Alles über Ruth von Crauss, 2004, Lyrikedition 2000

Alles über Ruth.
Gedichte von Crauss (2004, Lyrikedition 2000).
Besprechung von Rainer Stolz im tip Berlin Nr. 21/04:

Hügelrücken und Fußabdrücke zu drei Gedichtbände
( Marion Poschmann / Andreas Altmann / Crauss )

„es war / die Bewegung einer Landschaft / die jede Vertrautheit löschte / es war ein Hügelrücken und / der Augenblick des Abwendens / des Zuwendens“ – In der Lyrik von Marion Poschmann, die 2002 mit einem Roman antrat („Baden bei Gewitter“) und nun schon ihren zweiten Gedichtband vorlegt, verschränken sich die Areale der inneren und äußeren Welt. Natur und Subjekt betten sich wechselseitig ein, zeigen und verdecken sich – „in Wäldern gewandert (...) im mächtigen Schatten der Mutter: Tannen und Untertannen“. Ob Poschmann Kindheitsorte aufsucht oder alte Fotografien neu belichtet, ob sie Körper als „Depots der Geschichte“ sichtbar werden lässt oder ein „abgehalftertes Land“ betrachtet: stets sind es Akte der Sprachkunst auf hohem Niveau. Dabei wirken sie kaum darauf getrimmt, da in den Kräfteverhältnissen dieser Gedichte verschiedene Gegengewichte mitwirken: ein Augenzwinkern, ein Wortwitz, ein Stolperstein wie „Blumenstau“, eine Wendung ins Magische oder Absurde („in dieser Nacht erschlug ich mehrere knallblaue Wichtel“). Wer sich dem Rhythmus dieser Gedichte, rastlos, aber ohne Hast, überlässt, entdeckt mancherlei „Wertgegenstände / für Leute die selten zuhause sind“.

Andreas Altmann bescheidet sich eher mit einfachen Worten wie Baum, Schatten, Stimmen, Wege, Schnee, die neben und mit dem lyrischen Ich agieren: „nachts / hängt sich der teich an das fenster, / schwimmt blätter vom baum. / ich seh ihm ins wasser, er / taucht mich ein.“ Seine Sprache ist schlicht und komplex zugleich. Bilder entfalten sich in aller Kürze („fenster sortieren den wind“). Gut justierte Mehrdeutigkeit („wir verschreiben uns die kindheit“), raffinierte Zeilenbrüche, Verkehrungen und Verschiebungen des gängigen Wortgebrauchs geben den Gedichten ihren Schliff, ihren unverkennbaren Duktus. Eine Auswahl aus den bisherigen drei Bänden Altmanns, die gerade in der Lyrik-Reihe des Rimbaud Verlags erschienen ist, zeigt das deutlich. Bei dieser Lektüre wird man ruhig, sammelt sich und geht den Pfaden der Worte und ihrer Bedeutungen bereitwillig nach. Auch wenn die Gegenden oft traurig wirken – verfallene Häuser, Abschiedsszenerien – hält man gern inne und setzt auch mal einen Schritt zurück, bevor man weiterschreitet, mit geweiteten Augen: „blind / stechen blitze ins tageslicht. wir suchen / den passenden stand in den schritten. wo die luft / klar in den worten steht.“

Die Gedichte von Crauss dagegen ziehen einen mit, ihr liedhafter Rhythmus, ihr Sprachfluss. Doch wo man landet, ist es anfangs recht unheimlich, bei Schwarzen Witwen etwa. Bis das Hauptthema des Buches sich durchsetzt: Momentaufnahmen von Freund- und Liebschaften, die meist vorbei sind – „mein liebster platz war später / der abdruck deines nassen nackten fusses / kurz hinter der wohnungstür“. Fast „alles reimt sich / auf sehnsucht“ in den Stimmungsbildern dieser Sammlung, auch Sex: „ein traum: wenn man sie rumkriegt, / knacken die ärsche. alles frisch, / alles frisch, ruft ein melonenverkäufer kurz / vor feierabend“. Im Vergleich zum ersten Band „Crausstrophobie“, der ebenfalls in der Lyrikedition 2000 herauskam, scheint Crauss seine Experimente hier weitgehend zurückzustellen. Zwar spielt er manchmal noch mit eigenen und auch mit fremden Motiven, virtuos wie gewohnt, aber vorwiegend erzählt er sehr direkt und nahezu ungebrochen: „die liebe ist ein scheiss hör ich mich fluchen / der morgen muss irgendwann dämmern. / der horizont verschwimmt mir in tränen / es regnet verzweifelt.“ Man kann das als Rückschritt verbuchen oder es mutig nennen. Aber vielleicht sind die Grenzbereiche zum Banalen, zur Privatnotiz, zum Kitsch auch sein jetziges Experimentierfeld. Überschreitungen kommen schließlich nur vereinzelt vor, wie bei „enno spielt wieder gitarre“ – und darüber lässt sich dann immer noch streiten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rainerstolz.de]

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