Alles ist gut.
Roman von Helmut Krausser (2015, Berlin Verlag).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 18.08.2015:

Ekstase mit Klamauk und Toten
Helmut Kraussers neuer Roman "Alles ist gut"

Im Hinterhof sprießt der Spitzwegerich und im zweiten Stock haust Marius Brandt wie eine Spitzwegfigur. Berlin-Kreuzberg: Unten rumpelt das Rollkofferpack zu den nicht ganz legalen Ferienwohnungen. Ein Bisschen Ruhe gibt es nur ganz tief in der Nacht. Ruhe aber braucht Marius Brandt, denn sein Handwerk ist das des Komponierens. Als trinkender Nachtarbeiter geht er ihm nach, erfolglos und Werke hervorbringend, die zum Beispiel "Glitzernde Finsternis" heißen und im besten Fall bei YouTube auftauchen.

Vorsichtshalber hat er vor Jahren den Taxischein gemacht. Unvorsichtigerweise nämlich hatte er vor noch längerer Zeit einen Essay in einem Fachmagazin veröffentlicht, in dem er sich zurück zur Tradition bekannte, gegen Adorno schoss und gegen den Rest der atonalen Pseudoavantgarde auch. Das katapultierte ihn ins Abseits.

Doch wie es dann passieren kann in so einem Leben mit einem gewissen Grad an Verwahrlosung, erscheint aus dem Nichts eine wahre Lösung. Auf Marius Brandt gekommene Notenautografen in einem historischen Ledertäschchen erweisen sch als Schatz von höchster Bedeutung. Ihre kryptografische Enträtselung lässt den Komponisten die Melodie seines Lebens finden.

Überzeugungstäter Marius Brandt ist ein Mann genau nach dem Geschmack von Helmut Krausser. Einst - und seither immer wieder - hatte der in seinem grandiosen Roman "Melodien" die Macht der Musik herauspräpariert. Nun sendet er diesem Opus einen Nachklapp hinterher, der sich mal schnoddrig, mal satirisch liest, immer wortgewaltig bleibt und von einer Mission beseelt. Wieder geht Krausser in einem parallel geschalteten historischen Strang zurück bis zum Kastratensänger Pasqualini ins 17. Jahrhundert und verfolgt von dort, wie besagte Notenschrift von Hand zu Hand ging bis in unsere Gegenwart.

Zu solchem Ende blendet Krausser Slapstick neben Brutalität, historische Religionstoleranzgespräche neben Gegenwartsklamauk, führt ins Warschauer Ghetto, zu päpstlichen Nuntien, Rabbinern, SS-Schergen. Es treten auf ein russischer Oligarch mit mäzenatischem Impetus, einige Sterbende, leibhaftige abendländische Dämonen und Helmut Krausser höchstpersönlich. Sympathisch ist er nicht mit seinen Allmachtsfantasien. Kann es auch nicht sein, viel zu ambitiös ist sein großes Opernrückholprogramm, mit dem er die höchste aller Künste zurückführen will zu Ekstase und Publikumsverzückung.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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