Alle Tage von Terézia Mora, 2004, Luchterhand1.) - 2.)

Alle Tage.
Kinderbuch von Terézia Mora (2004, Luchterhand).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 24.10.2004:

Buchtipp: Zehn Sprachen, zwölf Geliebte und ein Unbehauster
Terézia Moras Debütroman über Abgründe der Gegenwart

Abel Nema hat zehn Sprachen erlernt, und meist sieht es so aus, als spräche er keine. Sprachmächtig erzählt Terézia Mora in ihrem Roman Alle Tage die Entfremdungswege dieser dunklen, gut aussehenden Figur. Seine Jugendwelt, offenbar in Ostmitteleuropa, ist ihm zusammengebrochen: Der Vater hat sich aus dem Staub gemacht; der Freund wendete sich für immer ab, als Abel ihm nach der Abiturientenfeier seine Liebe erklärte; das Land zerstört sich im Krieg und zerfällt in mindestens fünf Teile. Abel, der entwurzelte Deserteur, kommt in einer fremden, vielleicht deutschen Großstadt an, in deren Zwischenwelt und wild-schmutzig-abgerissenem Ambiente. Zwar findet er Unterstützung in diversen sozialen Milieus, erhält mit den Empfehlungen eines Professors, der aus der Heimatstadt stammt, ein Begabtenstipendium, erteilt Sprachunterricht, arbeitet als Dolmetscher und heiratet sogar. Nirgends jedoch scheint er dazugehören zu können, außer in der wilden Hinterhof-Unterwelt der Sex-Kaschemme namens Klapsmühle, die von Thanos geführt wird - Eros und ein Than(at)os, dem die Mitte fehlt: In Moras symbolreicher Prosa, die geografischen Verortungen per Abkürzung das Real-Spezifische nimmt, bilden die Namen des Personals ein halbes Universum.

Niemanden lässt Abel an sich heran, außer seinen kleinen Stiefsohn Omar. Ein Zuhause gibt es nicht, also genügen zur Existenz auch unfreundliche Winkel. Kein Weg führt zu den Wurzeln zurück, also kann man ebenso geheimnisvoll dunkel dasitzen wie kreuz und quer durch die Stadt streichen. Am Anfang und gegen Ende des Romans hängt dieser Abel verletzt kopfüber an einem Klettergerüst im Park, die Füße mit silbernem Klebeband umwickelt. Als Mercedes, mit der er eine Scheinehe eingegangen war, von der Polizei gefragt wird, wann sie ihren Mann das letzte Mal gesehen habe, möchte sie antworten: "Wenn ich's mir recht überlege: noch nie."

Abel Nema, dessen Familienname sowohl "stumm" als auch "Nichts" bedeutet, kommt überall zu spät, auch zur eigenen Hochzeit, zur Scheidung. Illegal wohnt er bei einem andauernd redenden Emigranten: "Was kann ich dir sagen, das sind hysterische Zeiten! Als würde die ganze Welt Die Reise nach Jerusalem spielen. Panik, Geschiebe, Gewimmer, Gekreisch." Später kommt er, der den Geschmackssinn verloren hat, im Hinterzimmer einer Fleischerei unter, dann in einer Ecke der Probenräume bei Kinga, "zur Hälfte Armenierin", die sich als seine Patin ausgibt. Mit ihren drei Musikerfreunden fährt er kurz auf Tour, die brutal endet; zuvor war er schon von einer Bande Romakinder ausgeraubt und zusammengeschlagen worden. Dieser ausgerechnet am 29. Februar geborene, staatenlose Abel ist ein Unbehauster, wie ein dritter und ein letzter Mensch, in einer kaputten, labyrinthischen Welt, in der Kriege, jedwede Kämpfe und Orgien nebeneinander stattfinden, grau und schwarz, in tiefer Kälte und greller "Brüllhitze".

Diese Zwischenexistenz schildert die 1971 in Sopron geborene und seit 1990 in Berlin lebende Terézia Mora, die 1999 den Bachmann-Preis erhielt, in ihrem lange erwarteten ersten Roman, der durchaus sehr lesenswert ist. Alle Tage eröffnet tiefe Einblicke, zeigt ein vielschichtiges Panorama von Befindlichkeiten und Abgründen in einer Gegenwart, in der jede Art der Ortlosigkeit, der Migration, des Verlustes, der Aggression, der Resignation alltäglich ist. Mora hat eine kluge Konstruktion voller Rückblenden, einen entsprechenden, ansprechenden Duktus gefunden, dessen Stilmischung ebenso zu den zehn Sprachen Abels sowie zur Melange der Figuren, Örtlichkeiten, Erzählstränge passt wie der gelegentliche Perspektivenwechsel.

Allerdings ist Alle Tage zu langwierig geraten. Ein paar Manierismen wirken auf die Dauer unnötig umständlich ("Ihr Umfeld registriert eine gewisse, nennen wir es: Veränderung ihrer Persönlichkeit"), manches bisweilen zu stark aufgetragen (auf dem Hochzeitsfoto etwa "schaut mit interessiert zur Seite geneigtem Kopf ein Pfau ins Bild"). Abel Nema bleibt trotz des breiten Pilzrausch-Tribunals über das Ich im vorletzten Kapitel "Zentrum" eine seltsam beeindruckende und doch dünne Figur, als würde ein Automat die Lebenstrostlosigkeit vor sich hertragen. Während in anderen Kapiteln die Stimme kurz wechseln kann, von einer Er- oder Sie-in eine Icherzählung, setzt "Zentrum" mit einer Überbetonung ein: "Und ich - also: Ich - kniete mich nicht zwischen Kloschüssel und Wanne." Wie im darauf folgenden Rauschzustand tritt in einigen Passagen das Symbolhaft-Exemplarische, das Biblische und Babylonische zu angestrengt auf. Der Vater erklärte - kursiv -, er trage "das Blut sämtlicher Minderheiten der Region in sich, ein Zugereister, ein Zigeuner, ein Stimmenimitator und Abenteurer", der vor der Zeugung des Sohnes ausgerechnet zwölf Geliebte hatte, die dann als zwölf "Frauen in verschiedenen Stadien des Alterns" im Ich-Tribunal des homosexuellen Außenseiters Abel auftreten: "Der Dreizehnte bist du"; und im Park sitzen zwölf Sandler im Halbkreis, in der Mitte "thront ein Dicker, ein Knie nach Südwest/ West, eins nach Südost/Ost, als wäre er das Oberhaupt dieses zerlumpten Olymps".

Terézia Moras erster Roman bietet einen großen Sprach- und Bilderreichtum, eine wilde Reise in heutige Psychen, Existenzen und Teilwelten, will aber, ausufernd, zu viel auf einmal bemühen. Was bei der Lektüre unter die Haut gehen mag, schwächt zwischendurch eine Kunstfertigkeitsanstrengung wieder ab.

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Alle Tage von Terézia Mora, 2004, Luchterhand2.)

Alle Tage.
Kinderbuch von Terézia Mora (2004, Luchterhand).
Besprechung von Teresa Grenzmann aus dem Münchner Merkur, 29.11.2004:

Die Welt nach Babylon
Terézia Moras neuer Roman "Alle Tage"

"Sagte: ich liebe dich, sagte: ich dich aber nicht, ging davon, irrte umher, stieg auf einen Berg, kam wieder herunter, fiel, stand auf, trat ein Fenster ein, ging nach Hause, zog die Türen des Wandschrankes zu, legte sich hin." Dies ist die Geschichte von einem, der Gott suchte, weil er sich suchte. Um Ganzheit zu erfahren. "Überall Risse. I'm puzzled."

Terézia Mora puzzelt rückwärts. Sie zeigt ihrem Leser das fertige Bild, um es dann Stück für Stück, ungeordnet, auseinander zu nehmen. Am Ende, wenn sie alle Teilchen im Karton verstaut hat, klappt sie den Deckel zu - und da ist es wieder, das Bild vom Anfang: Ein Mann reglos, kopfüber, die Füße an einer Schaukel festgebunden. Nur hat jetzt jedes Puzzleteilchen eine Funktion erhalten, der Mann seine Daseinsberechtigung.

Augen wie ein "Himmel vor dem Sturm"

Moras Debütroman "Alle Tage" spielt nicht im biblischen Babylon. Aber er spielt in einer Welt nach Babylon: im Gewimmel von Sprachen. Abel Nema - übersetzt: "der Stumme" - ist ein in diese Welt Geworfener, ein nicht zu greifender Charakter. Sein konfuser Lebensweg führt vorbei an vielen "Verschwundenen": seinem Vater, den er dafür verflucht, wie Gott einst Kain verfluchte; seinem besten Freund Ilia, der Abels Liebe niemals erwiderte; dem Chaosforscher Halldor Rose, der später erzählte, er sei im Himmel gewesen.

Der Deserteur Abel, der Flüchtling aus einem anderen Land, hat Glück in seiner neuen Heimat. Wo er hinkommt, findet er Menschen, die es gut mit ihm meinen. Ein Professor verhilft dem hoch Sprachbegabten zum Stipendium; ein paar Unabhängigkeits-Piraten nehmen ihn in ihre lasterhafte Gemeinschaft auf; ein Barbesitzer breitet spendabel seine gutmütigen Fittiche über ihn. Ohne viele Worte spricht Abel ihre Sprachen. Er begegnet ihnen ohne Misstrauen - und trennt sich ohne Bedauern. "Jeder auf der Welt könnte zu mir kommen und zu mir sprechen, ich würde es verstehen. Und wenn es absoluter Nonsens wäre. Gerade erfundenes Kauderwelsch."

Darüber gibt es Mercedes, die Frau, die den kauzigen Mann mit den Augen wie ein "Himmel vor dem Sturm" geheiratet hat, damit er ein Visum erhält. Und ihren altklugen Sohn Omar, der nur ein Auge hat: "Das andere habe ich hingegeben für Weisheit." Es ist eine merkwürdige Ansammlung von lauten und wilden, leichten und poetischen Episoden. Die Autorin Mora fasst sie in einer magnetischen Kriminalgeschichte zwischen Himmelfahrt und Apokalypse zusammen. Die Übersetzerin Mora (die 33-jährige Ungarin lebt seit 15 Jahren in Berlin) versieht diese mit einer bestechenden Sprache: lakonisch mal, bedächtig gewählt; dann atemlos, ästhetisch verschränkt. Eine kunstvolle Montage, die sie dem doppelten Doppelpunkt, der Kursivierung, dem Partizip Präsens, vor allem dem Wort "später" widmet. Auch durchdringenden Bildern: in denen "ein dem Weinen nahes Lächeln aus einem Gesicht fällt".

In unentwegten perspektivischen Verschiebungen spielt Mora mit den Möglichkeiten ihrer Autorenrolle: Sie erzählt in der dritten Person und ist gleichzeitig das Ich dieser Person, das "Ich" Abel, das "Ich" Mercedes und das "Ich" einer Autorin, die in Klammern an ihrer eigenen Allwissenheit zweifelt, Erklärungen für den Leser gibt, Regieanweisungen für ihre Figuren.

"Alle Tage" lässt auch literarische Assoziationen zu: Ingeborg Bachmann, Harry Mulisch, Erich Fried, poetischen Zeilen, Formen, Zwischenüberschriften. Keine Anspielungen jedoch sind so deutlich gesetzt wie die biblischen: der Märtyrer Abel und die Sprachstadt Babel, der sein Name innewohnt, dann ein Finale-Infernale wie vorm Jüngsten Gericht. Und nicht zuletzt der Titel ihres Debütromans, "Alle Tage": "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt", verkündet der auferstandene Jesus seinen Jüngern. Bis ans Ende der Sprache, scheint Mora hinzuzufügen. Und darüber hinaus, sagt Abel, der Stumme.

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