Almasy von Walter Grond, 2002, Haymon

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Almásy.
Roman von Walter Grond (2002, Haymon).
Besprechung von von Alfred Koch aus litges.at, St. Pölten:

Die geheimnisUMvolle Oase

Bereits auf seite 14 des romans "Almásy", der sich - als erklärtes ziel - allen ernstes mit Michael Ondaatjes "Der englische Patient" messen möchte, hat der autor (& ein nachlässiger lektor) eine jener spuren des ringens um den angemessensten ausdruck hinterlassen, die schreibenden nicht fremd ist. "Die geheimnisumvolle Oase" heißt es dort, wo "geheimnisvoll" & "geheimnisumwoben" einander derart ebenbürtig waren, dass sie nur als siamesische missgeburt eingang in den text finden konnten. Ein böses omen, das erklären würde, warum Walter Grond auch weiterhin den ton nicht findet, zwischen der belehrenden leier eines reiseführers & dem geschnatter eines billigen kriminalromans changieren muss, mit beziehungs- sowie big business-kitsch unterfüttert & den leser in einer wüste aus asthmatischem deutsch & einem geröll aus hastig hingeworfenen szenen verkommen lässt. Kleinigkeiten wie die, dass jemand mit dem knüppel zur "fasson" gebracht wird statt zur räson, fallen angesichts von handlungssträngen, die unter der last der begleitenden erklärungen schier zusammenbrechen, schon nicht mehr ins gewicht.
Eigentlich hätte man in Walter Grond den verlässlichen führer durch die von ihm selbst entworfene einöde erwarten können, dafür müsste er aber von der fülle des recherchierten stoffs rund um Almásy weniger überwältigt (& wohl auch überfordert) sein. Eine roman-konstruktion von der glaubwürdigkeit eines B-movies rechtfertigt nicht, die leserin, den leser in eine wüstenei zu locken, in der es zwar jede menge Almásy - aber weit und breit nichts geheimnisvolles, schon gar nichts geheimnisumwobenes gibt.

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Almasy von Walter Grond, 2002, Haymon2.)

Almásy.
Roman von Walter Grond (2002, Haymon).
Besprechung von Sebastian Domsch aus Rezensionen-online *LuK*:

Der Wahrheit auf der Sandspur
Walter Gronds Roman "Almasy"

Ein Spion und ein Schriftsteller haben viel gemeinsam und sind doch Gegenspieler. Beide spielen ein kompliziertes Spiel mit der Realität. Sie ist ihr Ausgangsmaterial, das sie mit ihrer Fiktion vermengen, bis beides nach Möglichkeit ununterscheidbar geworden ist. Beide spinnen ihre Lügen auf der Suche beziehungsweise im Namen einer höheren Wahrheit. Doch während der Spion diese Wahrheit vor möglichst vielen Menschen verbergen will, möchte der Schriftsteller sie möglichst allen zugänglich machen. Wenn sich nun nicht nur einer, sondern gleich zwei Schriftsteller eines Spions annehmen, und dieser Spion selbst Bücher über sich geschrieben hat, dann wird die Sache kompliziert. Und so verwundert es nicht, dass Walter Gronds neuer Roman "Almasy" zwar von der Wüste und einem ihrer Erforscher handelt, dabei aber mehr dem Labyrinth in der Pyramide gleicht.

Gronds Roman ist zuerst einmal eine Reaktion. Im Jahr 1992 veröffentlichte der kanadische Autor Michael Ondaatje seinen Roman "Der Englische Patient", der nicht nur als Buch ein großer internationaler Erfolg wurde, sondern auch in der Verfilmung durch Anthony Minghella. Die Hauptfigur der Geschichte, der ungarische Wüstenforscher Ladislaus E. Almásy, hat tatsächlich existiert, doch Ondaatje ging mit der historischen Figur überaus freizügig um. Er unterschlug nicht nur ihre Homosexualität und vereinfachte die schillernde bis zweifelhafte Person zu einem romantischen Helden mit hoher Hollywoodtauglichkeit.

In einer Nachbemerkung zu seinem Roman bemerkt Walter Grond, dass ihm diese Darstellung allzu entstellt vorkam. Er begann ein intensives Forschen, dessen Früchte er schließlich in sein Buch presste, so dass eine ganze Menge an Informationen zwischen den Buchdeckeln hervorquillt. Um nicht lediglich eine weitere Geschichtsfiktion zu entwerfen, legte er die Handlung von "Almasy" auf zwei Ebenen an. Die erste entspricht unserer Gegenwart und erzählt die Geschichte des österreichischen Produktmanagers Nicolas, der geschäftlich nach Kairo kommt, um während einer Automobilmesse einen neuen Geländewagen zu bewerben. Die Marketingstrategie des Konzerns zielt dabei ganz auf das abenteuerliche Image des Flugzeug- und Autopioniers Almásy ab, dessen Namen der Wagen trägt. In Kairo muss Nicolas jedoch feststellen, dass dieses Image keineswegs so schnörkellos und unbefleckt ist, wie seine Chefs es gerne hätten. Schließlich arbeitete Almásy während des Zweiten Weltkrieges für Rommels Afrikakorps und beteiligte sich an so manchen Intrigen der ägyptischen High Society.

Nicolas, fasziniert von der enigmatischen Gestalt aus der Vergangenheit, stellt immer neue Nachforschungen an. Vor allem Hana, eine Kanadierin, die seit vielen Jahren mit einem Ägypter verheiratet ist, berichtet ihm viel von damals. Während eines Schwächeanfalls von Nicolas beim Besuch der Pyramiden wechselt die Erzählung schließlich zurück in die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt werden die Ereignisse aus Hanas Perspektive geschildert, wobei nicht ganz deutlich wird, ob es sich bei all dem um eine Fieberphantasie von Nicolas handelt oder um die tatsächliche Vergangenheit. Spätestens an diesem Punkt aber wird das intertextuelle Spiel deutlich, das Grond treibt. Denn Hana ist mit der Protagonistin aus dem Roman Ondaatjes identisch, und ihre Geschichte setzt mit einigen wörtlichen Zitaten kurz vor dem Ende von dessen Roman an. Auch Gronds Hana hat einen bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Patienten gepflegt, der von sich behauptete, Engländer zu sein, von einem Bekannten Hanas jedoch als Almásy identifiziert wird. Nach dem Tod des Patienten verlässt Hana die toskanische Villa, doch bevor sie den Heimweg nach Kanada antreten kann, begegnet sie einem Engländer, der ihr glaubhaft versichert, Almásy sei noch am Leben und halte sich in Kairo auf. Daraufhin begibt sie sich selbst nach Ägypten, wo sie den echten Almásy kennen lernt. Halb abgestoßen, halb fasziniert taucht sie in eine so unübersichtliche wie korrupte Welt ein, in der jeder jeden bespitzelt und jeder dunkle Flecken in der Vergangenheit zu verbergen sucht. Eine Welt, die sie für immer gefangen nimmt, auch nachdem Almásy längst tot ist.

Die Geschichte Hanas verfolgt ihren Weg bis hinein in die Wüste, wo eine Forschungsexpedition durch eine verheerende Explosion beendet wird. Dann springt der Roman wieder in die Gegenwart, wo Nicolas nun die Nachwirkungen der alten Intrigen zu spüren bekommt. Er hat vieles gelernt, und mit ihm auch der Leser, doch verwirrend bleibt das Bild bis zum Schluss. Walter Grond wird der problematischen Gestalt des Wüstenforschers mit seiner Schilderung aus zwei Blickwinkeln auf jeden Fall gerechter als Ondaatje. Er entlarvt Ondaatjes Almásy als Fiktion, die mehr auf den Bedürfnissen einer romantischen Liebesgeschichte beruht als auf geschichtlichen Fakten. Allerdings tut er dies nur, um daraufhin selbst wieder einen Roman zu schreiben. Dies ist kein Denkfehler, sondern Gronds konsequentes Eingeständnis der Unmöglichkeit, über ein Leben, und noch dazu das eines Spions, die Wahrheit sagen zu können, auch wenn man noch so viele Fakten zusammengetragen hat. Das Kapitel, das den Leser in Almásys Welt zurückversetzt, trägt den Titel "Das Heer des Kambyses". Der Suche nach diesem Heer, das in antiker Zeit von einem Sandsturm verschluckt worden sein soll, gilt in der Zeit nach dem Krieg alles Streben des Wüstenforschers. Doch weder er noch einer seiner Kollegen werden es je finden.

Genauso wie das mythische Heer bleibt Almásy ein Rätsel, das ändert sich auch nicht dadurch, dass der Spion gleichzeitig selbst ein Schriftsteller war. Wer weiter in die Wüstenwelt eintauchen möchte, der kann die Neuauflage seines Buches "Unbekannte Sahara" von 1939 lesen. In dem Band, der 1997 unter dem Titel "Schwimmer in der Wüste" erschienen ist, schreibt Almásy selbst über seine verschiedenen tollkühnen Expeditionen, die erste Autofahrt auf der Karawanenstraße zwischen Schwarzafrika und Ägypten und die Suche nach der Oase Zarzura. Ergänzt wird das ganze durch ein Vorwort von Raoul Schrott und Michael Farin, etliche Fotos und ein Geheimdokument über die Operation Salam von 1942, als Almásy für den deutschen Geheimdienst zwei Agenten auf dem Landweg nach Kairo brachte. Das Dokument enthält vor allem Almásys eigenes Tagebuch der Operation. Damit ist das Gewirr der Stimmen, die vom Leben dieses Menschen sprechen, komplett. Die Wahrheit aber liegt vermutlich irgendwo da draußen, begraben unter dem Wüstensand.

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