Alles
umsonst.
Roman von Walter
Kempowski (2006, Knaus)
Besprechung von Rainer Moritz in der Stuttgarter Zeitung
vom 01.9.2006:
Trügerische Gemütlichkeit
"Alles umsonst": Kempowski erzählt
von Verlust und Flucht
"Unweit von Mitkau, einer
kleinen Stadt in Ostpreußen, lag das Gut Georgenhof mit seinen alten Eichen wie
eine Hallig im Meer" - so setzt Walter Kempowskis neuer Roman "Alles
umsonst" ein und gibt vor, so der erste Eindruck, es trete hier ein
Nachfahr Theodor Fontanes
an, um in bedächtiger "Stechlin"-Tradition alte Geschichten aus
entfernten Landstrichen auszubreiten. Doch der Schein trügt: Walter Kempowski,
dessen Ruhm mit Recht stetig zunimmt, ist ein versierter Erzähler, der seine
Leser in Sicherheit wiegen will, ehe er eine Handlung entfaltet, die die
Bedrohung, wie sie Fontanes letztem Roman unterschwellig eingeschrieben war,
nicht mehr unter der Oberfläche zu halten vermag.
Schon der erste Dialogfetzen - "Gelegentlich müssen Sie den Efeu abmachen,
der frisst Ihnen den ganzen Putz kaputt" - signalisiert, dass es mit der
Gutsherrlichkeit auf dem Georgenhof nicht mehr weit her ist. Wo Dubslav von
Stechlin die "neue Zeit" am Horizont dräuen sah, sind die
Gutsbesitzer Kempowskis, Katharina und Eberhard von Globig, gefangen im
Schreckensszenario des zu Ende gehenden Weltkriegs. Im Winter 1944/45 spielt
"Alles umsonst"; wenige Menschen bevölkern das abgetakelte Anwesen:
Der Hausherr Eberhard ist als Offizier nach Italien entsandt und lässt Ehefrau
Katharina, eine wirklichkeitsfremde Träumerin, und den zwölfjährigen Sohn
Peter zurück, zum Glück unter der Obhut eines regen "Tantchens", das
mit resoluter Hand die immer schlechter laufenden Geschäfte verwaltet.
Wenig geschieht in der Abgeschiedenheit der Globigs. Aus dem nahen Mitkau kommt
regelmäßig der Lehrer Dr. Wagner zu Besuch, der Peter Privatunterricht erteilt
und auf Nahrungszuwendungen hofft, wohingegen der Nazirepräsentant vor Ort das
Gut misstrauisch beäugt, mutmaßend, dass die adligen Herrschaften es mit den
Staatsbürgerpflichten in heikler Kriegslage nicht so ernst nehmen und womöglich
mit den Fremdarbeitern fraternisieren. Und immer wieder gelangen Durchreisende
auf den Hof, die Abwechslung bringen: mal ein "Nationalökonom", der
lieber Tischler geworden wäre, mal ein Maler, mal eine hungrige Geigerin, die
kurzerhand mit ihren Melodien den Kriegswinter aufhellt. "So gemütlich"
erscheint dann der abgeschottete Zirkel dieser ostpreußischen Adelsfamilie, und
es ist Walter Kempowskis großer Kunstgriff, diese scheinbar kaum angekratzte
Welt in Kontrast zu setzen zu dem, was "draußen" vor sich geht. Während
die Georgenhof-Sippe so tut, als wäre die Welt gefestigt, wie es die
Kinoschlager (die den Text leitmotivisch durchziehen) suggerieren, kündigt sich
der Niedergang des Hitlerregimes an, und während man sich selbst um die
Verpflegung nicht zu sorgen braucht, versucht man wochenlang zu verdrängen,
dass die russischen Soldaten alsbald westwärts rücken werden.
"Alles umsonst" zeigt Menschen, die die Gefahr nicht sehen wollen und
die, was immer die Weltgeschichte ihnen zumutet, ihren Alltags- und Gefühlsgefängnissen
nicht entkommen können. Während die Aufgabe der Heimat unmittelbar bevorsteht,
sinnieren die Figuren immer wieder aufs Neue über weit zurückliegende
Ereignisse nach: Katharina über einen geheimen Ostseeausflug, den sie 1936, als
ihr Mann die Olympischen Spielen in Berlin besuchte, mit Mitkaus Bürgermeister
Sarkander unternahm, und Lehrer Wagner über die famos schmackhaften Flundern,
die er einst in Königsberg genoss. Oder das Flüchtlingsehepaar Hesse, dessen
Erzählen nur um den Schlaganfall kreist, den der Mann kurz zuvor erlitten hat
und dessen Symptome in zahllosen Variationen zum Besten gegeben werden.
Walter Kempowski findet für diesen überschaubaren Kosmos von Leuten, die das
Weltgeschehen nur in ihren engen Dimensionen sehen, einen Stil, der geschmeidig
und mit zum Teil kühnen Entgrenzungen arbeitet. Mal lässt er spielerisch eine
Katze reflektieren; mal vertraut er auf komische Elemente, wenn ein auf dem
Georgenhof untergebrachter baltischer Baron zur Überraschung der Dauerbewohner
seine Frau nächtens als "alte Sau" beschimpft, und mal interpunktiert
Kempowski so überraschend, dass die häufigen Fragezeichen des Textes das
psychische Durcheinander seiner angeschlagenen Helden genau wiedergeben:
"Das Tuten der Schiffe und die gebratenen Flundern, das ging Dr. Wagner
nicht aus dem Sinn. Und goldgelbe, krosse Bratkartoffeln? An sich doch ein so
einfaches Gericht?"
Aus den Fragezeichen werden bald Ausrufezeichen. Katharina lässt sich vom
Dorfpastor dazu überreden, einen zwielichtigen, dem Regime feindlich gesinnten
Mann in ihrer Kemenate zu verstecken. Sie tut dies eher aus Abenteuerlust denn
aus politischer Überzeugung - und leitet damit das Ende ihres Clans ein: Während
sich die Gutsbewohner in letzter Minute aufmachen, vor den Russen zu fliehen,
fliegt Katharinas Tat auf, und trotz aller Fürsprache landet sie im Gefängnis.
Je weiter der Treck nach Westen zieht, desto rascher summiert sich die Zahl der
Toten: "Tantchens" Kutsche wird von einer Bombe getroffen; Eberhard
nimmt sich in Italien das Leben, und auch Peters Lehrer kommt im Fluchtchaos um,
ein Tod, den Kempowski knapp und in aller Härte beschreibt: "Dr. Wagner
sprang mit letzter Kraft an die Ladeluke, aber er rutschte ab, fiel hintenüber
auf die Straße, und ein schwerer Wagen fuhr über ihn hinweg." Alles Mühen,
alles Leiden war "umsonst" . . . Peter bleibt als Waise mit ungewissem
Schicksal übrig.
Walter Kempowski, der gewiss nicht im Verdacht steht, sich an die modisch
gewordenen Themen Flucht und Vertreibung anzuhängen, hat einen eigentümlich
faszinierenden Roman geschrieben - über eine Zeitspanne, die er wie kaum ein
Zweiter kennt und der er sich, etwa in seinen "Echolot"-Bänden "Fuga
furiosa" auf ganz andere Weise genähert hat.
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