Alles wa sich liebte von Aharon Appelfeld, 2002, Fest1.) - 2.)

Alles was ich liebte.
Roman von Aharaon Appelfeld (2002, Fest - Übertragung Anne Birkenauer).
Besprechung von Georg Patzer aus Jüdische Allgemeine:

Erwachsene sehen die Geister nicht
Aharon Appelfeld erzählt eine Kindheitsgeschichte aus Czernowitz

Wann das Buch genau spielt, steht auf der letzten Seite. Es ist wie ein Abschluß, ein dunkelster Tiefpunkt, schlimmer kann es kaum noch werden. Und doch ist es auch erst ein Haltepunkt, denn wir wissen, was noch passieren wird, nach diesem 6. Juni 1938.
Aharon Appelfeld läßt in seinem Roman Alles was ich liebte den kleinen Paul aus Czernowitz seine Geschichte und seine Träume erzählen, die wie eine Fortsetzung des Wachlebens sind, das oft wie eine Fortsetzung der Träume erscheint. Pauls Geschichte beginnt damit, daß sich seine Eltern auseinander leben: „Die Stille zu Hause war so eiskalt und starr, daß man sie schneiden konnte. Ab und zu stieg Vaters Kopf aus dieser Kälte auf, als wolle er schreien.“
Der Vater ist der ehemals berühmte Maler Arthur Rosenfeld, ein expressionistischer Künstler. Manche lobten und feierten ihn, andere verrissen ihn als „entartet“. Er prügelte sich mit ihnen, kein besonders kluger Zug, aber er war halt so. Dann resignierte er, trank, schwieg und unterrichtete Kunst am Gymnasium.
Der neunjährige Paul weiß von all dem wenig, er weiß nur, daß sein Vater immer viel arbeitete. Oft gehen sie spazieren, am Fluß, meist schweigt der Vater, selten redet er vollständige und mehrere Sätze hintereinander, oft gehen sie in ein Wirtshaus, wo er Schach spielt. Dann trennen sich die Eltern, Paul ist gerade neun Jahre alt geworden. Im Sommer fährt er mit der Mutter in die Sommerfrische, es ist eine Idylle, das Brot schmeckt gut, im Wald und am Bach ist es schön, mit der Mutter geht er schwimmen, auf dem Heimweg begegnet er einem Kalb oder einem Fohlen. Manchmal sieht er Geister, aber seine Mutter kann ihn beruhigen.
Dann bekommt seine Mutter eine Stelle als Lehrerin an der Volksschule in Storoshinez, und sie ziehen um. Hier trifft Paul zum ersten Mal auf Ju-den. Neben ihrem Haus ist eine Synagoge, und er wundert sich über die vielen schwarzgekleideten, bärtigen Männer, die so seltsam beten: „Mal rufen sie, mal schreien sie.“ Er hat Angst und fragt die Mutter, warum sie so schreien: „Damit Gott sie hört“, sagt sie. Ab und zu schlüpft der Junge durch den Zaun und redet mit den schwarzgekleideten, bärtigen Männern.
Da Paul wegen Asthmas nicht in die Schule muß, kommt Halina, ein junges ruthenisches Mädchen, das auf ihn aufpaßt und mit ihm spielt. Später verliebt sich die Mutter in Andrej, den blonden Turnlehrer, schleicht sich nachts aus dem Haus und heiratet ihn, dann wird Halina von ihrem eifersüchtigen Verlobten erschossen, Paul muß zu seinem Vater, der in einer düsteren Wohnung wohnt,
mit einem gläubigen Juden als Hauswirt. Ein alter Freund macht dem Vater Hoffnungen auf ein Comeback, unterstützt ihn mit Geld. Der Vater malt wie verrückt, kämpft mit seinen Gespenstern und malt sie. Aber er scheitert.
Immer wieder müssen in Romanen Kinder ihre Geschichte erzählen. Das ist eine schwierige Kunst für einen Autor, denn er muß genau abwägen, was sein kleiner Erzähler eigentlich wissen kann, was er wahrnimmt, ohne es zu verstehen, was ihn beeinflußt ohne daß er merkt, wie. Wenn das gelingt, kann es eine sehr erhellende Studie über Erwachsenenverhalten werden, eine Geschichte von unten, ganz wörtlich genommen, eine wie von Innen erzählte, sich langsam unbewußt verlierende Unschuld.
Appelfeld gelingt es. Es gelingt ihm, weil er eine hellsichtige, sichere, gefühlsgesättigte, dabei aber nie aufdringliche, traumverlorene Sprache hat. Es gelingt ihm, indem er seinen Paul alles erzählen läßt, was er sieht und vieles, was er träumt. Gerade daß Paul so vieles nicht versteht, macht sein Leben so deutlich. Oft fällt es ihm schwer, die Erklärungen zu verstehen. Aber er spürt genau, wie zerrissen sein Leben ist und fühlt, wie die anderen Menschen sind, die Eltern oder Halina. Halinas Erklärung, daß man den Kopf durch Singen sauber bekommt, der kalte Glanz in Andrejs Augen, die Stimmungen seiner Mutter, er fühlt es, und so ist es.
Und weil Paul von Religion nichts weiß, aber einfach und neugierig ist, kann er auch sein Erschrecken vor den dunklen Männern so klar formulieren, die so freundlich zu ihm sind und sofort wissen: „Er ist Jude, natürlich ist er Jude.“ Sie schenken ihm einen Siddur („Halt ihn in der Hand“) und einen Gebetsmantel: „Er war nicht schwer, aber kalt, und ich bekam eine Gänsehaut.“
Aber das sind die „alten Juden“, wie er mehrfach erklärt bekommt, sie glauben noch an Gott, während die „neuen Juden“, die Intellektuellen, das Bürgertum, den Glauben längst verloren haben. Auch seine Mutter tritt zum Christentum über, um ihren Turnlehrer heiraten zu können. Die „alten Juden“ kleiden sich anders, sie bewegen sich auch anders: „Ich glaube, sie haben ein Geheimnis, das sie von einem Versteck zum nächsten mitnehmen. Erst wenn sie das Geheimnis gut versteckt haben, gehen sie ins Haus und beten.“
Auch der Hauswirt seines Vaters ist ein „alter Jude“, der bedauert, daß so viele Juden nicht mehr glauben und nicht mehr beten und damit ihre Identität verloren haben. Ganz wie auch Paul, der hin und hergestoßen wird und sich anpaßt, manchmal erschrickt, weil er seinen Vater fast vergessen hat, aber alles mitmacht, neugierig und gutwillig bis zum bitteren Ende.
Die brutale Zeit, der Albtraum im Buch, wird sehr brutal angedeutet, der wachsende Antisemitismus, die Schlägereien, die sein Vater beginnt, der aufbrausend ist und sich als einer der wenigen den Antisemitismus nicht gefallen lassen. Erst am Schluß des Romans, als die Mutter gestorben und christlich begraben ist und der Vater mit Paul durch die Welt wandert, wird eine Gruppe von Juden erwähnt, die in den Bergen lebt - Widerständler, Robin Hoods oder Einsiedler, man weiß es nicht, denn auch Paul weiß es nicht.
Aharon Appelfeld beschreibt in dieser Kindheitsgeschichte, in diesem Verlassenheitsepos des kleinen Paul, der nicht einmal einen jüdischen Namen hat, ganz nebenbei auch die Stimmung der Juden in diesem Land, die paar Gläubigen, die vielen Ungläubigen. Es scheint, als wenn die Religion noch der letzte Rettungsanker ist und die Juden untergehen, weil sie keine Juden mehr sind, sich nicht organisiert wehren, sich alles gefallen lassen und sich nur noch mehr anpassen. Appelfeld schildert das alles in einer Sprache, die vieles wie in einem Traum erzählt, der Schleier liegt noch über den Augen, man sieht vieles nicht klar, vieles aber sieht man viel klarer, weil man es sofort fühlt ohne die Klarheit des Intellekts, wie die vielen Geister, die Paul sieht, die ihn erschrecken. Die anderen sehen sie nicht.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0903 LYRIKwelt © G.P./Jüdische Wochenzeitung

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Alles wa sich liebte von Aharon Appelfeld, 2002, Fest2.)

Alles was ich liebte.
Roman von Aharaon Appelfeld (2002, Fest - Übertragung Anne Birkenauer).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 28.8.2003:

Wenn alles zerbricht
Aharon Appelfeld schildert eine Jugend im Vorflackern der Katastrophe.

Unverändert meisterlich bannt uns Aharon Appelfeld wieder in die Welt seiner Jugend, des Rumäniens der unmittelbaren Vorkriegszeit. In winzigen Kapiteln von drei bis vier Seiten, wie wir sie schon aus seinem ersten in Deutsch erschienen Werk "Badenheim" (1982) kennen, schildert der neunjährige Paul in dem Roman "Alles was ich liebte" das Zerbrechen aller Verhältnisse. Mit dem ersten Satz des Buches ist die Richtung gegeben: "Vater und Mutter, sie waren nicht glücklich miteinander.

"Vater, einst gefeierter, später verfemter Kunstmaler, verlässt die Ehe, besucht aber, wortkarg und allenfalls nach einem Schnaps in der Kneipe etwas beredter, hin und wieder Paul. Die Mutter sorgt als Lehrerin für den Lebensunterhalt. Solche Geschichten passieren überall, aber Aharon Appelfeld erzählt doch eine besondere: Es geht um das Auseinanderbrechen einer jüdischen Familie in einem Czernowitz, in einem Rumänien, in dem sich schon das Vorflackern der künftigen Katastrophe am Firmament zeigt.

Erst noch genießt der kleine Paul die Fürsorge seiner Mutter, bald aber schläft die nachts anderswo. Sein Vater holt ihn ab, als die Mutter neu heiratet, und geht auf Fahrt mit ihm, in Pferdedroschken und Eisenbahnen. Manchmal gehts scheinbar aufwärts, wenn sich ein Mäzen findet, der Atelier und Kost spendiert, und Cognac natürlich. Wie der erzählende Junge seinen Zuwachs an Wissen deutlich macht und wie er uns durch die Naivität seiner Augen alles wie gerade erst erstanden sehen lässt, ist hinreißend: die merkwürdigen "alten Juden" mit ihren sonderbaren Gebeten, die hingebungsvolle christliche Frömmigkeit ruthenischer Bauern, die Bürokratie eines Krankenhauses, die aufblühende Schönheit einer jungen Frau.

Er verlernt das Hoffen nicht

Übrigens sind Pauls Eltern dem Glauben entfremdet, "neue Juden". Von guten Christen erfährt der Knabe, dass es schade um Juden, die "Prinzen Gottes" sei, wenn sie sich um Gott nicht mehr scherten; freilich gibt es auch Christen, die auf Juden Steine werfen. Es gehen viele Risse durch Pauls Welt. Am Ende ist er allein, im Juni 1938. Seine Eltern werden nicht zu denen gehören, die das große Pogrom in wenigen Jahren erleiden müssen. Um Paul allerdings, der auf seiner frühen Wanderschaft noch nicht das Hoffen verlernt hat - um ihn ist uns bange. (NRZ).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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