Alles ist erleuchtet von Jonathan Safra Foer, 2003, Kiepenheuer & Witsch1.) - 4.)

Alles ist erleuchtet.
Roman von Jonathan Safran Foer (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Dirk van Gunsteren)
Besprechung von Angela Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 15.03.2003:

Eine Welt daneben
Jonathan Safran Foers finstere Erleuchtungen

«. . . und ich habe das Wörterbuch, das du mir geschickt hast, erschöpft, wie du es mir auch geraten hast, wenn meine Wörter zu klein oder zu unanständig waren», heisst es in der deutschen Übersetzung von Jonathan Safran Foers Erstlingsroman «Alles ist erleuchtet» - dem nicht zuletzt dank der hier sich andeutenden sprachlichen Schräglage in den USA ein fulminanter Erfolg beschieden war. «I fatigued the thesaurus you presented me», steht an dieser Stelle im Original: Und da liegt schon eine feine Fussangel für den Übersetzer bereit. Ein Thesaurus kann zwar auch ein gewöhnliches Wörterbuch sein, doch wird man unter diesem Begriff in erster Linie ein Nachschlagewerk verstehen, das für die angeführten Wörter eine Anzahl Synonyme oder sinnverwandter Begriffe bereitstellt; ein gewöhnliches Wörterbuch wäre ein «dictionary». Die kuriosen, charmanten, gelegentlich hintersinnigen Wortverschiebungen, mit denen Alex - der Benutzer des sprachlichen Hilfsmittels - sich allmählich ins Herz des Lesers schreibt, lassen eher darauf schliessen, dass er seinen Wortschatz bei Bedarf mittels eines Thesaurus angereichert hat.

Für die deutsche Fassung des Romans zeichnet mit Dirk van Gunsteren ein erprobter und bewährter Übersetzer moderner amerikanischer Literatur verantwortlich. Dass er im erwähnten Fall das gestelzte «Synonymwörterbuch» nicht ins schwankende Gebäude von Alex' Prosa einliess, ist fraglos stimmig; doch ist diese sprachliche Zurücknahme zugleich auch symptomatisch für das Verhältnis zwischen Original und Übertragung. Der Textvergleich weist zwar durchaus die Feinhörigkeit des Übersetzers aus, doch mancher kleine Schlenker und Hüpfer wird stillschweigend begradigt - was umso mehr erstaunt, als solche Passagen eigentlich ein rares und einladendes Tummelfeld für den Sprachgeist geboten hätten. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass van Gunsteren dieser Aufgabe nicht hätte gerecht werden können; so wird man sich eher überlegen, ob der Übersetzer seine Entscheidungen im Blick auf die ihm anvertraute literarische Materie gefällt haben könnte.

«Ich muss dich informieren, Jonathan, dass ich ein sehr trauriger Mensch bin. Ich glaube, ich bin immer traurig. Vielleicht bedeutet das, dass ich gar nicht traurig bin, denn Traurigkeit ist etwas, das tiefer ist als der normale Zustand, und ich bin immer gleich.» Wieder ist es Alex, der schreibt - und dabei, wie schon zuvor, seine stets mit «Redlich: Alexander» signierten Briefe an Jonathan Safran Foer, seinen (tatsächlichen) Schöpfer und (fiktionalen) Freund, richtet. Der Roman präsentiert sich als Gemeinschaftswerk, im Turnus verfasst von Alex und einer Ich-Projektion des Schriftstellers, die auch im Buch unter seinem Namen auftritt. Eingestreut in dieses work in progress, begleiten Alex' Briefe an Jonathan den Gang des Buchprojekts mit einer manchmal herzzerreissend naiv-kritischen Reflexion; gleichzeitig markieren sie eine sprachliche und persönliche Entwicklungsgeschichte, die dann etwa zu jener abgründigen Einsicht ins durch pure Dauer inflationierte Seelenleid führt.

Doppelte Leerstelle

Der Rahmen von «Alles ist erleuchtet» wurde in der Realität ausgesteckt: Jonathan Safran Foer, 1977 in Washington geboren, war mit neunzehn Jahren in die Ukraine gereist, um dort den Spuren seiner jüdischen Vorfahren nachzugehen (vgl. NZZ vom 22. 2. 03). Die Suche war vergeblich; mit dem Roman hat Foer dann die doppelte Leerstelle in der Familiengeschichte und der eigenen Biographie auszufüllen versucht.

Fiktiv ist also die Figur Alex', des ukrainischen Altersgenossen, der zunächst dank seinen Englischkenntnissen als Übersetzer für den Besucher aus den USA abkommandiert und dann zu Jonathans Freund und Co-Autor wird; fiktiv Alex' versoffener, prügelnder Vater und die verhuschte Mutter, die in einem Café serviert; fiktiv auch der verwitwete und «verrentete» Grossvater, der aus der Sofaecke aufgescheucht wird, um für Jonathan den Chauffeur zu machen, sowie die überkandidelte Hündin, die zu Beginn des Romans für einige Slapstick-Einlagen sorgt. Und noch etliche Stufen ferner von der Realität ist die Shtetl-Phantasmagorie, die Jonathan Safran Foer über der Leerstelle seines Herkunftsortes - im Roman heisst er Trachimbrod - errichtet: Sie hat mit ostjüdischen Lebenswelten so wenig zu tun wie mit der gegenwartsnäheren Erzählebene, in der sich Alex' Alltag und Jonathans Spurensuche abspielen, oder mit dem Mahlstrom des Holocaust, der am Ende Vergangenes wie Heutiges in seinen Sog reisst.

Während der Alex zugewiesene Teil des Buches die gemeinsame Irrfahrt rekapituliert, welche Jonathan zuletzt aufs Terrain des ausgelöschten Städtchens Trachimbrod und zur Hüterin eines so gespenstischen wie poetischen Reliquiars der dort ermordeten Juden führt, bleibt Jonathan die mythisch-surreal überhöhte Nachschöpfung des Ortes und seiner Bewohner vorbehalten. Da mischt sich Schrulliges - die Teilung der jüdischen Gläubigen in «Aufrechte» und «Wankler», die vorübergehende Verbannung des weiblichen Teils der Gemeinde unter einen gläsernen Boden, die je nach Mass der im Städtchen gelebten Frömmigkeit verschiebbare Synagoge - mit der Bitterkeit einer fortlaufenden Reflexion über die Unmöglichkeit der Liebe. Diese wäre einem wohl noch näher gegangen, wenn Foer hier das eine oder andere phantastische Beiwerk beiseite gelassen und etwa den Undinenleib seiner Ahnfrau Brod nicht schon im Kindesalter in den Status der Universalgelehrten gestemmt hätte. Wenn erzählt wird, wie Brods Ungenügen an Welt und Menschen sie am Ende dazu treibt, statt diesen nur mehr die «Idee der Liebe» zu lieben - und damit quasi allein sich selbst als Liebende -, ist das ein Warnsignal, welches man durchaus auch Menschen aus Fleisch und Blut in den Weg stellen könnte.

Diaspora der Seele

Brod, heisst es, habe sich damit entschieden, «ein Leben zweiten Grades zu leben, in einer Welt, die nur eine Verwandte zweiten Grades einer Welt war, in der alle anderen zu existieren schienen». Diese Dissoziation spiegelt bis zu einem gewissen Mass die Grundbefindlichkeit des Romans wider: Sowohl Jonathans fiktives Trachimbrod als auch Alex' anfängliche linkische Versuche, die eigene Person und Existenz ein wenig schönzuschreiben, lassen sich als Manöver, in ein imaginäres «Leben zweiten Grades» auszuweichen, lesen. Und wo Jonathan sich aus den Trümmern einer untergegangenen Zeit seinen Nicht-Ort in der Ukraine schafft - nicht umsonst beginnt seine Beschwörung Trachimbrods mit einem Wirbel von Garnspulen und Spitzen, Schirmspeichen, Spiegelchen und Pincenez, die vom abgesoffenen Wagen eines Hausierers an die Oberfläche des Flüsschens Brod gespült werden -, fixieren sich die Hoffnungen des ukrainischen Altersgenossen auf die Vereinigten Staaten: Statt, wie er zu Beginn grosstuerisch behauptet, sein Geld in «berühmten Nachtklubs» zu «verbreiten», stopft Alex die Scheine heimlich in eine alte Keksdose, um sich eines Tages mit seinem kleinen Bruder ins «Greenwich-Shtetl» abzusetzen, dortselbst ein guter Buchhalter zu werden und eine Stereoanlage sowie einen «übereindruckenden Wagen» zu besitzen. Der Traum wird zuletzt still verabschiedet; doch ist Alex als Einziger dem näher gekommen, was er in der Arbeit am Buch - und in der immer zornigeren Auflehnung gegen das Jonathans Figuren auferlegte Liebesversagen - als Liebe erkennen gelernt hat....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © NZZ

***

Alles ist erleuchtet von Jonathan Safra Foer, 2003, Kiepenheuer & Witsch2.).

Alles ist erleuchtet.
Roman von Jonathan Safran Foer (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Dirk van Gunsteren)
Besprechung von Carsten Hueck aus Jüdische Allgemeine:

Vexierbild mit Schtetl
Ein Roman wie ein Trip: Jonathan Safran Foers Debüt „Alles ist erleuchtet“

Jonathan Safran Foer sammelt leere Manuskriptseiten. Seit Jahren bittet er namhafte Autoren, ihm welche zu schicken. In seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Queens zieren sie, sauber gerahmt, die Wände. Sie stammen von Paul Auster, dessen Frau Siri Hustvedt, von Susan Sontag oder dem Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer. Einige sind liniert, andere blanko, manche lagen bereits zerknüllt im Papierkorb. Ein Blatt erinnert mit dem Abdruck einer klebrigen Kaffeetasse an japanische Zen-Malerei.

„Je mehr es sind, desto besser wird es“, freut sich Foer. „Sie sprechen miteinander. Durch sie mache ich mir klar, daß ich viel mehr leere Seiten vor mir, als beschriebene hinter mir habe.“
Foer ist ein Exzentriker. Er war es schon, bevor er in die Pubertät kam. Als Elfjähriger begann er, fremde Menschen mit Postsendungen zu bombardieren. Zur Zeit verschickt er Ziploc-Säckchen mit goldenen Kugelschreibern und der Bitte, die Empfänger mögen etwas über sich schreiben. Foer nennt das „Das Selbstporträt-Projekt“.
Als „geborenen Surrealisten“ charakterisiert Joyce Carol Oates den heute Fünfundzwanzigjährigen, den sie an der Universität Princeton in Creative Writing unterrichtet hat. Viermal hintereinander gewann er dort mit Eigensinn, Witz und handwerklichem Können den Preis für die beste Story. Sein Romandebüt im vergangenen Jahr machte Foer dann zum Wunderkind des amerikanischen Literaturbetriebs. Everything is Illuminated, wie der Roman im Original heißt, brachte seinem Autor den satten Vorschuß von einer halben Million US-Dollar ein. Die amerikanische Kritik lobte den mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzten Roman überschwänglich. Zu recht. Foer ist ein literarisches Supertalent. Ein begnadeter Fabulierer und schüchterner Pornograph, frecher Comictexter und weiser Talmudist. Mit beeindruckender Chuzpe bewegt er sich durch unterschiedliche Erzählebenen, verflicht Parallelhandlungen, jongliert mit sämtlichen literarischen Genres. Selbst seine postmodernen Sprachexperimente sind unterhaltsam. Indem Foer eine wundersame, desaströse Reise beschreibt, dabei Mythen, Fiktion und Realität vermischt, entwirft er ein Selbstporträt, verfaßt ein Buch über Liebe, Schuld, Freundschaft, die Wahrheit und die Schoa - alles in einem.
Die Idee zu dem Buch kam dem Enkel von Schoaüberlebenden nach einer Kurzreise in die Ukraine. Im kleinen Ort Trachimbrod suchte er nach Spuren seiner Vorfahren. Völlig erfolglos. Der totalen Abwesenheit irgendeiner Verbindung verdankt sich der Roman: „Wenn meine Suche erfolgreich gewesen wäre, hätte ich die Geschichte nicht schreiben können. Weil ich überhaupt nichts fand, konnte meine Phantasie arbeiten.“
Die ist grenzenlos: In Foers Roman kann man jahrelang mit einem Sägeblatt im Kopf herum laufen. Oder aus der Apollokapsel heraus koitierende Paare als Lichtpunkte auf der Erde bewundern. Foer erfindet seine eigene Realität. Assoziativ und poetisch, schrill und widersprüchlich. Vertraut mit Talmud und Tora, beseelt von Neugier und dem Humor der großen jiddischen Erzähler, verbindet er unterschiedliche Stimmen über zwei Jahrhunderte hinweg zu einem Kanon voller Magie und Lebendigkeit.
Bis er den Roman schrieb, gibt Foer zu, sei er ein „nichtpraktizierender Jude“ gewesen. Er habe auch kein großes Interesse an seiner Vergangenheit gehabt. „Ich hielt eine ironische Distanz zur Religion und war allem gegenüber skeptisch, was mit ‘jüdisch’ bezeichnet wird.“ Mit Anfang zwanzig aber begann er - zur eigenen Überraschung - genealogische Fragen zu stellen und sich für seine Wurzeln zu interessieren. Immer noch - nicht ohne Koketterie - zeigt er sich überrascht, daß man ihn für sehr jüdisch hält, würdigt aber inzwischen den jüdischen Anteil seines Wesens.
Dem Roman liegt ein grundlegender Dualismus zugrunde: Das Nebeneinander von Witz und Katastrophe, Licht und Schatten. In jeder Epoche, jedem Land, jedem Menschenleben. Und die Einsicht, daß alles immer ganz anders ist, als man es sich vorstellt. Foer zitiert die Tora auch formal, arbeitet mit vielfältigen Rückgriffen, Einschüben, Wiederholungen, Dialogen und sich widersprechenden Ansichten. Statt der 613 Mizwot etwa führt er die 613 Traurigkeiten seiner Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter auf.
Alles ist erleuchtet wird von drei Handlungsfäden zusammengehalten: Da ist erstens die Suche des Romanhelden - der auch Jonathan Safran Foer heißt - nach „Augustine“. Sie soll seinen Großvater in der Ukraine einst vor den Nazis gerettet haben. Zweitens gibt es die Historie des Schtetls Trachimbrod, die er nach seiner Rückkehr in die USA in Form eines Romans erfindet. Und drittens der Briefwechsel zwischen ihm und dem gleichaltrigen Ukrainer Alex. Dieser hatte als Dolmetscher, gemeinsam mit seinem blinden Großvater und dem liebestollen Hund Sammy Davis jr. jr., vergeblich versucht zu helfen, „Augustine“ zu finden.
Die Briefe des fiktiven Helden Foer enthalten einzelne Kapitel seiner Trachimbrod-Geschichte. Alex schickt Kommentare und Korrekturvorschläge zurück. Er erzählt dabei auch die eigene Familiengeschichte im postsowjetischen Alltag in einer verzerrten Sprache, die sowohl erheiternd wie erhellend ist. Die deutsche Übersetzung bewahrt den Witz des Originals. Während Romanheld Foer die Geschichte seiner Ahnen - damit auch die eigene Identität - erfindet, entfernt sich der ehemalige Aufschneider Alex immer weiter von der Fiktionalisierung seines Lebens. Beide kommen sich selbst auf jeweils entgegengesetzten Wegen näher. Ihre Wahrheit, sagt Foer, ist nicht logisch, sondern Ergebnis individueller Erfahrung. So wie der Autor seine Geschichte und Figuren erfindet, erschaffen die sich selbst. Jeder ist Schöpfer, jeder beginnt neu, in jedem Moment.
Jonathan Safran Foer erzählt mal anrührend, mal zotig, dann wieder in philosophisch-theologischen Diskursen. Spielerisch, tiefgründig und mit einer Souveränität, die man angesichts seines Alters nur bestaunen kann. Vergangenheit und Gegenwart verschmilzt er zu einem Buch des Lebens. „Einen leuchtenden Bogen von Unkenntnis zu Wissen, von Blauäugigkeit zu Weisheit“ will er schlagen. Das gelingt ihm. Ob der Respekt vor der Wahrheit eines jeden einzelnen Lebens am Beginn der Suche nach Erleuchtung steht oder deren Ergebnis ist, verrät der Autor nicht. Man kann sein Buch von hinten nach vorne oder umgekehrt lesen. Erleuchtung findet man, scheint es zu sagen, in jeder Richtung. Manchmal sogar in der Leere. Damit fängt nämlich alles an. Auf leeren Seiten und bei der Schöpfung.

...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung

***

Alles ist erleuchtet von Jonathan Safra Foer, 2003, Kiepenheuer & Witsch3.)

Alles ist erleuchtet.
Roman von Jonathan Safran Foer (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Dirk van Gunsteren)
Besprechung von Christine Diller in Münchner Merkur vom 24.04.2003:

Der Traum vom sagenhaften Schtetl
Jonathan Safran Foers Roman-Erstling

Ein "Jünglingswunder"? Ein 26-jähriger Autor, 383 gelungene Romanseiten und Jubel-Kritiken. Viel mehr aber hat das Erstlingswerk des Amerikaners Jonathan Safran Foer, "Alles ist erleuchtet", nicht gemein mit der melancholisch Zigarettenrauch atmenden Erlebnispoetik der schreibenden Fräulein hierzulande. Denn Foer beugt sich nicht gerührt oder angewidert über die eigene Befindlichkeit.

In Schwindel erregender Weise umkreist er die Seelenlage einer ganzen Großvätergeneration, zu der die jüdischen Einwohner eines ukrainischen Schtetls, dort einfallende Nationalsozialisten sowie ihre unwilligen Helfer zählen. Und bei deren unmittelbaren Vor- und Nachfahren macht der Autor noch lange nicht halt. Ein 26-jähriger Amerikaner ist nicht nur "Held" des Romans, die ukrainischen Gastgeber nennen ihn auch so. Eigentlich hat Foer ihn Jonathan Safran Foer getauft - autobiografische Absichten bleiben jedoch Spekulation.

Dieser "Held" macht sich auf die Suche nach einer Frau, die den Großvater vor den Nazis gerettet haben soll. Erzählt wird das aus der Perspektive eines jungen Ukrainers: Sein Vater arbeitet bei einem Reisebüro, und weil sich kein professioneller Reiseführer findet, sollen Alex und sein Großvater Jonathan begleiten. Alex behauptet, an der Uni "maßlos gute Leistungen" in Englisch gehabt zu haben - dementsprechend lesen sich seine Passagen.

Das sind einerseits die Buchkapitel, in denen er von der Autofahrt zu dem von den Nazis zerstörten Schtetl erzählt: auch sprachlich ein Abenteuer für den Helden. Zum anderen setzt Alex seine irrwitzigen Schreibversuche in Briefen an Jonathan fort, als dieser bereits zurück in den USA ist. Alex ist ein Witzbold, Aufschneider und Blender. Dass er allerdings bei seinen Schilderungen diese, im Deutschen an Werner Schwabs Sprachverunstaltung erinnernde Komik entwickelt, ist wohl seinen leidlichen Englischkenntnissen zu verdanken.

Ein denkwürdiges wird zum "tragweiten" Jahr, man "verbreitet" Geld statt es zu verschwenden und schafft es nicht, stets "wahrheitlich" zu sein. Alex' vor Fehlern strotzende Sprache, die Dirk van Gunsteren mit Virtuosität ins Deutsche übertragen hat, konterkariert Stolz und Wichtigtuerei dieses Schelmen, unterstreicht seine Nachlässigkeit, vertuscht seine Tricksereien. Während Jonathan sich in den dazwischen liegenden Kapiteln ein Schtetl zusammenfantasiert, wie es seiner Sehnsucht nach einer sagenhaften, untergegangenen Welt entspringt.

Liebevolles Buch über den Holocaust

Wunderlich sind sie allesamt, diese Großmütter und -väter, die während des Ertrinkens ihrer Eltern im Fluss geboren werden oder nach einem Mühlen-Unfall mit dem Sägeblatt im Kopf weiterleben. Der moderne Schelmen- sowie der historische Roman, die fantastische Erzählung und folkloristische Legenden sind Foers Materialien, aus denen er große Holocaust-Literatur geformt hat - letztlich verbindet die Figuren "nur" die gemeinsame Geschichte der Judenvernichtung. Ein liebevolles und versöhnliches Buch ist dem Autor damit gelungen, das sich die Erfahrungen der Ahnen nicht anmaßt oder sie altklug kommentiert, sondern mit Würde und Witz bewahrt.

...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © Münchner Merkur

***

Alles ist erleuchtet von Jonathan Safra Foer, 2003, Kiepenheuer & Witsch4.)

Alles ist erleuchtet.
Roman von Jonathan Safran Foer (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Dirk van Gunsteren)
Besprechung von Karsten Herrmann aus dem titel-magazin:

Die schwarze Materie der Gefühle

Der junge Amerikaner Jonathan Safran Foer legt ein ebenso wagemutiges wie faszinierendes Debut vor.
Jonathan Safran Foer ist der Shooting-Star und der Hoffnungsträger der jungen amerikanischen Literatur: Annähernd 500.000 Dollar strich der 25jährige für sein in den USA schon 100.000 mal verkauftes Debut ein, das jetzt unter dem Titel "Alles ist erleuchtet" auch auf Deutsch erschienen ist.
Um es gleich vorweg zu nehmen: "Alles ist erleuchtet" ist ein verwegener, tief berührender und darüber hinaus auch erstaunlich weiser Roman. Er nimmt seinen Ausgang von einer Reise, die der 20jährige Foer in die Ukraine unternahm, um im kleinen Schetl Trachimbrod eine Frau zu finden, die seinen Großvater vor dem Holocaust gerettet haben soll. Die völlig naiv begonnene Suche führte, wie Foer freimütig resümiert "zu nichts und wieder nichts" - und bildete eben darum das ideale Sprungbrett für einen Roman voller ausschweifender, exorbitanter Imaginationen.

Tief berührend und erstaunlich weise

Aus dem gleichen Grunde wie kurz zuvor der wirkliche Jonathan Safran Foer kommt dessen gleichnamiger Roman-Held in die Ukraine. Als Reiseführer begleiten ihn auf seiner Suche der junge Alexander, dessen halb blinder und griesgrämiger Großvater sowie die liebestolle Hündin Sammy Davis Jr. Jr. In einem klapprigen Auto startet das skurrile Gespann zu einem Trip in die tiefste ukrainische Provinz und zum Anfang der Welt des Schetls Trachimbrod, dessen Zukunft unerbittlich auf den Holocaust zusteuern sollte.
In dem komplex komponierten und zwischen verschiedenen Zeitebenen pendelnden Roman wechseln sich Reisebericht, Rückblick und Briefe von Alexander an den wieder nach Amerika zurückgekehrten Helden ab. Alexander, der seinen eigenen großmäuligen Angaben zufolge an der Universität schon "im zweiten Jahr Englisch maßlose Leistungen gebracht" hat, erweist sich dabei als ein erstklassiger Meister in der Verdrehung und Verballhornung der Sprache - sie ist ebenso naiv wie schlitzohrig, ebenso poetisch wie obszön.

Überschäumender Schalk

Jonathan Safran Foer, der in Princeton Literatur und Philosophie studiert hat und bei Joyce Carol Oates das "Creative writing" von der Pike auf lernte, führt seine Leser auf dieser doppelbödigen Reise durch die tiefsten Täler der Traurigkeit und auf die höchsten Gipfel der Komik - kaum sind die bittersten Tränen getrocknet, da folgen schon wieder ungehemmte Lachanfälle und ungläubigstes Erstaunen ob der furiosen Fantasie dieses jungen Amerikaners. "Als Schriftsteller", so erläutert Foer das emotionale Wechselbad, "wollte ich die schwarze Materie der Gefühle erkunden, die nicht weniger real oder surreal ist wie die schwarze Materie im Weltraum."
Foer, der sich selbst als "Jude mit ironischer Distanz zur Religion" bezeichnet und zu Beginn dieses zweijährigen Roman-Projektes "keine Verbindung oder ein großes Interesse an der Vergangenheit verspürte", führt seine Leser mit überschäumenden Schalk in die sinnen- und farbenfrohe Welt der jüdischen Mythen, Märchen und Traditionen. Um so gnadenloser bricht die unerbittliche Grausamkeit und Gewalt des Holocaust herein, die fast bis zur Unerträglichkeit in drastischen Szenen geschildert wird. Der Humor scheint dabei die einzige Möglichkeit, zugleich das Leben zu feiern und zu verstehen, "wie wunderbar und schrecklich die Welt ist."
Jonathan Safran Foer hat mit "Alles ist erleuchtet" ein mutiges und mitreißendes Debut vorgelegt, in dem sich Fantasie und (erschütternde) Wirklichkeit rauschhaft verzahnen und kontrastieren. Foer selber schlägt, vor sein Buch idealerweise so zu lesen, wie man Musik hört: "You should want to turn up the volume as you read, and up and up, until the neighbors ask you to turn it down, an you reply: "What? I cant' hear you! I'm reading!"

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © titel-magazin