1.) - 2.)
Als Gast.
Roman von Peter
Kurzeck (2003, Stroemfeld).
Besprechung von Jamal
Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 8.4.2003:
Die gleichen Gäste
Peter Kurzeck stellte
seinen neuen Roman vor
Sogar als Terrorist im Untergrund putzte er seine
Schuhe täglich. In der Handlungsgegenwart von 1984 reicht es allenfalls zu
Kleinkriminalität, nur noch das Leder über den Sohlen glänzt. So
charakterisiert Peter Kurzeck seinen ehedem mit einem eigenen Steckbrief
gesuchten Freund Jürgen in Als Gast, dem zweiten Band einer auf sechs Bände
angelegten, ozeanischen Untersuchung eines Daseins, das stets mit Gelegenheiten
rechnen musste und über notdürftige Befriedigungen kaum hinaus kam. In seiner
Umgebung regen sich andere Unbehauste, zumal oberhessische Landfahrer auf ihren
Wegen über die Käffer zwischen Gießen und Frankfurt. Mit Hölderlin
lässt sich feststellen: "Sie hofften viel und taten wenig."
Im Literaturhaus las Kurzeck zum ersten Mal aus dem Roman, nach einer Einleitung
seines Lektors Rudi Deuble, von dem zuvor Stroemfeld-Verleger K.D. Wolff eine
Geschichte vorgetragen hatte, die an eine Sonnenfinsternis im Jahr 1961
erinnert, im Schwäbischen angesiedelt ist und ohne weiteres die Schule verrät,
die der Lektor als Autor besuchte. Auch Deuble hat, wie in Frankfurt einige, von
Kurzeck gelernt.
Dieser Schriftsteller bringt ein Werk hervor, das eine summarische Auffassung
provoziert. Man kann jede Passage nehmen, um ins Große und Ganze einzudringen.
Für die Existenz im Zentrum dieses unvergleichlichen literarischen Universums
ging der Krieg nie zu Ende. Er verlängerte sich in den Erpressungen, mit denen
ein Flüchtling im Speckgürtel sesshaft gebliebener Bauern zu leben hatte. Er
überlebte in den Kalamitäten einer, im Wirtschaftswunderdeutschland absurden,
Bedürftigkeit ebenso wie im Liebesunglück. Das versteht man richtig als
Spiegelungen eines Traumas, dem Impulsgeber für zwanghafte Wiederholungen.
Mit dem Schrecken des Krieges in den Knochen und vom Stress einer erzwungenen
Wanderung um alle Chancen der Beruhigung gebracht, kam Kurzeck als Verirrter auf
Lebenszeit aus Böhmen nach Staufenberg bei Gießen. An seinem
Sehnsuchtshorizont lag die Stadt am Main, deren gründlichster Beobachter er
wurde. Er war aber schon vierunddreißig, als er sich in Frankfurt festsetzte.
Da waren viele Stadtgänge bereits absolviert, zu denen AFN den Soundtrack
geliefert hatte.
Ein Gang von 1984 bot nun den Gegenstand der hinreißenden Lesung im
Literaturhaus. Die Jahreszahl markiert "eine quälende Zeit" für den
Erzähler. Er ist so gut wie obdachlos, überall "nur zu Gast und in
Wahrheit ein Wolf". Die Trennung von seiner Freundin kann er kaum ertragen.
Ihm bleibt nur, sich zu erinnern: "Er wäre sonst nicht gewesen, der Tag.
Und ich auch nicht." Lange vorbei sind die Zeiten, als "jeder Abend
ein Vorabend der Verheißung war". Darüber räsoniert der Erzähler vor
seinem Freund Jürgen im Jazzkeller mit seinem "Steinkellergeruch", im
Jazzhaus, "warum nicht in einer Kneipe wohnen", in der Bodega,
"wie hieß die früher?", im Club Voltaire, "die gleichen Stühle,
die gleichen Gäste" und endlich am Römer, über dem die Nacht "wie
ein Dom" steht. Kein Anlass erscheint zu gering, um gleich das ganze Leben
zu erwägen: "Seit wann ist es so leise geworden?"
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2.)
Als Gast.
Roman von Peter
Kurzeck (2003, Stroemfeld).
Besprechung von Thomas Fitzel in der Frankfurter Rundschau, 10.6.2003:
Die Summe aller Kirschkerne
Verlustbilanzen: In seinem Roman "Als
Gast" schreibt der Frankfurter Autor Peter Kurzeck, der heute seinen 60.
Geburtstag feiert, gegen die Zeit an
In der U-Bahn wird man dieses Buch nicht lesen können.
Die Sätze rauschen an einem vorbei wie die U-Bahnstationen und irgendwann weiß
man nicht mehr, wo man ist. Querlesen geht auch nicht, denn woran wollte man
sich festhalten? Es geschieht doch nichts! Keinerlei Handlungsgerüst. Daher auf
weiten Strecken totaler Verbausfall. Man wird das Buch zwischendurch in die Ecke
pfeffern wollen. Kam die Salatschüssel aus Italien jetzt nicht schon zum
dritten Mal vor? Oder doch nur die Seiten verblättert? Und wie oft erfahren wir
von der Lederjacke, die er 1967 gekauft hatte? Wenn er das wenigstens ironisch
meinen würde.
Mit seiner Ernsthaftigkeit und seinem Pathos geht er einem gelegentlich auf die
Nerven. Was für einen Unsinn der manchmal denkt, und das schreibt der dann auch
noch! Aber er wird von einem unnachgiebigen Imperativ getrieben: "Schreib
alles!" Eigentlich ein sehr einfaches Buch. Und doch wieder schwierig. Denn
es will den Leser ganz und gar für sich. Aber wenn man sich ihm hingeben kann,
entwickelt es einen ungeheuerlichen Sog.
Das ist kein Roman, das ist betörender Gesang - der Gesang des Orpheus, der von
der Quelle der Mnemosyne trank und dessen abgeschnittener Kopf im Strom des
Hebros treibt, immer noch singend - und immer weiter singend? Peter Kurzeck
setzt in seinem jüngsten Roman sein Erinnerungsprojekt fort, das er bereits
1997 mit dem Roman Übers Eis begann, äußerlich eine Chronik des Jahres
1984. Er schildert nur eine kurze Zeitspanne, vielleicht zwei Wochen im März.
Auslöser ist die Trennung von seiner Lebensgefährtin Sibylle und seiner sechsjährigen
Tochter Carina. Der Schock darüber bleibt verborgen. Nur an einer Stelle taucht
die Möglichkeit eines stummen Kampfes um die gemeinsame Tochter auf.
Ansonsten negiert gerade die akribische Schilderung des immer gleichen Alltags
den schmerzhaften Einschnitt. "Vor knapp vier Wochen die Trennung und immer
noch fassungslos." Der Erzähler versucht, seine Fassung, das heißt seine
Sprache, wiederzuerlangen und memoriert die Dinge um ihn herum. "Egal auch,
wie lang es dauert - anfangen und sich nicht unterbrechen lassen!" Vergisst
er etwas, muss er von vorne beginnen. Es fällt schwer, hier vom Erzähler und
nicht einfach Peter Kurzeck zu schreiben. Nicht das Geringste will Fiktion sein.
Alles ist Protokoll. Selbst noch die Angabe, dass er irgendwann im März 1984
exakt 25 Mark und 83 Pfennige in der Tasche hatte, müssen wir glauben. Und doch
ganz und gar fiktiv ist die Vergegenwärtigung der Vergangenheit, das stets
beschworene "Jetzt!" Die Gegenwart seines Schreibens 1984 an seinem
dritten Buch verschmilzt nahtlos mit der realen Gegenwart, in der er dieses,
sein siebtes Buch, schreibt. So ist immer alles schon vergangen und Gegenwart
zugleich. Kurzeck schaltet beliebig hin und her: März 1984, die Nachkriegszeit
und die beginnenden Sechziger.
Nur am Anfang braucht er noch die Bewegung des Eintauchens in die Vergangenheit.
Der Erzähler schaut auf eine Szenerie wie mit einer Kamera, die sich von weit
oben an ein Geschehen heranzoomt, und stellt erstaunt fest: "Zwei Männer.
Der zweite, das bin doch ich!" Und schon ist er auf der anderen Seite der
Zeit und findet im Rinnstein einen Kirschkern - "Ein Kirschkern im März!"
Dieser wird gewissermaßen zum magischen Reisevehikel durch die Zeit, indem er
die Summe aller Kirschsteine bildet, die er jemals fand, so wie jeder Ort in
Frankfurt ihm ein Hier zuruft, ein: Hier war ich mit Sybille und Carina. Das
zeigt, so naiv und schutzlos sich der Erzähler gibt, als Autor ist er es
keineswegs. Als Gast ist ein beträchtliches Stück über den
vorangegangenen Roman hinausgewachsen.
Das Schreiben hebt für Kurzeck die Zeit auf, kann sie aber nicht anhalten. Im
Gegenteil, je mehr Kurzeck die Zeit zerdehnt, desto atemloser wird er selbst, häufen
sich die Ausrufezeichen nach einem Bald, Noch oder Schon. Schreibend versucht
er, sich selbst einzuholen, und nichts soll dabei verloren gehen. Das Ergebnis
sind jedoch Verlustbilanzen: Alles, was nicht mehr ist. "Alles rein! Und
weiter, gleich weiter! Nichts verlieren! Die Zukunft! Auch selbst nicht verloren
gehen! Am Leben bleiben und weiter, nur immer weiter!" Lange Spaziergänge
unternahm der Leser mit Kurzeck durch das Frankfurt der Achtziger, verbrachte
Nachmittage und Abende mit Edelgard, Jürgen und Günter, der ein Jahr später
vom Wasserwerfer überrollt werden wird, wovon der Leser aber hier nichts wissen
kann, holte mit Kurzeck Carina von der Kita ab, und nun reibt er sich die Augen
und fragt sich: Ach, ist das schon wirklich so lange her, sind wir schon so alt
geworden?
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