Alle Tage Gedichte von Elfriede Gerstl, 1999, Deuticke1.)  - 2.)

Alle Tage Gedichte.
Schaustücke, Hörstücke von Elfriede Gerstl (2001, Deuticke).
Besprechung Renate Langer aus Rezensionen-online *bn*:

Lyrisches und Dramatisches von einer der bedeutendsten österreichischen Autorinnen, die immer noch zu wenig bekannt ist. (DD)

Elfriede Gerstl (geb. 1932 in Wien) ist keine weltfremde, in höheren Sphären schwebende Poetin, sondern eine genaue Beobachterin der Welt, in der sie lebt. In ihren Texten kommen Handy und Walkman ebenso selbstverständlich vor wie die Businesswoman, die sich schon zu Mittag in einer Stehbar auf gut wienerisch "eintrankerlt". Mit ihren Gedichten über den körperlichen Verfall schreibt sich Gerstl dagegen in eine große literarische Tradition ein. Unter dem trivial klingenden Titel "stress muss sein" klingt plötzlich das barocke Vanitasthema an, die freien Verse gerinnen zu Alexandrinern und erinnern an Andreas Gryphius. Pathos ist Gerstls Sache nicht, sehr wohl jedoch sarkastischer Witz und eine mitunter bittere Selbstironie. Darin sowie in der großen Sensibilität für die unerhörten Bedeutungs- und Klangpotentiale scheinbar abgegriffener Wörter und Phrasen steht Gerstl der Wiener Gruppe, vor allem aber Ernst Jandl nahe.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Elfriede Gerstl die ihr gebührende Anerkennung als wichtige österreichische Autorin zuteil wurde. Es ist zu hoffen, dass nach den Preisen nun auch die Leser/innen nicht ausbleiben.

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Alle Tage Gedichte von Elfriede Gerstl, 1999, Deuticke2.)

Alle Tage Gedichte.
Schaustücke, Hörstücke von Elfriede Gerstl (2001, Deuticke).
Besprechung Maria Renhardt aus Rezensionen-online *Sz*, 2/2002:

Warum es sich immer wieder lohnt, Elfriede Gerstl zu lesen

"ehrungen und preise nehme ich artig entgegen, unfähig mich zu freuen - ausser über zeichen von freundschaft". Lange Zeit blühte die Wiener Poetin Elfriede Gerstl nur als zarte Marginalie im Literaturbetrieb. Größere Würdigungen kommen spät, erst jetzt, wo sie sich nicht mehr allzu viel daraus macht und souveräne Distanz dazu gefunden hat. In Alle Tage Gedichte heißt es dazu: "etwas beachtung - interviews der / ganze blödsinn / der schmonzes kostet kraft / bringt kein vergnügen / zustimmung will ich jetzt / von denen die ich schätze". Nein, Elfriede Gerstl ist tatsächlich kaum ins Bild geraten, und Schablonen würden ihr schon gar nicht gerecht: "1. in diesen rahmen pass ich nicht", liest man ebendort, "2. bin ich nicht biegsam und flexibel / ... die vielen rollen die mich meinen / und verneinen / ich streue - strahle / bündel mich nach lust ..."

Zu ihrem 70. Geburtstag hat der Droschl-Verlag, der vor kurzem ihre brillante wiener mischung in erweiterter Form neu aufgelegt hat, ein profundes Dossier über Elfriede Gerstl herausgebracht. Man stößt hier auf anregende Streifzüge durch Gerstlsche Textwelten, auf Analysen, Reflexionen und Interviews, die feine Fäden in ihrem Leben und Schreiben auslegen und in ihrer Vielfalt eine polyphone Poesie besonderen Zuschnitts erhellen. Die Essays konzentrieren sich auf Aspekte ihres Romans Spielräume, auf intertextuelle Diskurse und treiben mit der Erkundung kulinarischer Motive oder mit der Betrachtung von Reisetexten und Altersthemen in interessante Bereiche ihrer Lyrik. Viele der hier aufgenommenen Texte über die Autorin (Laudationes, Vor- und Nachworte, Porträts und natürlich Rezensionen) sind bereits verstreut publiziert worden; ihre Vereinigung in diesem Band, der auch eine Bibliografie enthält, gilt als Verdienst, weil das Dossier mit dieser Nachlese an Rundheit und Vielschichtigkeit gewinnt und zugleich ein Blick auf den Rezeptionsprozess möglich wird.

Gerstl, die als Kind vor den Nazis untertauchte, sich "tot oder schon deportiert stellte", kommt auch selbst zu Wort. In ihrer Bio 2 berichtet sie über ihre Jugend in der Nachkriegszeit ("ökonomisch und kommunikativ auf sparflamme"), über prägende Lektüre und erste literarische Texte, die sie nur zaghaft vor einem Publikum auszubreiten wagte, bis sie im Berliner Hakel-Kreis "versteinerte". Denn als dort noch immer alles um die Realitätsabbildung oszillierte, fransten ihre Texte bereits in ein "filmschnittartiges und flächiges Schreiben" aus. Ein sukzessiver "schwenk zur moderne", finanzielle Sorgen und "unordentliche Wohnsitze". Es berührt seltsam, dass sie sich erst 1979 eine Wohnung nehmen, sie mit zwei Preisgeldern ablösen und darin eine Dusche installieren kann.

Wer Gerstl kennt, weiß um ihr Sprachgespür, um subtilen Witz und Pointiertheit im Auffangen von Zeitgeist, Trends und sprachlichen Codes, was sie auch in ihrem Band Alle Tage Gedichte eindringlich beweist, ob es nun ums Outen geht, um Konsumverweigerung oder um "kids". Dabei vibriert in ihren Texten eine "ironische Grundhaltung". In üppigen Metaphernhainen findet man sich selten, obwohl sie das natürlich kann ("wortstämme bestrahle ich / mit lichtfingern / im haselgestrüpp / lasse ich jetzt rascheln ..."). Generell mag sie es aber eher nüchterner, kritisch, sprachspielerisch. Gerstl ist treffsicher in ihren Diagnosen, hebelt Ideologisches aus, spannt Wörter in neue (poetische) Assoziationsnetze und lässt die Sprache auch flugs in tiefere Register kippen. Dekonstruiert wird hier ganz nebenbei.

Bleibt noch Wien als literarischer Rohstoff samt Idiom. In ihrer neuen wiener mischung steigt man u.a. in wohlig warme Wiener Klischees, die Gerstl liebevoll ironisiert. Man hat die "stadt mit ärmelschoner" vor sich und riecht förmlich das "nach veilchen und mottenkugeln / duftende / schosskind europas", dem "der balkan / in vielen sprachen / die hand küsst". Elfriede Gerstls Texte sollte man sich nicht entgehen lassen!

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