schlimmsten Zoten stehen, die Sprachen der Innerlichkeit und der Prophetie neben den Ausdrucksweisen der Fernfahrerkneipe. Was will man mehr von der Literatur als just solche motivischen Überblendungen und linguistischen Überschneidungen? Das Fernziel jedes Werks aus der Feder A.L. Kennedys ist das Wunschbild der Vollständigkeit. Was wenn nicht diese unterscheidet Kunst präzise von der Wirklichkeit?

In dem Roman Gleißendes Glück, der A.L. Kennedy hierzulande schlagartig bekannt machte, gerät Mrs. Brindle, verheiratet mit dem gewalttätigen Scheusal Mr. Brindle, an einen Fernsehguru namens Edward Gluck, der psychologische Ratgebersendungen moderiert. Sie hält ihn für ihren Erlöser. Aber der Erlöser ist ein pornosüchtiger Perversling, ein Opfer des Bilderschmutzes wie sie eines der Gewalt. Auf Umwegen kommen sie zusammen, helfen und heilen sich. In Kennedys Romanerstling Einladung zum Tanz (1993) wird der Freund der Romanheldin Margaret von einer mafiotischen Drogenbande eine Nacht lang gefoltert; ein ritueller Exzess, auf dessen Höhepunkt der Student Colin zu Mozart-Musik auf den Fußboden genagelt wird wie Jesus ans Kreuz. Margret, die sich von Colin eigentlich getrennt hat, nimmt den Versehrten, dessen Hände und Füße zerstört sind, bei sich auf und pflegt ihn. Erst jetzt, als caritative Ersatzfamilie, sind die beiden ein Paar im Sinn der vollkommenen Liebe. Fast alle Figuren Kennedys sind Kinder getrennter Eltern, zerstörter Familien und viele raufen und finden sich in solchen Ersatzfamilien zusammen; zwei homosexuelle Männer beispielsweise, die eine Tochter aufziehen, eine Schriftstellerkolonie, die einem Orden gleicht oder eben, wie in Also bin ich froh, eine Wohngemeinschaft.

Jennifer und Martin sind typische Kennedy-Gestalten mit typischen Kennedy-Vergangenheiten. Die junge Schottin hat viel dafür getan, ihr Gefühlsleben abzuschaffen und war dabei erfolgreich. Was sie an ihrem äußerem Leben interessiert, ist Kontrolle über Abläufe und soziale Beziehungen. Was sie an ihrem körperlichen Leben interessiert, sind einerseits totale Triebunterdrückung und andererseits gelegentliche sado-masochistische Exerzitien mit ihrem Ex-Freund, bei denen sie selbstredend die Rolle der Peinigerin einnimmt. Einmal richtet sie ihn krankenhausreif zu. Sie könnte die Schwester von Elfriede Jelineks masochistischer "Klavierspielerin" sein. Jennifer, die Ich-Erzählerin des Romans Also bin ich froh, kontrolliert selbst noch dessen Leser. Sie spricht ihn in der dritten Person an, erklärt ihm den Erzählverlauf, kündigt Erzählsprünge und Erzähllücken an und spannt ihn in voller Absicht schon mal auf die Folter: "Davon wird später die Rede sein".

Was Jennifer zu einem Monstrum der Emotionsleere gemacht hat, lässt sich leicht ahnen. Sie kam als Kind zu nah an die Freud'sche Urszene, sah und hörte zu oft den Eltern beim Turteln und Abhalten von Schäferstündchen zu. Und sie wäre als Kontrollfreak nicht sie selbst, wenn sie diese Erklärung nicht mit messerscharfem, hochdifferenziertem Verstand von sich aus aufs Tapet brächte. Sie hält nichts von Liebe, nichts von Nähe und nichts von Hingabe und Preisgabe. Ihre Tätigkeit als anonyme Sprecherin von Rundfunknachrichten und Werbespots entspricht zwar nicht ihren intellektuellen Fähigkeiten, aber ihrer Seelenlage. Eben diese wird heftig gestört, ja aus den Angeln gehoben durch die Ankunft des neuen Mitbewohners, der eines Tages brennend in der Küche sitzt - und Jennifers Herz in Flammen setzt.

Auch er ein Monstrum. Komplett verstört schon auf den ersten Blick. Eine Herausforderung für Jennifers Ordnungsdenken. Denn das Wesen namens Martin ist so multipel, dass es in keine Raum- und Zeitordnung passt. Martin, rot glühend wie der altbiblische Dornbusch, behauptet, niemand anders zu sein als der französische Schriftsteller Savinien - besser bekannt als Cyrano de Bergerac, geboren 1619, gestorben 1655, der die Zeit seit dem 17. Jahrhundert gleichsam übersprungen haben will, um Ende des 20. Jahrhunderts in einer schottischen WG zu landen. Tatsächlich ist vom Leben dieses Martin nichts anderes zu erfahren als Geschichten aus dem historisch-authentischen Leben des Freigeistes, Voraufklärers, Duellanten Bergerac, der, wie man weiß, mit dem Schönheitsfehler einer überdimensionierten Nase geschlagen war.

Die banale Erklärung, dass es sich bei Martin schlichtweg um einen Junkie handelt, den der exzessive Konsum von Drogen und Pillen ein wenig schizophren gemacht hat, liegt nahe. Aber der Roman lässt sich auf diese Logik nicht verkürzen. Aus einem Grund: Er sieht der Handlung nicht von außen zu. Er entwickelt sie aus der Innenperspektive des Monologs der Erzählerin. Ihr Bericht ist, darin der Bibel verwandt wie den phantastischen Erzählungen Bergeracs: reine Glaubenssache. Ein Ernstfall literarischer Fiktion also, dem gerade der abstruseste Plot recht ist. In allen Romanen Kennedys geht es genau genommen abstrus zu. Die Liebe zwischen einer biederen Hausfrau und einem TV-Pornofreak in Gleißendes Glück ist noch vergleichsweise realiätsfähig. In Alles was du brauchst, Kennedys bisherigem Hauptwerk aus dem Jahr 1999, kommt die 19-jährige Mary Lamb, Adoptivkind zweier Männer, in eine Schriftsteller-Sekte, die auf einer Insel lebt und es ihren Mitgliedern zur Vorschrift macht, siebenmal Selbstmord zu versuchen, mit dem Risiko, im letzten Moment dem Tod von der Schippe springen zu können - oder auch nicht.

Kennedys Figuren sind Seiltänzer der Grenzerfahrung. Sie wandeln vom einen Extrem des Unbewussten, der Todessehnsucht, zum anderen, der Liebeshingabe. In beidem sind sie absolut. Und für beide Extreme gibt es in Kennedys Erzählwelt notorische Motivfelder, die sich auf den menschlichen Körper beziehen: Seine Zerstörung durch Gewalt, Folter, Perversion, Selbstmord einerseits. Seine Heilung durch caritas, durch Krankenpflege, Zärtlichkeit, liebende Zuwendung andererseits. Erst der abstruse, schrille Plot der Romane aber, der groteske Abstand der Glaubenssehnsucht zur säkularen Welt garantiert den Romanen die Höhenlage, in der sich das große Schauspiel von Verdammung und Erlösung entwickeln und zwischen Jennifer und dem seltsamen Martin das große Melodram der Sehnsucht entfalten kann.

Dass es Kennedy gelingt, ihre Romane bei aller Exzentrik mit einer zeitgenössischen Kulisse zu umgeben, die die Armut Schottlands fühlbar und das Elend des Thaterismus deutlich macht, ist ein Kunststück, das dieser radikalen Künstlerin momentan, man möchte sagen: in der Weltliteratur niemand so leicht nachmacht.

Ihre Romane und Erzählbände gelangten in den vergangenen drei Jahren in dichter Abfolge in den deutschsprachigen Raum, nicht in der Reihenfolge ihres Entstehens. Also bin ich froh, der jetzt übersetzte Roman, ist noch vor Gleißendes Glück und Alles was Du brauchst 1995 in England erschienen. Es ist Kennedys zweiter Roman. Man glaubt, ihm eine gewisse Mühe anzumerken, seine enorme Konstruktion durchzuhalten, verschiedene gegenläufige Zeitbewegungen, Binnenerzählungen und Kontexte mit nichts anderem zu binden als den Kräften der Sprache. Der äußere Rahmen des Romans ist: die Bibel, exakt in der Mittelachse des Romans befindet sich die Schnittstelle zwischen Altem und Neuem Testament. Martin, alias Savinien de Bergerac, der, gekränkt durch eine Bemerkung Jennifers plötzlich verschwunden war, kehrt kurz nach dem Weihnachtsabend wieder zurück, als zerlumptes, drogenabhängiges Wrack. Der Schädel kahl rasiert, der Körper voller Wunden und Hämatome. Sein christlicher Leidensweg vollzieht sich als Entziehungsmartyrium. Er halluziniert, er kotzt, schreit, wimmert, friert und schwitzt, viele Tage lang, bewacht, gestützt, gehalten von zwei Menschen, Ersatzeltern des Menschenbündels nun, von Jennifer und ihrem WG-Mitbewohner Arthur.

In diesen biblischen Rahmen spannt Kennedy eine Rückprojektion ins 17. Jahrhundert, eine literarische Übertragungsgeschichte zwischen dem Werk Cyrano de Bergeracs und ihrem eigenen und eine Vorwärtserzählung der Liebe zwischen Jennifer und Martin, die in ein sowohl heutiges als auch historisches Paris führt. Dieses besitzt einige Charakteristika des Paradieses. Das alles zusammen ist ein gehöriges Pensum. Dass Martin de Bergerac am Ende im Nebel der Romangeschichte verschwindet, macht die seelisch geheilte Jennifer traurig, ist aber der einzig mögliche narrative Ausweg, zu dem der Roman im letzten Drittel nicht ohne Mühe hinfindet. Martin verschwindet in der Phantastik seiner Herkunft. Denn er war von Anfang an, wie er da brennend in der Küche saß, nichts anderes als eine Kopfgeburt. Ein Papierwesen, entstanden aus den Büchern eines Schriftstellers namens Cyrano de Bergerac, das sich in einem Roman der heutigen Schriftstellerin A.L. Kennedy niedergelassen und dort Gestalt angenommen hat. Die Allegorie einer literarischen Initiation also. Und ein tautologischer Literatur-Roman. Wer sich an einen solchen heranwagt, muss als Schriftsteller Alpinist und Ironiker sein. Beides ist A.L. Kennedy im Höchstmaß. Man muss sich nur einen kurzen Moment lang vorstellen, was für eine postmoderne Leiche dieser Roman sein könnte, um die Lebendigkeit jedes einzelnen Satzes zu würdigen, den Kennedy zu Papier bringt. Jedes Buch von ihr: ein ziemlicher Schock und ein großer Trost.

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Also bin ich froh von A.L.Kennedy, 2004, Wagenbach3.)

Also bin ich froh.
Roman von A. L. Kennedy (2004, Wagenbach - Übertragung Ingo Herzke).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 25.3.2004:

Froh zu sein bedarf es wenig
Ein Roman von A. L. Kennedy

Manche Bücher beginnt man erst zu verstehen, wenn man sie zur Hälfte gelesen hat. Das kann sehr lästig sein, manchmal ist es aber auch faszinierend. Bei A. L. Kennedys "Also bin ich froh" ist es so; am Ende fängt man noch mal von vorn an und liest nun mit neuem Verständnis, was anfangs eindeutig schien.

Der Roman ist nicht neu, er ist schon 1995 erschienen. Doch er wurde erst jetzt ins Deutsche übersetzt, nachdem die letzten Bücher der Schottin Bestseller geworden sind. Das könnte auch mit "Also bin ich froh" passieren. Es ist eine rätselhafte Liebesgeschichte, ein Buch voller Widersprüche, etwa von dieser Art: Jennifer, Nachrichtensprecherin beim Rundfunk, redet eigentlich nicht gern, doch mit einem Fremden führt sie lange Gespräche. Außerdem spricht sie mit dem Leser, denn sie ist das Ich des Romans, das behauptet, es sei froh.

Martin, der Fremde, ist ein komischer Vogel. Er weiß nicht, wer er ist, und wirkt wie aus der Welt gefallen. Doch karitative Neigungen sind Jennifer nicht zu unterstellen. Die Frau mit dem freundlichen Namen ist kalt wie ein Fisch, sie will ihre Ruhe, ist praktisch und unsensibel. Sie sagt: Ich bin nicht nett. Jennifer verbirgt viel, und sie lügt. Der Leser merkt es nicht gleich.

An einigen Punkten aber ist sie überraschend intim: Man erfährt, dass sie als Kind ihren Eltern beim Sex zusehen musste. Dass sie sie dafür hasst. Und dass sie Befriedigung findet, indem sie ihren Liebhaber mit einem Gürtel grün und blau schlägt. Später flößt sie ihm Schmerzmittel ein und desinfiziert die Wunden. Das ist Jennifer, mit zweitem Vornamen heißt sie Mercy, Gnade.

Martin ist nicht Martin. Er nennt sich Savinien de Cyrano de Bergerac, man darf das ruhig erzählen, denn das Rätsel wird schon auf Seite 63 gelöst. Doch in Wirklichkeit beginnen die Rätsel damit erst.

Man kann das alles allegorisch lesen. Ein Mann fällt in Jennifers Leben, geht ihr auf die Nerven, nimmt sie für sich ein; und am Ende wird aus einer sehr hässlichen Geschichte ein zärtliches Märchen. Das Buch unterstellt allerdings, dass der Fremde tatsächlich Savinien ist und es spielt auf vielfältige Weise mit der Idee. Cyrano, der tote Dichter, schrieb über Reisen durch Zeit und Raum, Cyrano als Held des Theaters und des Films ist ein romantischer Schlagetot. Da passt er zu Jennifer.

Bei aller Absurdität ist die Geschichte fesselnd und tiefsinnig, sie erzählt davon, wie Menschen sich verständigen und sich einander nähern. Wirklich bewegend ist die Beschreibung der Verlassenheit. Denn am Ende verschwindet Savinien, wie er gekommen ist, und niemand ist froh - es sei denn, Jennifer kehrt zurück zu ihrer bekannten ruhigen Trostlosigkeit.

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Also bin ich froh von A.L.Kennedy, 2004, Wagenbach4.)

Also bin ich froh.
Roman von A. L. Kennedy (2004, Wagenbach - Übertragung Ingo Herzke).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, 22.7.2004:

Dichter an der See
Hoppe, Kennedy, Zeh

Rantum auf Sylt

Kaum hat man die Insel betreten, da haut es einen um. Der Sturm kommt von links. Die quietschgrünen Laternen auf dem Bahnhofsvorplatz knicken steif zur Seite. Daneben ragt, auch sie giftgrün und windschief, die trashigste aller Touristenfamilien meterhoch in den grauen Himmel, in Shorts und Bikini, Halt suchend auf gigantischen Barfüßen, die Plastik-Haarschöpfe waagerecht in der steifen Brise. »Hätte man sich sparen können«, sagt der Besitzer der Imbissbude an der Ecke zu den im Jahr 2001 unter viel Protest enthüllten Figuren des Künstlers Martin Wolke. Mir gefällt’s. Aber irgendetwas stimmt nicht.

Was, entdecke ich erst auf dem Gelände des Kulturzentrums Syltquelle am Rantumer Hafen, Blick aufs Watt: Zum ersten Mal im kalten, nassen norddeutschen Sommer ist es vollkommen windstill. Kein Gräschen regt sich. Die Künstler sitzen draußen. Der Saxofonspieler trägt einen schwarzen Hut, A.L.Kennedy eine schwarze Lederhose, Felicitas Hoppe knallroten Lippenstift, und Juli Zeh, Inselschreiberin dieses Jahres, hat ihren Hund dabei. Gelesen wird in der Abfüllstation, hundert Leute vor Tausenden Mineralwasserkästen. Es riecht nach Schwefel. Das Saxofon spielt Take Five.

Felicitas Hoppe stimmt das Thema an. Sie liest aus Verbrecher und Versager, ihrem jüngsten Buch, in dem vergessene Glücksritter zum Leben erweckt werden, skurrile Reisende aus drei Jahrhunderten. Da erzählt eine Wirtin im Jahr 1781 über ihre Untermieter Friedrich Schiller und Franz Kapf. Der eine schreibt die Räuber, der andere lässt sich als Heidenmissionar nach Afrika anwerben: »Dem Dichter das Werk, dem Soldaten das Leben.« Der rhythmische Märchenton dieser glasklaren Prosa macht das Vergangene gegenwärtig und bringt die Ferne nah, nüchtern fabulierend, verspielt rekonstruierend. Ihre eigenen Reisen haben Hoppe ins fantastische Kielwasser der historischen Figuren gebracht. Verführt, entrückt, im Sturm erobert werden wir jedoch von jemand, der sich, wie Schiller, nicht von zu Hause wegbewegt. Jennifer, die Protagonistin von A.L.Kennedys Roman Also bin ich froh, erzählt über sich und warum sie, statt zwischen ihren friedlichen Laken einzuschlafen, das Bett zerwühlt: Sie denkt an Sex, eiskalten, sadistischen Sex (die knallharte Szene, die davon ein Beispiel gibt, muss Kennedys Übersetzer Ingo Herzke, ein wenig beklommen, auf Deutsch vorlesen). »I’m not emotional«, sagt Jennifer trocken, »you should know that about me.« Und ihre Erfinderin wirft, noch trockener, ein: »She is an unrelieable narrator.« Fast auswendig rezitiert sie Jennifers Selbstgespräch. Eindringlich und absolut unaufdringlich ist diese leise Performance, eine irrsinnige Mischung aus Scheu und Selbstironie, Kälte und Wärme. Es ist, als entstünde der Text vor unseren Ohren.

Wir hätten gern angehört, wie sich Jennifers zerstörte, durch Reflexion abgedichtete Innenwelt der Liebe öffnet, wenn Cyrano de Bergerac auf einer fantastischen Zeitreise in ihr Leben fällt. Stattdessen geht es mit Juli Zeh nach Bosnien: Leseproben aus ihrem Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch. Hauptfigur ist zunächst der Hund, den wir vorher zu Gesicht bekamen. Dann geht es – »Sie erfahren zwar jetzt nicht so viel aus dem Inneren Bosniens, aber ich lese die Stelle einfach so gern« – um die deutschen Kfor-Soldaten, die Leberwurst essen, in »Hosen, Bade, blau« schwimmen gehen und von Land und Leuten keine Ahnung haben. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die gefällige, monoton mit intelligenten Gags gespickte Rhetorik der »naiven« Reisenden wirkt so glatt und cool wie die »abstrakten« Kriegsberichte, gegen die sie sich richtet. Das ist wohl der Preis der Authentizität. Als Ingo Herzke nach der Lesung nach dem Verhältnis von Literatur und Wahrheit fragt und Juli Zeh betont, wie »unglaublich offen und vielschichtig die Leute in Bosnien denken«, klingt es ein wenig nach TUI für Akademiker. »Man muss der schreibenden Zunft misstrauen«, sagt Felicitas Hoppe vieldeutig, »Hinschauen kann blind machen.« Allison Kennedy lacht und stottert und denkt beim Reden. »We are fiction authors«, sagt sie. »We live in a strange middle-land.« Und das liegt ganz nah. Dort, wo Cyrano de Bergerac vom Himmel fällt. Wie die grünen Riesen am Bahnhof.

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