Alles kein Zufall von Elke Heidenreich, 2016, HanserAlles kein Zufall.
Erzählungen von Elke Heidenreich (2016, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 01.03.2016:

Die Erinnerungen der Elke Heidenreich: "Alles kein Zufall"
Sie hat erst die Metzgersfrau Else Stratmann erfunden und dann sich selbst: Elke Heidenreich (73), Talkmasterin, Herzensleserin, Autorin. Als Literaturpäpstin hat sie Bestseller gemacht, hat Millionen eigener Bücher verkauft. „Alles kein Zufall“, meint sie – doch wer unter diesem Titel die große Autobiografie erwartet, wird enttäuscht. Heidenreichs „kurze Geschichten“ sind Schlaglichter, Erinnerungsfetzen, Kuriositäten – Grüße aus dem Zettelkasten des Lebens.

Es hat wohl mit der Mutter zu tun, die alles wegwarf (sogar das Spielzeug der kleinen Elke): „Ihre Tochter wurde eine, die alles hortete – Fotos, Bilder, Briefe, Andenken, alles wurde in Kisten und Kästen verwahrt, und als sie alt war, versank sie ihnen, murmelte und las und kramte und schaute.“ Und findet: Erinnerungen an den Großvater Albert, Schweißer bei Krupp. An die elterliche Wohnung in Essen, an Müll und Dreck im Hof und den Balkon, der im Winter Speisekammer war. Küche, kein Bad, Klo eine Treppe tiefer

An die Mutter, die die Oper liebte und sonntags das Wunschkonzert hörte. Sie nähte dabei, Vorhänge aus rotem Samt für die neuen Kinos. Also trug Elke Samtjacken (etwas fiel immer ab), wenn der Vater sie mit frisch reparierten Luxusautos von der Schule abholte – er war Automechaniker. Elke galt als Prinzesschen, dabei fuhr sie nur „in ihr trostloses Zuhause, fünf Personen, die sich hassen, in zwei Zimmern mit Küche, kein Bad, Klo eine Treppe tiefer.“

Der Vater zog aus, nie wieder sprach die Mutter ein Wort mit ihm. Selbst zu seiner Beerdigung kam sie nicht, aber es gab einen geheimnisvollen Rosenstrauß: „Diese Rosen leuchteten wie mein ewig in Amouren verstrickter Vater in seinen besten Jahren.“

Prägenden Momente der Kindheit im Revier

Und vielleicht ist dies doch eine große Biografie – um die langweiligen Teile entschlackt, aufs Wesentliche konzentriert: die prägenden Momente der Kindheit im Revier. Die Liebschaften einer „schnell entflammbaren“ Frau. Höhen und Tiefen freundschaftlicher Verbindungen. Ihr Ton ist lakonisch: „Alle wollen immer glücklich sein“, schreibt sie: „Mein Unglücklichsein aber war und ist die Quelle aller Kreativität, was ich schreibe, was ich denke – es kommt immer aus Ecken, wo es dunkel ist und weh tut.“ Aber ein Arbeiterkind sein? „Ich habe das nie als Schande empfunden, höchstens als Mangel an Möglichkeiten – man musste sich mehr anstrengen, um an die Bücher und die Bildung ranzukommen.“

Heute gehört Elke Heidenreich ein grüner Jaguar, Kennzeichen: K-R 3506. Ihr Vater Karl Rieger wurde am 3. 5. 1906 geboren. „Ich steige ein in meiner roten Samtjacke und sage: Hallo Karl, hallo Paula, hier bin ich. Ihr habt alles richtig gemacht. Danke.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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