A Long Way Down von Nick Hornby, 2005, Kiepenheuer & Witsch1.) - 3.)

A Long Way Down.
Roman von Nick Hornby (2005, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Maike Maibaum aus der NRZ vom 3.06.2005:

Der Typ fürs Echte
 "A long way down", der neue Roman von Nick Hornby, schickt vier Lebensmüde auf ein Hochhausdach.

Treffen sich vier Selbstmordkandidaten auf dem Dach eines Hochhauses... Das Buch fängt an wie ein schlechter Witz. Doch die Pointen steigern sich, nach und nach wird es richtig lustig da oben am Abgrund. Man könnte das auch tragikomisch nennen. Aber literarische Schnörkel sind nicht Nick Hornbys Sache. Er schreibt, wie es ist. Früher über Jungs, die Fußball lieben und Platten sammeln. Und jetzt über Lebensmüde, die doch nicht springen. Einfach so. Dafür schätzen die Leser ihren Bestsellerautor. Einfach? So?

Huch, ein Moralist

Dabei beginnen die Schwierigkeiten schon auf dem Umschlag. A long way down heißt der neue Roman. Wie alle Titel des Autors (About a Boy, 31 Songs...) ist er nicht übersetzt. Hornby wird als der Typ fürs Authentische, fürs Originale verkauft. Obwohl er bekennender Rock-Fanatiker ist, gilt der Brite als Pop-Literat. Also müssen seine Bücher diesen Anstrich von Jugendlichkeit und Coolness haben, der anscheinend in einem deutschen Titel nicht rüberkommt.

Jung und cool ist leider genau das, was die vier Menschen auf dem Londoner Hochhaus nicht sind. Jess ist zwar erst 18, aber sie ist Punk pur, zugedröhnt mit Bacardi und aggressiv wie Salzsäure, seitdem ihre Schwester von einer Klippe gesprungen ist. Ex-TV-Moderator Martin wollte "die Krankheit des Älterwerdens" durch Sex mit einer 15-Jährigen kurieren - bekam eine Gefängnisstrafe und verlor Job und Familie. JJ wurde von seiner Band verlassen. Er hält Selbstmord tatsächlich für eine coole Lösung à la Kurt Cobain - bis er auf dem Dach Maureen trifft, die Frau in Gesundheitsschuhen, die seit 20 Jahren ihren Sohn im Wachkoma pflegt und keine Kraft mehr hat.

Weil keiner der vier damit gerechnet hat, dass es auf dem Selbstmord-Hochhaus "am Silvesterabend zugehen würde wie auf dem Piccadilly Circus", beschließt man, das Ableben drei Monate zu vertagen - und es bis dahin zu versuchen, gemeinsam. Das klingt verdächtig uncool nach Nächstenliebe und Punks auf dem Pilgerpfad. Die Überraschung für alle Anhänger poppiger Bücher: Genau so ist es gemeint. Nick Hornby ist Moralist. Dass er drei Menschen, die ihr Leben fahrlässig verbockt haben, die Mutter eines Schwerbehinderten vor die Nase setzt, ist keine Effekthascherei, sondern aus dem Leben gegriffen, aus dem eigenen. Hornby hat einen autistischen Sohn.

Ja, ein Buch, das betroffen macht. Mit Vergnügen. Weil der Autor entgegen aller Gerüchte nicht einfach schreibt, sondern einfach genial. Nick Hornby hebt den moralischen Zeigefinger, um seine Leser damit auszukitzeln. Maureen erzählt auf dem Hochhaus-Sims, sie habe nichts gegessen, "weil mit vollem Magen vom Dach zu springen, das wäre, als würde man ein vollgetanktes Auto verkaufen" - und wir sind nicht sicher, ob wir uns vor Lachen oder aus Weltschmerz krümmen. Banalität und Bodenlosigkeit liegen bei Hornby eng beieinander, doch der Brite hält immer die Balance, auch auf dem schmalen Sims eines Hochhauses.

Sentimental und saukomisch

Es ist diese Mischung aus sentimental und saukomisch, die in der deutschen Literatur keine Entsprechung hat. Den Titel dagegen kann man locker übersetzen. A long way down - beschreibt keinen langen Abstieg, sondern ein langsames Wiederhochkommen. (NRZ) 

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A Long Way Down von Nick Hornby, 2005, Kiepenheuer & Witsch2.)

A Long Way Down.
Roman von Nick Hornby (2005, Kiepenheuer&Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Fitzgerald Kusz aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.06.2005:

Vier Lebensmüde finden den Ausweg
Auf den Spuren von Camus: Nick Hornbys neuer Roman „A long way down“

Der 1957 geborene Nick Hornby, unangefochtener Popstar unter den englischen Romanautoren, geht auf die Fünfzig zu. Zeit, innezuhalten, über das Leben nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Klar, daß dabei ein Roman herauskommt: „A long way down“.

Die Ausgangssituation ist so simpel wie genial: Im obersten Stockwerk des Nordlondoner Wohnsilos „Topper’s House“ treffen vier grundverschiedene Menschen aufeinander. Alle vier wollen am letzten Tag des Jahres, an Sylvester, Selbstmord begehen. Das schmuddelige Topper’s ist ein Ort, der Selbstmörder geradezu magisch anzieht. Es ist gar nicht so einfach, sich von einem Hochhaus zu stürzen, wenn einem andere dabei zuschauen.

Die vier traurigen Helden des Romans, die der Zufall zusammengebracht hat, reden erstmal miteinander. Sie tauschen sich aus, wer von ihnen die besten Gründe für den Suizid hat. Das ist komisch und absurd zugleich. Und je mehr sie miteinander reden, desto klarer wird: Diese vier Menschen kommen nicht mehr voneinander los. Sie sind fortan auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen.

Zwischen Gag und Blues

Hornby hat bewusst vier Leute ausgewählt: „Ich mochte die Vorstellung, dass vier Personen, die nichts gemeinsam haben, die der Zufall zusammengebracht hat, sich plötzlich fühlen wie eine Band.“ Eine solche Beatles-Konstellation kann natürlich leicht in Klamauk ausarten. Es könnte dabei ein anarchischer Monty-Python-Film herauskommen, aber Hornby, durch dessen Bücher sich eine melancholische Komik zieht, schafft auch diesmal die Gratwanderung zwischen Gag und Blues, Spaß und Ernst.

Wer sind diese vier Selbstmordkandidaten? Allesamt sympathische Verlierer. Da ist Martin Sharp, ein abgehalfterter Frühstücksfernsehen-Moderator, der drei Monate im Gefängnis saß, weil er mit einer 15-Jährigen geschlafen hatte, die behauptete, 18 zu sein. Er wird als „Promi“ immer noch auf der Straße erkannt. Seine Berühmheit hat zu einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit geführt. Jetzt steht er da ohne Boden unter den Füßen und kann doch nicht springen.

Die zweite im Bunde ist Maureen, eine alleinerziehende Frau Mitte 50, die nur einmal mit einem Mann geschlafen hat, der sie dann mit dem schwerbehinderten Sohn Matty sitzen ließ. Ihr Leben, das längst an ihr vorbeigegangen ist, macht keinen Sinn mehr. Dritte Suizidaspirantin ist die flippige 18-jährige Göre Jess, Tochter eines Staatssekretärs in Tony Blairs Bildungsministerium. Jess lebt ihr Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Alcopops und Partydrogen hemmungslos aus. Sie will sich wegen eines Jungen, der sich nichts aus ihr macht, das Leben nehmen.

Der vierte Selbstmord-Kandidat ist der Amerikaner J. J. Er trauert seiner aufgelösten, drittklassigen Rockband nach. Weil er so erfolglos war, verließ ihn auch noch seine Freundin. Jetzt hält er sich als Pizzabote über Wasser. Als Grund für seine Lebensmüdigkeit erfindet er die unheilbare Krankheit „CCR“, Kürzel seiner Lieblingsband „Creedence Clearwater Revival.“. Die vier bilden spontan eine Anti-Selbstmord-Selbsthilfe-Gruppe. Sie wollen erstmal bis zum Valentinstag, dem nächsten großen Selbstmördertag, durchhalten. Und sie schaffen es!

In jeder der vier Figuren steckt natürlich wieder ein gerüttelt Maß Nick Hornby. Da ist die Weigerung, erwachsen zu werden bei Jess, die sanfte Wehmut angesichts des Alltagswahnsinns bei Maureen, der Fluch des Medien-Ruhms bei Martin; und der langhaarige J. J. wirkt wie eine Reminszenz an „High Fidelity“ — mit seiner Liebe zu einer Musik, die keiner mehr hören will. Hornby lässt die Geschichten der „Topper’s House Four“ jeweils von ihnen selbst in der Form eines Monologs erzählen, gewissermaßen im scheinbar ungefilterten Origionalton.

Den Trick begreifen

Am Valentinstag, als sie sich wieder im Topper’s House treffen, passiert Entsetzliches. Vor ihren Augen begeht wirklich jemand Selbstmord. Sie können es nicht verhindern. Das schweißt die Gruppe noch mehr zusammen. Jetzt erst recht: Sie müssen weiter durchhalten. Aus sechs Wochen werden drei Monate. J. J. bringt es auf den Punkt, warum es sich vielleicht doch lohnt, zu leben: „Der Trick dabei besteht darin, zu begreifen, dass man trotz allem Anspruch auf seine vollen 70 Jahre hat.“

„A long way down“, der Weg nach unten, ist lang. Es gehört schon eine gehörige Portion Humor dazu, einen „way out“ aus der Ausweglosigkeit des Daseins zu finden. Das Leben ist ein never ending blues. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Hornby meets Camus: Wir müssen uns Sisyphus als fröhlichen Menschen vorstellen.

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A Long Way Down von Nick Hornby, 2005, Kiepenheuer & Witsch3.)

A Long Way Down.
Roman von Nick Hornby (2005, Kiepenheuer&Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 16.3.2006:

Kurioses Quartett der Lebensmüden
Nick Hornbys lebensbejahendes Werk

Wenn vier Personen in einer Silvesternacht auf einem Hochhausdach stehen, um sich in die Tiefe zu stürzen, ist das zunächst einmal gar nicht komisch. Komisch wird es, wenn der Brite Nick Hornby diese Szene arrangiert: Maureen erträgt die Pflege ihres schwerbehinderten Sohnes nicht länger und steigt in ihrer Verzweiflung auf das Londoner Topper's House hinauf. Dort sitzt bereits der gefallene Moderatorenstar Martin an der Dachkante. Und während sich zwischen ihnen ein Disput entspinnt, wer wen beim Selbstmord diskreterweise allein lassen sollte und ob sich Maureen Martins Leiter leihen darf, um überhaupt die Absperrung dort oben überwinden zu können, rennt zum Sprung scheinbar entschlossen eine junge Frau auf eben jenes Dach.

"Wir haben unser Leben verpfuscht. Du nicht, noch nicht." "Martin"

"Wir haben unser Leben verpfuscht. Du nicht, noch nicht", entscheidet Martin und hält Jess gewaltsam fest. Als dann noch der amerikanische Pizzabote JJ erscheint, der in dem Hochhaus sein Backwerk abliefern soll und bei dieser Gelegenheit den Ort seines selbstbestimmten Endes vorbesichtigen will, ist das kuriose Quartett der Lebensmüden komplett.

Der meisterhafte Erzähler Hornby hat mit seinem Selbstmörder-Roman ein erstaunlich lebensbejahendes, fröhliches Buch geschrieben, das nichts beschönigt, sowohl die großen menschlichen Probleme als auch ihre vermeintlich simplen Lösungen immer wieder relativiert und darum so schön realistisch, ehrlich und unpathetisch wirkt. Schon die Erzählweise Hornbys ist eine Verbeugung vor den Persönlichkeiten seiner Figuren, die niemals von einem besserwisserisch-auktorialen oder augenzwinkernden Erzähler gelobt oder getadelt werden. Denn das besorgen die vier schon selbst.

Maureen, Martin, Jess und JJ - in loser Reihenfolge erzählen die Personen jeweils ein Kapitel aus ihrer Sicht, in ihrer spezifischen Sprache und Umgangsform: eher derb und direkt die rotznäsige Jess mit ihrem Trennungsschmerz, cool der seiner Band nachtrauernde JJ, flapsig und selbstgerecht Martin, der seine Karriere wegen Sex mit einer Minderjährigen zerstörte, und höflich, abwägend die etwas schrullige Maureen. Obwohl sie so verschieden sind, oder gerade deshalb, haben sie einander viel zu sagen. Und da sie nun schon einmal an Silvester ihre Selbstmordpläne vereitelt haben, verabreden sie sich für den nächsten Suizid-tauglichen Termin, den Valentinstag sechs Wochen später, nach dem Motto: Dann ist es ja auch noch möglich, und vielleicht hat sich bei allen bis dahin das Leben zum Besseren verändert.

Das hat es natürlich nicht so schnell. Was sich aber bei allen ändert, ist die Selbsteinschätzung. Während dieser sechs Wochen, in denen die vier sich manchmal eher widerstrebend auf Wunsch eines Einzelnen treffen, sieht jeder ein bisschen besser, an welchem Punkt sein Leben aus den Fugen geriet und dass es noch lange nicht zerstört ist. JJ zum Beispiel begreift, dass ihn seine Freundin verlassen hat, nicht weil er es niemals zum Rockstar bringen wird. Sondern weil sie weiß, dass mit ihm nichts mehr anzufangen ist, wenn er die Musik aufgibt, nur weil seine Band zerbrochen ist. Lichte Momente dieser Art hält "A Long Way Down" in großer Zahl bereit. Und weil sie wie beiläufig, frei von Gutmenschen-Attitüde und Heile-Welt-Illusionen aufscheinen, ist dieses Buch so sympathisch wie aufschlussreich. Fantastisch freche Dialoge, ein forsches Tempo und jede Menge Situationskomik vervollkommnen dieses wissend humorvolle Bravourstück.

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