1.) - 2.)

Allgemeine Geschäftsbedingungen.
Roman von Martin Z. Schröder (2002, Fest).
Besprechung von Stefanie Holzer in der Frankfurter Rundschau, 2.11.2002:

Der Schatten des Körpers des Delinquenten
Zum Sozialfall gehört der Sozialarbeiter: Martin Z. Schröders brisanter Erstling "Allgemeine Geschäftsbedingungen"

Seit dem Ende der siebziger Jahre hat kaum jemand mehr gründlich in der Ecke mit den Zu-spät- oder Zu-kurz-Gekommenen, den Pechvögeln und den (Klein-) Kriminellen Nachschau gehalten, um Stoff für einen Roman zu finden. Dieser Mühe hat sich der 1967 in Ostberlin geborene Martin Z. Schröder unterzogen und ist dabei auf eine kurzweilige und für das Hier und Heute relevante Geschichte gestoßen. Schröder, der selbst als Sozialarbeiter in Gefängnissen gearbeitet hat, zeichnet in seinem Debütroman Allgemeine Geschäftsbedingungen nach, wie es so geht, wenn die von der öffentlichen Hand bestellten Verwalter der menschlichen Unzulänglichkeit, Dummheit und Bösartigkeit versuchen, ihre Arbeit zu machen.

"Wir sind Sozialarbeiter, Sinnlosigkeit darf für uns keine Alternative sein." Nach diesem Motto stellen die Sozialarbeiter denen nach, deren "Perspektive" sie zu optimieren trachten, obwohl die dergestalt Umsorgten das bisweilen gar nicht oder zumindest nicht sehr wünschen. Sprachlich fein gestrickt, zeigt uns Schröder eine Welt, die für die meisten ganz gut funktioniert. Manche allerdings verhaspeln sich auf ihrem Weg und fallen in unterschiedlich tiefe Gruben. Der jugendliche Held im vorliegenden Roman, Savio Kuszcz, ist, was man früher einen Taugenichts genannt hätte. Wiewohl er zu Beginn der Geschichte als harmloser Kaufhausdieb in den Gesichtskreis des Lesers tritt, ahnt man bereits, dass seine Zukunftsaussichten, wenn nicht ein pädagogisches Wunder geschieht, trübe sind. In der Welt der Mehrheit, die die "allgemeinen Geschäftsbedingungen" bestimmt, hat Savio ein gravierendes Problem: eine unüberwindliche Abneigung gegen die Schule. Er hat keinen Abschluss gemacht, folglich ist seine Lage schwierig und zugleich einfach, denn ohne Abschluss ist keine weitere Ausbildung möglich.

Also nimmt er Bestellungen seiner Freunde entgegen und holt verlässlich die gewünschte Ware in Kaufhäusern ab. "Diebstähle sind in den Kaufhauspreisen inklusive", rechtfertigt er sich. Eines Abends zeigt ihm seine Freundin Jenny die kalte Schulter. Übelgelaunt geht er durch Berlins Straßen und schnorrt einen jugendlichen Passanten um Zigaretten an. Dieser erweist sich als Nichtraucher. Nun begehrt Savio Geld für den Zigarettenautomaten. Der Bedrängte will Savio nichts geben, was letzteren ziemlich schnell wütend macht, so dass er den Burschen mit einem Schlag ins Gesicht doch noch in Geberlaune versetzt. Dieser Vorfall bleibt nicht unbeobachtet, und Savio landet im Jugendgefängnis.

Besonders eindrücklich in diesem Roman sind die Szenen, in denen der Autor das Wirken der polizeilichen, gerichtlichen und sozialen Ordnungshüter beschreibt. Das beginnt mit den Kriminalbeamten, die nur deswegen zur Stelle sind, um Savio zu verhaften, weil sie zuvor eine bereits in Verwesung begriffene Leiche begutachten mussten und danach zur Entspannung ein bisschen in der Gegend herumfuhren. Der gruselige Arbeitstag der Polizisten geht mit dem Vorschlag "Machst du den Raub? Dann schreib ich die Leiche" zu Ende.

Der Leser lernt den ersten Sozialarbeiter kennen, wie er sich früh morgens aus dem Bett wälzt und mit Besorgnis den Belag auf seiner Zunge studiert. Die Färbung seiner Zunge bereitet ihm mehr Sorgen als seine Klienten, denn über die macht er sich wenig Illusionen: "Die hier sind Täter." Seine junge Kollegin hat dagegen noch jede Menge Flausen im Kopf. Ihr Mitgefühl mit den Insassen verteidigt sie mit der kaum widerlegbaren Behauptung: "Man sieht nur mit dem Herzen gut."

Wie sehr sich die Sozialarbeiter auch anstrengen, was immer sie auch tun, so haben sie doch nur randlich Einfluss auf den Erfolg ihrer Arbeit. Der Ladendieb und all seine pädagogisch geschulten Betreuer inklusive der liebenden Großmutter sind eigentlich ganz nette Leute, dennoch gehen sie einem latent auf die Nerven. Der steuernzahlende Leser will hören, dass der Staat sein Geld sinnvoll verwendet. Es darf nicht ohne Erfolg bleiben, wenn die Sozialarbeiter händeringend hinter ihren Kunden herlaufen. Aber das Schlimmste ist nicht einmal, dass der ganze Aufwand nichts bringt; das Schlimmste ist, dass keiner weiß, was man sonst tun soll, als hinter den Delinquenten herlaufen, selbst wenn es häufig völlig nutzlos ist. Auf diesen brisanten Punkt läuft Schröders Roman hinaus.

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2.)

Allgemeine Geschäftsbedingungen.
Roman von Martin Z.Schröder (2002, Fest).
Besprechung von Gieri Cavelty in Neue Züricher Zeitung vom 4.3.2003:

Kleiner Fisch im grossen Netz
Martin Z. Schröders Romanerstling «Allgemeine Geschäftsbedingungen»

«Kerkernetz» nannte Michel Foucault - in seiner Schrift «Überwachen und Strafen» - das Geflecht aus Institutionen, Prozeduren und Diskursen, welches sich immer mehr von der eigentlichen Strafjustiz in den Alltag vor allem unterprivilegierter Gesellschaftsschichten fortspinnt. Wer einmal in die Maschen dieses Netzes geraten ist, findet sich mit einiger Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang im Gefängnis als dessen Herzstück wieder. In seinem Romanerstling «Allgemeine Geschäftsbedingungen» exemplifiziert Martin Z. Schröder Foucaults These am Fall des 19-jährigen Savio Kuszcz aus Berlin-Neukölln.

Der Beinahe-Analphabet ist ein gewitzter und im Grunde liebenswürdiger Kerl, der seiner Oma gerne mal ein Paar Pantoffeln schenkt und seinen Freunden Markenklamotten zum Vorzugspreis beschafft. Seit seinem Schulabgang unterhält sich Savio mit Ladendiebstählen, doch erscheint ihm das Klauen mittlerweile «schon so langweilig wie einkaufen». Auch die «Kiffer-Sit-ins» haben ihren Reiz verloren, und wenn dann noch die schöne Jenny Savio einen Korb verpasst, kann es eben passieren, dass der Verschmähte einen Passanten verprügelt und ihm etwas Kleingeld abknöpft. Weil nun aber der Überfallene der Polizei zu Protokoll gibt, Savio habe ihn mit einer Pistole bedroht, landet der vom Täter zum Opfer mutierte Teenager als Untersuchungshäftling in der Jugendstrafanstalt.

Nach sechs schlimmen Wochen wieder auf freiem Fuss, beginnt für Savio ein Leerlauf durch die sozialen Einrichtungen. Savio wird ein möbliertes Zimmer zugewiesen, das er nie bewohnt; die Hoffnung auf eine Lehrstelle zerschlägt sich rasch. Als er sich ein halbes Jahr nach der Raubtat vor Gericht verantworten muss, ist er längst wieder der alte Herumtreiber. Und obwohl er bloss zu einigen Stunden Freizeitarbeit verurteilt wird - an die Existenz einer Pistole glaubt offenbar nicht einmal der Staatsanwalt -, ist er nach Verbüssung der Strafe, um mit Kafka zu sprechen, «nur scheinbar frei»: Im letzten Kapitel des Buches sehen wir unseren kleinen Fisch bereits um einige Knoten tiefer ins «Kerkernetz» verstrickt. Savio sitzt jetzt wegen neuer Vergehen im Untersuchungsgefängnis für Erwachsene.

Die Schilderungen von Strassenszenen, die Gleichzeitigkeit von Handlungen und Eindrücken, vor allem aber der kundige Blick des Autors auf die Ränder der Gesellschaft weisen Martin Z. Schröders Roman vordergründig als einen Grossstadttext in der Nachfolge von Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» aus. Der 35-jährige Autor ist indes bescheiden genug, es bei einigen wenigen Reverenzerweisungen zu belassen. Immerhin ist der Schauplatz Berlin für seine Betrachtungen auch ohne die besagte Vorprägung prädestiniert. Denn nirgendwo in Deutschland leben mehr Sozialhilfeempfänger als in Neukölln; die Verbrechensrate in diesem Hauptstadtbezirk ist exorbitant hoch. Vor dieser Kulisse gestaltet Schröder Savios Werdegang weniger einem Gesellschaftsroman denn einer ausführlichen Sozialreportage entsprechend.

Schliesslich kennt Schröder die in «Allgemeine Geschäftsbedingungen» vorgeführten Personen aus eigenem Erleben: In der DDR geboren und aufgewachsen, hat er sich mit den Weltsichten der Gegenseite nach der Wende als Sozialarbeiter und als Praktikant in verschiedenen Berliner Strafanstalten vertraut gemacht. Heute arbeitet er als Journalist in Berlin und verfügt augenscheinlich über die kreativen Mittel, seine in den Weiten des «Kerkernetzes» gewonnenen Eindrücke zu einem stillen Skandalbuch zu verarbeiten. Schröder bemüht sich um eine rein deskriptive Darstellung. Die «Wut», welche ihn seinem Vorwort gemäss zum Verfassen des Romans getrieben hat, schimmert gleichwohl manchmal durch: Einzelne Repräsentanten des Rechts- und des Sozialstaates wirken überzeichnet; im Gegensatz dazu erscheint die Hauptfigur zuweilen konturlos. Alles in allem zeichnet Schröder Savios Fall aus dem Gesellschaftsvertrag allerdings glaubwürdig als das Produkt einer langen Kette von Prozessen, deren jeweilige Urheber weder willens noch fähig sind, über den Rand des eigenen Schreibtisches hinauszublicken.

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