Allmen und Libellen von Martin Suter, 2010, Diogenes1.) - 4.)

Allmen und Libellen.
Roman von Martin Suter (2011, Diogenes).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 31.12.2010:

Fingerübung mit einem Adeligen
Der Bücherfrühling beginnt in drei Tagen mit Martin Suter und Band 1 seiner Krimi-Serie um einen verarmten Aristokraten.

Das ist sehr freundlich von Martin Suter, dass er uns an einer Fingerübung teilhaben lässt.

Notwendig war's nicht. Es erscheinen pro Jahr rund 30.000 Romane und Erzählbände, und darunter könnten schon noch zwei, drei versteckt sein, in denen nicht mehr geübt wird.
Aber nach seinem Bestseller "Der Koch" (Platz 4 der KURIER-Jahresliste) wollte Suter zeigen, dass er die Unterhaltung auch ein Stockwerk tiefer beherrscht, im Parterre gewissermaßen. Der erste Satz von "Allmen und die Libellen" (Diogenes Verlag, 19.50 Euro) lautet: "Das graue Licht machte alles flach und leblos."

"Flach" und "leblos" klingt programmatisch. Vielleicht hat sich der Schweizer damit über sich selbst lustig gemacht. Es ist ja nicht schlimm, was passiert. Bloß brauchen tut's niemand. Das Buch, das nächste Woche ab 4. Jänner erhältlich sein wird, ist Beginn einer Serie von Groschenromanen, in denen der verarmte Aristokrat Johann Friedrich von Allmen der Held ist.

Er ist weder depressiv, noch ist er geschieden. Er hat keine verrückte Mutter, fürchtet sich nicht vor Bakterien, und die Fussel zwischen den Zehen sammelt er auch nicht.
Allmen ist etwa 40, vielleicht auch jünger, so konzentriert wurde nicht gelesen, bitte um Entschuldigung ... Allmen ist nur Punkti Punkti, Strichi Strichi und wandert durch einen Text in der Art: "Allmen erwachte allein in einem fremden Bett. Die Bettwäsche war aus Satin, das Tageslicht von blickdichten Gardinen gefiltert, der Platz neben ihm noch warm."

Bohnen

Er liebt den Luxus, den er sich nicht mehr leisten kann, weil er Vaters Erbe verprasst hat. Die Villa musste er verkaufen, er darf aber im Gärtnerhäuschen wohnen - gemeinsam mit seinem früheren Diener Carlos, den er einst aus Guatemala mitgenommen hat.
Carlos arbeitet für die neuen Villenbesitzer, und aus Treue kocht er für Allmen Bohnen und schenkt ihm Kaffee ein. Was macht Suter aus der psychologisch etwas kargen Figur, die gern in Unterwäsche schläft, liest und ausgezeichnet Klavier spielt? Er macht aus Allmen zunächst einen Dieb. Irgendwie muss man ja sein Opern-Premierenabo Parkett Mitte, Reihe fünf, zahlen.

Aber Suter, dieser Profischreiber, zeichnet schon seinen weiteren Weg: dass er sich nämlich wandelt und in den Folgebänden gestohlene Kunstwerke wiederbeschaffen wird.
Auf seiner angeberischen Karte wird dann stehen: Hinweiser? Belohnungsjäger?
Im ersten Roman ist er noch, höchst zwielichtig, in den Diebstahl von fünf Glasschalen mit Libellenmotiven verwickelt.

Da wurde ein wahrer Hintergrund gewählt: 2004 wurden aus einem Schloss bei Lausanne 14 Kelche des französischen Glaskünstlers Emile Gallé gestohlen. Wert mehr als zwei Millionen Euro. Bis heute sind sie nicht wieder aufgetaucht. In Martin Suters Version steckt ein Versicherungsbetrug dahinter. er Autor hat verkündet, dass er jetzt und nächstes Jahr für Interviews nicht zur Verfügung stehe. Das geht völlig in Ordnung. Es gibt keine Frage, die man von ihm beantwortet haben will. Nur ein bissl Verwunderung.

KURIER-Wertung: *** von *****

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Allmen und Libellen von Martin Suter, 2010, Diogenes2.)

Allmen und Libellen.
Roman von Martin Suter (2011, Diogenes).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 4.1.2011:

Martin Suters „Allmen und die Libellen“
Der Schweizer Autor Martin Suter stellt im aktuellen Werk „Allmen und die Libellen“ den Ermittler einer neuen Reihe vor: einen Müßiggänger im Maßanzug, der seinen Lebensstil mit Beutezügen in feinen Antiquariaten finanziert.

Das Lügengebilde, das Johann Friedrich von Allmen sein Leben nennt, ist so zerbrechlich wie eine zarte Schale aus Glas. Das Erbe seines Vaters, eines schlauen Schweizer Bauern, brachte er als „internationaler Bummelstudent“ durch. Das Luxusleben führt er nun auf Kredit: „Er hatte keine Schulden. Er hatte offene Posten, Ausstände, Saldi, Pendenzen.“ Noch immer bestellt er das Taxi zu seiner Zürcher Villa, auch wenn er nur noch deren Gewächshaus sein eigen nennt. Noch immer gehört das Opernpremierenabonnement zu den Lebensnotwendigkeiten: „Erst wer sich das nicht mehr leisten kann, ist wirklich pleite.“ Selbstverständlich, dass Allmen zuvor in der Goldenbar zwei Margaritas trinkt – so dass seine Stimmung „erwartungsvoll, glücklich und nachsichtig“ sei auf seinem Platz: Parkett Mitte, fünfte Reihe!

Allmen, das sind wir alle. Ein bisschen jedenfalls. Aber kann das Leben in der Seifenblase gutgehen? Dass es am Ende doch keine Scherben gibt, verdankt Allmen der Fantasie seines Schöpfers – und dessen Ehrgeiz. Der Schweizer Autor Martin Suter stellt schließlich den Mittvierziger, dessen „gutgeschnittenes Gesicht“ eine „etwas weniger platte Nase verdient“ hätte, als neuen Privatermittler in die Reihe der Lebemänner der Kriminalliteratur. „Allmen und die Libellen“ (Diogenes, 208 Seiten, 19,90 Euro) soll den doppelten Boden bereiten für eine Serie, in der der Müßiggänger im Maßanzug als „Belohnungsjäger“, „Sachdienlicher Hinweiser“, „Wiederbeschaffer“ sein Auskommen findet. Natürlich unter tatkräftiger Mithilfe seines guatemaltekischen Hauswirtschafters Carlos, der Allmen in höchster Not schon mal mit Tortillas und Bohnen vor der Auszehrung bewahrt – ohne Hackplätzchen und Guacamole, dafür auf bestem Damast: „Es war Carlos’ Art zu sagen, dass er Haushaltsgeld benötigte.“

Martin Suter, der mit seiner Familie zwischen Zürich, Guatemala und Ibiza pendelt, ist ein feiner Beobachter kultureller Eigenheiten. Die Eingeborenen der Zürcher Goldküste waren in seinem Werk steter Quell der Lesefreude, den falschen Glanz der Kunstwelt spiegelte er im „Weynfeldt“, im Haifischbecken der Finanzwelt fischte er in den Business-Class-Kolumnen. Er kennt sich aus in vielen Welten.

Und so sind wir fast geneigt zu glauben, dass es dies’ Frau gewordene Klischee wirklich gibt: platinblonder Pagenschnitt, kirschroter Lippenstift, schwarze Sonnenbrille – wadenlanger grüner Nerz. In der Goldenbar gabelt „Jojo“ Allmen auf, in ihrer Villa an der Seestraße entdeckt er die gläsernen Libellen, die ihm beinahe zum Verhängnis werden. Es sind wertvolle Gallé-Schalen, auf die Allmen stößt, just als die lächerliche Summe von 12 455 Franken einen Gläubiger grob werden lässt.

Gemächliches Tempo

Was läge näher, als die Schalen jenem Händler seines Vertrauens anzudienen, dem er schon zuvor Ergaunertes zuspielte? Wie kann er ahnen, dass er nicht der erste Dieb dieser Schätze ist? Dass die Libelle ein anderes Flugobjekt, eine Pistolenkugel, anlocken wird?

Seine Bücher, beklagte Martin Suter in einem Gespräch, würden oft der Spannungsliteratur zugerechnet – dabei schriebe er gar keine Krimis! Diesmal, so klug und lebensnah der Plot um Kunstraub und Versicherungsbetrug gestrickt sein mag, mangelt es an atemberaubenden Wendungen. Aber Allmen nimmt sein Geschäft ja gerade erst auf: „International Inquiries“ will er am Ende auf seine Visitenkarten drucken lassen. Dies kann nur übertrieben finden, wer ihn noch nicht kennt.

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Allmen und Libellen von Martin Suter, 2010, Diogenes3.)

Allmen und Libellen.
Roman von Martin Suter (2011, Diogenes).
Besprechung von René Zipperlen aus den Nürnberger Nachrichten vom 4.1.2011:

Ermittler mit Stil und Schulden
Martin Suter startet mit „Allmen und die Libellen“ seine neue Krimireihe

Der Schweizer Bestseller-Autor Martin Suter schickt in seiner neuen Krimiserie ein unverhofftes Duo auf Ermittlungen in der Kunstwelt.

Gestatten: Allmen. John Allmen. Eigentlich Johann Friedrich von Allmen. Beruf: unbekannt. Mission: möglichst stilvoll das Erbe des Vaters verprassen. Eine klassische Martin-Suter-Figur: vermögend, elegant, mit erlesenem Geschmack, tadellosen Manieren und sicher in festen Ritualen eingerichtet. Bis wie in „Der Koch“ und „Der letzte Weynfeldt“ auch hier eine Frau für Unruhe sorgt. Und doch ist alles ein wenig anders. Denn Allmen ist Suters neuer Ermittler, der mit seinem ersten Fall „Allmen und die Libellen“ in Serie geht. Er weiß es nur noch nicht.

Eine Leiche gibt es auch

Der verwöhnte Berufserbe spricht fünf Sprachen fließend und kennt die besten Hotels der Welt. Doch mit seinem Lesesessel hat er längst aus der Villa ins Gewächshaus ziehen müssen. Seinen Lakaien Carlos hat er zwar behalten, doch Schulden hat er bei ihm wie an jeder vornehmen Ecke der Stadt am See. Nun ist die erlesene Kunstsammlung verscherbelt. Also steckt Allmen das ein oder andre Edelväslein ein. Er muss: Die Kreditschlinge zieht sich zu.

Bis Allmen in der Oper die lebenshungrige Milliardärstochter Jojo trifft, die ihn nach Strich und Faden vernascht. In der nächtlichen Villa ihres Vaters entdeckt er einige sündteure Vasen, denen er nicht widerstehen kann. Und es beginnt eine Story, in deren Verlauf Allmen erkennen muss, dass auch andere Kunst nicht nur lieben, sondern zu Geld machen. Und zwar auf höherem Niveau. Ach ja, eine Leiche wird es auch geben. Das gehört sich so im Krimi.

Suter ist kein kriminalistischer Neuling. Angefangen bei „Herrenboxer“, dem „Tatort“-Drehbuch von 1994, bis zum voltenreichen „Perfekten Freund“ oder dem „Letzten Weynfeldt“ unterliegt seinen Büchern meist eine Krimihandlung. Sein neuer Ermittler Allmen muss zuerst stehlen, um die Seite zu wechseln. Selbst dann geht es ihm nicht um Moral, sondern um Geld.

Wie aus einem Bond-Streifen

Suter setzt für seine neue Krimireihe auf die schon bei „Weynfeldt“ bewährte Kunstwelt: fünf Glasschalen des Jugendstilkeramikers Emile Gallé. „Das Vollkommenste, was je von Menschenhand geschaffen wurde.“ So ihr Besitzer Klaus Hirt, Jojos Vater, sterbenskrank und steinreich und einer der Sammler, „die unverkäufliche, weil gestohlene Kunstwerke horten.“

Wie seine nymphomanische Tochter Jojo würden Hirt oder der bedrohliche Gläubiger Dörig, der zu viel „Sopranos“ geschaut hat, in einem Bond-Streifen kaum fremdeln, sie sind bis an den Rand der Kolportage perfekt funktionell, aber nicht gerade vielschichtig. Nicht schlimm, denn Suter erzählt wie immer elegant, geschliffen pointiert und sehr filmisch. Sein Ermittler hat kein Alkoholproblem, ist nicht geschieden, weder von Vergangenheit noch Gegenwart zerrüttet und auch nicht so dick wie Brunetti. Auch mal schön. Freilich fällt Suters erster Serienstreich hinter das zurück, was viele moderne Krimis ausmacht: Doppelbödigkeit, Ambivalenz, Geheimnis.

Lohnendes Geschäft

Kaum erfährt Allmen das Geheimnis der sündteuren Glasschalen gewinnt der Snob mit einem Ruck an Selbstbewusstsein, Spürsinn und Abgebrühtheit. Am Ende wird er, raffiniert eingefädelt, üppiger belohnt als erlaubt und riecht Lunte: Die Kunstwelt ist reich an „verlorenen“ Werken. Und horrenden Versicherungssummen. Das macht die Wiederbeschaffung zum lohnenden Geschäft. Wenn er sein Faktotum Carlos fragt – „Glauben Sie, das wäre ein Beruf für uns?“ –, werden wohl viele Leser heimlich mitnicken.

Denn der selten mehr als zweisilbige Carlos aus Suters Zweitheimat Guatemala hat zwar noch wenig Kontur, aber Potenzial. Carlos gibt diesem Roman Bodenhaftung, und mit der Weisheit und dem Stolz eines alten Indianers ist er Bediensteter, Ratgeber und eigentlich Allmens einzige echte Bezugsperson. Zwar fehlt gerade der Hauptfigur noch etwas Fleisch und Blut, doch aus den beiden könnte etwas werden. Martin Suter wird schon dafür sorgen.

Die komplette Besprechung mit Abb. von René Zipperlen finden Sie in den Nürnberger Nachrichten

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Allmen und Libellen von Martin Suter, 2010, Diogenes4.)

Allmen und Libellen.
Roman von Martin Suter (2011, Diogenes).
Besprechung von Helmut Schönauer, 24.08.2011:

Allmen und der rosa Diamant
Wenn es in der Kriminalistik Serientäter gibt, dann muss es in der Krimi-Literatur auch Serienleser geben.

Martin Suter hat mit Allmen eine laszive Figur geschaffen, die nichts anderes zu tun hat, als höchst bemerkenswerte Ereignisse aus der Business- und Bankenwelt aufzustöbern und an sich abprallen zu lassen. Wir seriellen Leser fühlen uns an die alten Enid Blyton Bücher erinnert, wo die fünf Freunde immer wohl dosierte Aufregungen hinter sich gebracht haben.

Bei Suter ist es ähnlich. Allmen und sein illegaler Butler Carlos haben eine Agentur gegründet, die Top-Fälle aus dem internationalen Milieu aufklären soll. Das Abenteuer rund um den „rosa Diamanten“ beginnt mit einer üppigen Geschäftsvereinbarung und der vagen Beschreibung des Falles. Der rosa Diamant ist gestohlen worden, ein Russe wird verdächtigt.

Im ersten Teil reist Allmen durch Zehn-Gänge-Menus, Boutiquen und Signets der Schicki-Micki-Society. Er landet im mondänen Ostseebad Heiligendamm und kommt dem Russen näher, als ihm lieb ist, dieser nämlich pocht auf ein homoerotisches Erlebnis.

„Was machen Sie?“ – „Ich privatisiere.“ – „Was tut man da?“ – „Mal dies, mal das.“ (111)

In diesem Aufreißer-Dialog steckt übrigens die ganze Seele Allmens.

Endlich gibt es den obligaten Toten, der Russe wird ermordet, gerade als Allmen sein Zimmer durchstöbert und einen rosa USB-Stick entwendet.

In der Folge versuchen Amerikaner und Engländer im Doppelpack den Stick zu ergattern, der rosa Diamant ist also ein geheimnisvolles Programm, das offensichtlich ohne Kopie nur auf diesem einen Stick existiert.

Natürlich gibt es Überfälle und Schlägereien auf höchstem Niveau, wobei die lädierten Körper anschließend jeweils mit exquisiten Drinks wieder ins rechte Business-Lot gebracht werden.

Schließlich rekonstruiert Allmen das „Diamanten“-Programm und erpresst sich am freien Markt eine passable Entschädigungssumme heraus. Geld spielt offensichtlich keine Rolle, denn es handelt sich um ein Geldprogramm, das für Hochfrequenzspekulationen an der Börse eingesetzt wird.

Martin Suter führt seine Figuren wieder top-fit durch die Business-Welt. Allein das Ambiente, die nichtssagenden Dialoge und die Labels als Devotionalien lassen den in primitiven Verhältnissen geistig dahinvegetierenden Leser immer wieder staunen. Letztlich ist diese Allmen-Welt ein Märchen, das gut ausgeht. Muss es auch, denn Allmen scharrt schon wieder in den Löchern für den nächsten Fall. Solange es Geld in rauen Mengen gibt, gibt es auch Märchen von seiner exzessiven Anwendung.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 0911 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Helmuth Schönauer