Alles über Sally von Arno Geiger, 2010, HanserAlles über Sally.
Roman von Arno Geiger (2010, Hanser).
Besprechung von Alexander Kluy aus Rezensionen-online *Literatur und Kritik*, 2010:

Tage – Jahre – Leben: Unter dieser triadischen Schlagwortreihung hatte Arno Geiger 2007 die Erzählungen in »Anna nicht vergessen« angeordnet, dem stilistisch wie thematisch leicht disparaten, manchen bezüglich Qualität und Machart zu oszillierend erscheinenden Vorgängerband seines neuen Romans »Alles über Sally«. Es war ein merkwürdiges, ja fast bizarr anmutendes Faktum, dass gerade ein eher stiller, eher zurückhaltender Autor wie der 1968 in Bregenz geborene Geiger damals hitzige Reaktionen auszulösen vermochte. Auf der einen Seite waren seinerzeit jene, die in ihm, der für »Es geht uns gut« 2005 den erstmals ausgelobten Deutschen Buchpreis erhielt, ein übergroßes Talent sahen. Und mit seiner umfangreichen Prosaarbeit würde er, so die Geiger-Anwälte, endlich unter Beweis stellen, was er könne und schon längere Zeit verheißen habe. Auf der anderen Seite der Urteilsschranke standen die, die schon damals, vielleicht stiller, vielleicht leiser, die Geschichte um Philipp und ein ererbtes Haus für überkonstruiert und Lesernerven angreifend hielten und so manches bei ihm für leeres Handwerk. Auf jeden Fall für Handwerk. Und die dies nun in seinem neuen Buch wieder fanden und reklamierten. Und Geiger ziehen ob inhaltlicher Minderkomplexität. Die eine irisierende Verschwommenheit beklagten, den Mangel an interessanter Psychologie kritisierten und in den Erzählungen eine ungenaue, sacht verrinnende Sprache zu detektieren meinten.

Beginnt man mit der Lektüre von Geigers jüngstem Roman, dann stellt sich auf den ersten 50, 60 Seiten fast unabweisbar und mit erschreckender Nachhaltigkeit der Eindruck ein, dass die zweite, dass die kritische Fraktion in der Causa Geiger Recht behält. Alles ist hier grau. Alles ist desaströs, und desaströs alltäglich. Und reichlich unattraktiv. Stilistisch, motivisch wie thematisch. Im Mittelpunkt stehen Sally und Alfred, zwei Mittfünfziger, deren Lebensbilanz so lautet: seit knapp 30 Jahren miteinander verheiratet, drei fast erwachsene Kinder, ein Haus am Rand von Wien. Sie führen eine ganz normale Ehe, die um den Nullpunkt nahezu erkalteten Interesses oszilliert. Fatalerweise fällt einem hier der fatale »kitchen sink realism« aus dem England der späten 1950-er Jahre ein, ein literarisch deprimierender Blick auf deprimierende Lebensverhältnisse. Das einzige Vexierende an dieser Richtung, die vor allem Theaterbühnen heimsuchte, war nicht ihre Kunstlosigkeit, sondern ihre Kurzlebigkeit. Geiger präsentiert sich als Hyperrealist, dem kein Detail zu klein, zu schäbig oder auch körperlich zu abstoßend oder degoutant ist, um es nicht in quälender und verquälter Präzision wiederzugeben. »Weil ihm zu heiß ist«, so eine hierfür beispielhafte Passage voller Lamento und in lamentabel ungelenker Sprache, »strampelt er die Decke von den Beinen. Sally schaut herüber, sie sieht, dass Alfred den Kompressionsstrumpf am rechten Unterschenkel auch in der Nacht getragen hat, er präsentiert ihr diese Nummer kombiniert mit einer weißen Unterhose, die Fußsohlen geradeaus auf Sally gerichtet, rechts der grau verschmutzte, ursprünglich hautfarbene Stoff, links die nackte, verhornte Haut des breiten Kuratorenfußes.«

Die dramaturgische Zäsur bildet dann ein Hauseinbruch, auf den die beiden ganz unterschiedlich reagieren. Während Alfred, der Museumskurator, sich einem enthemmten Selbstmitleid hingibt, weil er seine heimelig-bequeme Privatsphärenschale als aufgebrochen empfindet, wird Sally, die an einer Schule unterrichtet, praktisch. Arno Geiger in einer Charakterisierung dieser Figur: »Sie ist weniger verletzlich und deshalb widerstandsfähiger bei Zusammenstößen mit der Welt.« Deshalb beginnt sie auch umgehend mit Renovierungsarbeiten, bei denen sie ihre recht unterschiedlich geratenen fast erwachsenen Kinder, die ohnehin eher lieblos gezeichnet anmuten, allein lassen.

Sally ergreift zudem eine amouröse Chance und beginnt eine körperlich so heftige wie befriedigende Liebesaffäre mit ihrem Nachbarn und erfährt so neue Sinnlichkeit und eine neue vitalistische Sinnhaftigkeit. Ein Ausbruch also? Ein Ausbruch mit fatalem Ende, kennt man die französische Literatur des 19. Jahrhunderts etwas genauer? Doch Arno Geiger variiert in seinem sechsten Buch keineswegs Gustave Flauberts »Madame Bovary«, auch wenn dies als insinuierende Anspielung stets palimpsestartig durch die Textur hindurchschimmert. Am Ende bleiben nämlich Sally und Alfred zusammen. Die Tragödie mit neuzeitlich angepasster reduzierter Fallhöhe ist domestiziert, aber nicht weniger eindringlich.

Eines der Dinge, sagte Arno Geiger jüngst in einem Interview, angesprochen auf die Figur Sally, »die mich im Vorfeld am meisten interessiert haben, ist, dass Frauen um die fünfzig in unserer Gesellschaft im positiven Sinn immer auffälliger werden: selbstbewusst, interessant, klug, sexy, lebenserfahren. Der Vorteil einer Protagonistin, die nicht mehr zwanzig ist, besteht ja unter anderem darin, dass die Zwanzigjährige Teil der älter gewordenen Person ist, wie, sagen wir, ein älterer Trakt integriert ist in ein mit den Jahren beträchtlich größer gewordenes Schloss.« Wie es dem 40-jährigen Vorarlberger zunehmend gelingt, in den auf die zwei Auftaktkapitel folgenden neun kaleidoskopischen Kapiteln, in denen zumeist aus der Sicht Sallys erzählt wird, ergänzt durch einen langen inneren rauschhaften Monolog Alfreds, ein reich differenziertes Psychogramm der Hauptfiguren und ihres Lebens zu zeichnen, ist dann virtuos und sprachlich raffiniert. Und frei von überangestrengtem Pessimismus. Vor allem beeindruckt jenes Kapitel, in dem er zu den Anfängen von Sally und Alfred zurückblendet, zu ihren Jahren in Kairo. Wie hier plötzlich die Sprache pulsiert, wie lebendig die beiden sind, wie sie sich fast vom bedruckten Papier lösen, wie er auch das Wirbelnde der ägyptischen Metropole, das die beiden Protagonisten ihrerseits aufwirbelt, das macht ihm so rasch keiner nach.

Vielleicht sollte aber sein Lektor strenger werden. Schon bei »Anna nicht vergessen« wäre es mehr als ratsam gewesen, mindestens zwei, wenn nicht drei der insgesamt zwölf Geschichten gar nicht erst für eine Publikation in Betracht zu ziehen. Bei »Alles über Sally« hätte ein durchsetzungskräftigerer Lektor ihm raten können und es unbedingt auch sollen, die ersten vier, fünf Dutzend Seiten lebendiger zu gestalten. Oder die Konstruktion des Romans anders anzulegen. Unverdientermaßen werden die beiden ersten Kapitel für so manchen eine abschreckende Barriere darstellen. Auch kalkulierte gräuliche Langeweile bleibt eben – gräuliche Langeweile. Was nicht im Entferntesten das Attribut ist, das dieses Buch verdient. Offeriert es doch im Porträt eines mittleren, von Mittelmäßigkeit durchzuckten, fallenden und wieder in gedämpfter Durchschnittlichkeit landenden Lebensglücks ein mehr als nur mittelgroßes Leseglück.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0510 LYRIKwelt © Rezensionen-online