Alle Wetter von Kerstin Hensel, 2007, LuchterhandAlle Wetter.
Gedichte von Kerstin Hensel (2007, Luchterhand).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 19.01.2007:

Blitzen und donnern

Ein Klassentreffen, das Gefühl am Strand, zur Qualle geworden zu sein und das fein beobachtete Schöne am Älterwerden: "Wovor sich ekelte das Kind / Damit kann es sich heute belohnen: / Mit Kuttelfleck und weißen Bohnen / Mit Sellerie und roten Rüben / Mit einer Kniebeug früh halb sieben" - Kerstin Hensel, Jahrgang 1961, macht in ihren neuen Gedichten die Lebensmitte zum Dreh- und Angelpunkt von Bildern und Wortfilmen, von Versen und guten Sätzen: "Alle Wetter".

Im Titelgedicht regnet es Frösche, aber meist geht es um Kröten, die geschluckt werden müssen. Eine DDR-Vergangenheit, aus der die alten Kader im warmen Eckchen blieben, eine Gegenwart, die keine Avantgarde mehr braucht: "Ich sehe schwimmend / Rückzug um Rückzug", nicht nur beim Bad "Im Schlachtensee". Und ein Zurückkommen, das keine Heimkehr ist.

Kerstin Hensel findet manchmal noch Fahrscheine Chemnitz - Karl-Marx-Stadt hin und zurück, kratzige Kindheitserinnerungen und ätzender Spott über Problembären, der Papst als Loreley am Rhein und Mr. Clean am Bahnhof Zoo: Das Disparate ist das Feld der Kerstin Hensel, hier raunzt die derbe Umgangssprache, dort klingelt der hohe Ton, dann wieder spielt sie mit der Haiku-Form. Manchmal springen dabei eher grobmotorische Kalauer wie "Schwanenseh" und "Horrorskop" heraus, aber meist setzt es die Verszeilen unter Spannung. Bis sie donnern und blitzen. (JD/NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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