Als Kind.
Roman von Mario González Suárez (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Christian Hansen).
Besprechung von Karin Ceballos Betancur in der Frankfurter Rundschau, 19.6.2002:

Die Schenkel der Hexe
Mario González Suárez' Roman "Als Kind"

Im November kehren Reisende mit Skeletten im Koffer aus dem Urlaub in Mexiko zurück - an Allerseelen feiert das Land sein Totenfest, el día de los muertos. Familien picknicken auf den Gräbern ihrer Ahnen, Bäcker verkaufen süße Totenschädel aus Zuckerguss, gerne mit dem Namen eines Freundes auf der Stirn, eine groteske Variation der Lebkuchenherzen. Einmal im Jahr besuchen die freundlichen Toten, los muertitos, ihre Hinterbliebenen.

Das Skelett, in Europa Sinnbild des Todes, galt den Azteken als Symbol für das Leben über den Tod hinaus. Und während Europäer das Sterben in die schamvollen Zonen der Sprachlosigkeit verbannen, verkehrt der Mexikaner eng mit dem Tod, er "verhöhnt ihn, liebkost ihn, schläft mit ihm, feiert ihn, betrachtet ihn als sein Lieblingsspielzeug und seine beständigste Liebe", wie Octavio Paz schreibt: "Es mag sein, dass seinem Verhalten ebenso Angst zugrunde liegt, wie dem anderen, doch immerhin verbirgt er weder sich selbst noch den Tod; er betrachtet ihn von Angesicht zu Angesicht, mit Ungeduld, Geringschätzung oder Ironie."

Francisco lebt mit den Geistern der Toten am Rande der Millionenmetropole Mexiko-Stadt. Es sind keine guten Gespenster, die ihn heimsuchen, nicht die unsichtbaren "Freunde aus dem Kleiderschrank" seiner kleinen Schwester Ariadne. Eine "Anwesenheit" murmelt dem Jungen ins Ohr, gibt ihm Visionen ein, zieht ihn in den modrigen Morast seiner pränatalen Existenz, eine "unermessliche, von schwitzenden Seelen und Hundegebell erfüllte Dunkelheit".

Der Mutter erscheint die "Anwesenheit" als Flötenspieler, der das Wohnzimmer mit Bäumen füllt und sie am Spülbecken verzaubert, um sie im Garten mit stinkenden, geifernden Lippen zu küssen. Allein dem kleinkriminellen Vater, Basilio Niebla, gelingt es, der bedrohlichen Magie zu widerstehen, scheinbar wenigstens. Der streitsüchtige, herrische, gewalttätige Patriarch, ein Macho, der sich seine Angst klein und die Genitalien gigantisch trinkt, unternimmt nur einen Versuch, seine Familie schreiend von der "Anwesenheit" zu befreien. "Jemand hatte ihm gesagt, dass sich Gespenster vor vulgären Ausdrücken fürchten."

Sein schmieriger Machismo schmilzt, wenn er in dunklen Hinterhöfen mit Hilfe von Hexern und Magiern seine Mutter sucht, die ihn als Baby ausgesetzt hat, um sich zu Jähzorn zu verhärten, wenn die Antworten ausbleiben oder ihn nicht zufrieden stellen: "Sie ist in den Hades hinabgestiegen, starb in dem Moment, da sie dich gebar, und kam mit dir zur Welt." Am Abend spricht die Mutter zu ihm durch einen Mann mit Augenbrauen in Form von Flügeln: "Ich habe deine Nabelschnur in meinem Bauch zurückbehalten. Deine Fehler verhindern, dass du geboren wirst."

Mario González Suárez lässt die Toten den Lebenden ohne Vorankündigung, ohne inszenierte Dramatik erscheinen. Als magischen Realismus könnte man das bezeichnen, wäre der Begriff vom vielen, oft unpräzisen Gebrauch nicht mittlerweile so dünn wie ein abgegriffenes Stück Stoff, dessen Muster kaum noch zu erkennen sind. Selten tragen die Gespenster menschliche Züge, und wo sie in Erscheinung treten, bestürzen ihre Fratzen. Auf der Ebene hinter dem Haus am Stadtrand hört Fransisco seine Großmutter, hört "ohrenbetäubend das Brüllen ihres verdorrten Herzens. Wild um sich beißend, kämpft sie mit den Hunden der Fäulnis und des Alters. Sie hypnotisiert ihre Kinder und wird begehrenswert in ihren Augen. Welche Sehnsucht sich in ihnen regt! Wir lieben die süßen Eingeweide der lüsternen Alten. Dring in mich ein! Sie will durch eins ihrer Kinder emporsteigen. Die fliehen, aber sie erwischt Basilio. Verschwinde, höllische Hexe! sagst du zu ihr. Sie geht in ihren Turm und kehrt mit einem Heer Schlangen zurück, die aus ihrer fauligen Fotze schlüpfen. Sie trägt eine Halskette aus Vorhäuten und brennt wie glühende Kohlen. Sie kommt dich holen."

In einem politischen Kontext ließe sich das Buch auch als Revolutionskritik lesen. Indem González Suárez die freundlichen Toten, die Zapatas Erben als Symbol nationaler Traditionen wiederbelebten, zu lüsternen Leichen pervertiert, stellt er eine ihrer kulturellen Grundlagen in Frage. In eine ähnliche Richtung weist die Figur des Señor Max ("das Leben ist kurz, endlich und proletarisch"), der im Garten einen Bunker aushebt, die Familie zu paramilitärischen Übungen zwingt und als Rache an seiner Ehefrau die Tochter missbraucht. Aber das ist bestenfalls eine zweite Ebene des Romans.

Der Tod, la muerte, im Spanischen weiblich, die Angst vor der todbringenden, todbergenden Frau und Mutter ist bei González Suárez leitmotivisch. Die Matrix ist bekannt: Das Innere des Sarkophags im Tempel der Inschriften, der höchsten Pyramide der Tempelanlage von Palenque, gleicht einem Uterus. Sie steckt in der Angst Franciscos vor seiner Mutter, die sich mit dem Vater gegen die Kinder verbündet und doch den Sohn nicht loslässt, seiner Erzeugerin, die im Gespräch mit ihren Freundinnen - die Männer hassen, aber hoffen, "von einem gerettet zu werden, der anders ist als die anderen" - begehrliche Blicke auf ihn wirft, weil auch sie in ihm den Retter sieht, der sie eines Tages gegen den Ehemann verteidigen wird. "Es gibt kein Entrinnen, meine Mutter will aus mir das Familienoberhaupt machen, und ich spüre die Augen ihres Mannes im Nacken." Seine Mutter, die ihn nicht aus ihrem Uterus entlässt, somit zum Inzest zwingt, die ihn schuldig werden lässt und gleichzeitig verstößt. Wegen ihrer Kräfte werde er sie verehren, sagt der Junge, "aber unweigerlich werde ich mit ihr stets das Wort Hexe verbinden".

Francisco träumt morbide Sexual-Szenen mit einem Unfallopfer, das er als Kind sah, "und ich weine, als ich mir einen runterhole und nach Luft schnappe", eingeschlossen in das Verlies eines "fleischlichen Gefängnisses", in das er sich seit seiner Geburt geworfen sieht, fühlt er, wie der Tod in ihm wächst, "wie das Geschlecht zwischen deinen Beinen". Die Verbindung zwischen Sexualität und Tod, den Zusammenhang zwischen Todesangst und defensiver Erotisierung reizt González Suárez bis an eine Grenze, an der Intensität in Exaltation zu kippen droht - und leider überschreitet er sie mitunter, ohne dabei aber den Geist zu verschrecken, der mit nacktgefressenem Schädel den Roman in seinen Knochenhänden hält und grinst.

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