1.)
- 2.)
Als ich ein Hund war.
Erzählungen von André
Heller, (2001,
Berlin-Verlag).
Besprechung von Christian Seiler aus Profil,
Wien:
According to Heller
Literatur. André Hellers
Skizzen und Miniaturen "Als ich ein Hund war".
Der Titel des Bandes ist berauschend.
"Als ich ein Hund war" hat eine ähnliche Verführungskraft wie die Überschrift
zur Autobiografie von Georges Simenon, die dieser mit sympathischer Koketterie "Als
ich alt war" genannt hatte. Der fliegende schwarzweiße Hund, den der große Jacques
Henri Lartigue mit seiner Kamera festgehalten hat, unterstützt den Titel seelenvoll,
konkret genug und dennoch so unscharf wie nötig.
Überhaupt ist der Rausch ein heimliches Thema dieses Buches, dessen Untertitel
"Liebesgeschichten und weitere rätselhafte Vorfälle" programmatisch mehr
vernebelt als konkretisiert.
"Als ich ein Hund war", das sind Stimmungen, Entwürfe, Räusche. Auf jeweils
kurzem, kürzestem Platz schreibt sich Heller die Welt so, wie er sie gerne hätte:
südlich warm, elegant, wohlriechend, schattenreich. Er verwandelt sich in Tiere, erzählt
Märchen, rekapituliert Legenden, katalogisiert Neigungen. Aber leider ist die Welt
according to heller meistens unterhöhlt, in Verfall begriffen, vergeht wie ein Rausch,
dem neue Nahrung fehlt.
"Ein Ehrentag" heißt zum Beispiel jene Szene, die sich Heller in seinen
italienischen Wohnort Gardone komponiert hat. Signor Vittorio ist dort Barbier (es gibt
ihn wirklich), nur die Ansprache, die ihm Heller in den Mund gelegt hat, ist erfunden.
"Italiener, Freunde, geschätzte Mitbürger", hebt der literarische Signor
Vittorio an, als er die Ovationen der Dorfgemeinschaft zu seinem 86. Geburtstag
entgegennimmt, "es drängt mich, Ihrer Liebenswürdigkeit mit Aufrichtigkeit zu
begegnen." Er lässt ein Hohelied auf den Beruf des Friseurs folgen, sentimental,
streng und beredt, wie natürlich noch nie ein Friseur geredet hat, sondern André Heller
spricht, wenn er mit dem Kopf des besten Friseurs der Welt - darunter tut er es nicht - zu
denken versucht.
Heller formuliert prächtig. Jedes Wort ist wohlgesetzt und poliert, manchmal sogar so
hell, dass die Sätze nicht mehr glänzen können, weil ihre Bestandteile die ganze
Aufmerksamkeit beanspruchen.
So ist "Als ich ein Hund war" kein konventionelles Buch mit Erzählungen
geworden, sondern eine Ausstellungshalle von Beobachtungen, die André Heller von
tatsächlichen und imaginierten Reisen nach Hause gebracht hat. Die Ausstellungsstücke
zeugen von Geschmack, Können und Weltschmerz des Kurators und von dessen Räuschen, die
ihn zu guter Literatur beflügelt haben und mehr als alles andere ihren Urheber
porträtieren.
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2.)
Als ich ein Hund war.
Erzählungen von André
Heller, (2001,
Berlin-Verlag).
Besprechung von Franz Haas in der
Neue
Zürcher Zeitung, 13.1.2001:
Er sei ein «Scharlatan, der wirklich zaubert», bescheinigt ein holder Kritiker mit einem geliehenen Bonmot von Alfred Polgar dem in Wien weltberühmten Multikünstler André Heller. Dieser Messias der Phantasie beglückt seit Jahrzehnten den Erdball mit Feuerwerkspektakeln, Gartenkunstwerken, mit gigantischen Variétés und anderen Schnörkeln für die staunenden Massen. Doch sporadisch sucht Heller auch die Literatur heim, wobei seine Darbietungen weniger spektakulär ausfallen. Um darin pure Kunst zu sehen, muss man wohl sehr fest an den Zauberer glauben und womöglich ein praktizierender Wiener sein.
Manche der neuesten Kurztexte von Heller wären durchaus akzeptable Erzählungen, würden sie etwas weniger duften nach der Selbstinszenierung des Magiers, hinge an ihnen nicht, unsichtbar aber penetrant, ein schmuckes Schildchen mit der Aufschrift «Magie». Im Verhältnis des Erzählers zum tyrannischen Vater blitzt mitunter eine krude Wahrheit auf, die aber gleich wieder zurückweichen muss vor der Pose des Sohnes eines reichen Wiener Süsswarenfabrikanten. Und im Monolog eines alten Mannes knurrt bisweilen ein richtiger Schmerz, der jedoch unweigerlich mit bittersüssen Sentenzen verzuckert wird. Die Erzählung von einem anderen grollenden Kauz, der aus der argentinischen Emigration heimkehrt, gehört zu den geglückteren Teilen dieser Sammlung. Ebenso eine Kindheitserinnerung an das Naturhistorische Museum, die den Erzähler an den «österreichischen Äquator am Rande der Antarktis» führt.
In den meisten Texten hingegen ergibt sich Heller ganz ohne Widerstand dem exotischen Kitsch. Da schwelgt er in ausgesuchten Allgemeinplätzen und Genitivmetaphern, beschwört die Wunder und Düfte Arabiens, einen Sandsturm über Timbuktu, die Melancholie Venedigs, die «Hyänen des Schwermuts» und die «Flutwellen seines Schicksals». Da versucht er sich gar nicht erst mit Altenberg-Imitationen, frönt ungezwungen in Gedanken und Worten der puren Plattitüde: «An jenem Vormittag in Casablanca verstand ich, dass der Aufenthalt an solchen Orten die Sinne schärft.» Eine Orientalin küsst «mit all der Innigkeit» einen Skorpion und lässt das Tier in ihre Scheide kriechen. Und die brennende Wiener Hofburg samt den fliehenden Lipizzanern verpackt er in eine bizarre Liebesgeschichte, Miniaturen aus Marzipan mit einem Hauch von aufgepinselter Verruchtheit.
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